Ecstasy-Studie widerrufen Forscher warfen Drogen durcheinander

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Die Partydroge Ecstasy könne schon in kleinen Mengen schwere Hirnschäden verursachen, schrieben Forscher in einem renommierten Magazin. Jetzt stellte sich heraus, dass sie beim Tierversuch die Drogenbehälter verwechselt hatten.


Verwechslung: Anstatt Ecstasy gaben die Forscher den Tieren Amphetamine
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Verwechslung: Anstatt Ecstasy gaben die Forscher den Tieren Amphetamine

Die Ergebnisse ihres Experiments ließ die Wissenschaftler erschaudern. Innerhalb von drei Stunden hatten sie ihren zehn Laboraffen drei Dosen Ecstasy verabreicht, um die Bedingungen auf Techno-Partys zu simulieren, bei denen Raver die ganze Nacht tanzen und Pillen futtern. Wenige Stunden später starben zwei der zehn Versuchstiere qualvoll an Überhitzung, zwei weitere trugen schwere Schäden davon.

Angeblich erhöhtes Parkinson-Risiko

George Ricaurte und seine Kollegen von der Johns Hopkins University in Baltimore schlugen Alarm. Im September 2002 berichteten sie im renommierten US-Fachmagazin "Science", dass das in Ecstasy-Pillen enthaltene Methylen-Dioxymethamphetamin (MDMA) die Dopamin produzierenden Neuronen im Gehirn stark beschädige - die gleichen Neuronen, die auch bei Parkinson-Patienten zerstört werden. Selbst für kurzzeitige Konsumenten bestehe in späteren Lebensjahren ein erhöhtes Risiko, an Parkinson zu erkranken.

Rave-Tänzer konsumieren Ecstasy, um die ganze Nacht lang fit zu bleiben
DDP

Rave-Tänzer konsumieren Ecstasy, um die ganze Nacht lang fit zu bleiben

Nun mussten die Forscher ihre Ergebnisse widerrufen - nachdem sich herausgestellt hatte, dass in der Studie gar kein Ecstasy verwendet worden war. Das Forscherteam veröffentlichte in "Science" einen Widerruf, in dem es heißt, dass die Tiere bis auf eine Ausnahme nicht MDMA, sondern Amphetamine bekamen. Der Fauxpas sei auf einen Beschriftungsfehler auf den verwendeten Chemikalienflaschen zurückzuführen.

"Es sterben nicht 40 Prozent der Konsumenten"

Die Wissenschafts-Gemeinde reagierte auf die eher schwache Ausrede mit beißendem Spott. Schon die Zahl der toten und schwer geschädigten Affen hätte die Forscher stutzig machen müssen, meinte Colin Blakemore, Physiologie-Professor an der Oxford University. "Egal, für wie giftig man Ecstasy hält", sagte Blakemore der britischen BBC, "es sterben nicht jedes Wochenende 40 Prozent der Konsumenten."

Ähnlich äußerte sich John Henry, Professor am Imperial College in London und einer der führenden Drogenexperten in Großbritannien. "Ich bin überrascht, dass erfahrene Wissenschaftler einen solchen Fehler machen konnten", sagte er dem Fachblatt "New Scientist". "Sie hätten wissen sollen, dass die Ergebnisse extrem ungewöhnlich waren."

Das Forschungsteam um Ricaurte war auf den Fehler aufmerksam geworden, nachdem mehrere Versuche fehlgeschlagen waren, die ursprünglichen Experimente mit den gleichen Ergebnissen zu wiederholen. Weitere Nachforschungen ergaben, dass sowohl MDMA als auch Amphetamine am selben Tag in identischer Menge und Verpackung geliefert wurden.

Drei unabhängige Laboruntersuchungen bestätigten daraufhin, dass die Flasche mit der Aufschrift "Amphetamine" in Wirklichkeit MDMA enthielt. Der Inhalt der von den Forschern verwendeten Flasche konnte nicht mehr analysiert werden, da sie bereits leer war. Eine Untersuchung der eingefrorenen Gehirne der zwei bei den Versuchen gestorbenen Tieren ergab, dass diese nicht mit MDMA, sondern mit Amphetaminen behandelt worden waren.

Doch auch nachdem sie ihre Forschungsergebnisse für nichtig erklären mussten, bleiben die US-Wissenschaftler bei ihrer Behauptung, Ecstasy könne einen gravierenden Einfluss auf das Dopamin-System im menschlichen Gehirn haben. Es ist allgemein bekannt, dass Ecstasy den Serotonin-Kreislauf im Gehirn schädigen kann, die Auswirkungen auf das menschliche Dopamin-System sind jedoch umstritten.



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