Editha-Sarg DNA-Analyse soll Rätsel um Königin lösen

Haben Forscher die Gebeine von Königin Editha, der Frau von Otto dem Großen, entdeckt? Die Inschrift des kürzlich im Magdeburger Dom entdeckten Sargs spricht dafür. Eine DNA-Analyse soll nun Klarheit bringen - doch der Domprediger protestiert gegen die Störung der Totenruhe.


Halle - Archäologen haben in Halle erstmals den kürzlich entdeckten Bleisarg präsentiert, in dem sie königliche Gebeine vermuten. Laut einer Inschrift handelt es sich um Königin Editha, die von 910 bis 946 lebte und die erste Gemahlin Ottos des Großen war, des Gründers des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation.

Wissenschaftler hatten den Sarg Mitte November bei Grabungen im Magdeburger Dom entdeckt. Er lag in einem Sarkophag, den man bis dahin für ein Scheingrab - ein sogenanntes Kenotaph - gehalten hatte. Es war im Jahr 1510 errichtet worden und befindet sich im Chorumgang des gotischen Doms, wenige Meter vom Grabmal Ottos des Großen entfernt. Bei den Grabungen unter dem Kenotaph wurden bedeutende Mauerreste eines Vorgängerbaus des Magdeburger Doms gefunden. Um sie näher untersuchen zu können, musste der aus Sandstein gebaute Sarkophag verschoben werden.

Zuvor wurde mit einer Kamerafahrt festgestellt, dass der Behälter nicht leer ist. Als der mehr als eine Tonne schwere Deckel des Sarkophags mit einem Kran angehoben wurde, kam darunter eine etwa 70 Zentimeter lange Bleikiste zum Vorschein, welche die umgebetteten Gebeine von Editha enthalten soll. Ob es sich dabei tatsächlich um die sterblichen Überreste der Königin handelt, soll nun wissenschaftlich geprüft werden. Mit C14-, DNA-, Sauerstoff-, Strontium- und Stickstoff-Untersuchungen wollen die Archäologen das Geheimnis lüften.

Störung der Totenruhe?

Grabungsleiter Rainer Kuhn bezeichnete die Entdeckung des Königsgrabs als Fund ersten Ranges, der die Wissenschaft noch Jahre beschäftigen wird: "Es ist ein großer Tag für die Mittelalter-Forschung." Landesarchäologe Harald Meller sprach gar von einem der bedeutendsten Funde der Mittelalter-Archäologie der zurückliegenden Jahrzehnte.

Der Magdeburger Domprediger Giselher Quast aber warf den Archäologen Störung der Totenruhe vor: "Dieser Sarg hätte nie geöffnet werden dürfen. Gräber werden bei uns in der Evangelischen Kirche nicht angerührt!" Man habe "kein Interesse an sensationellen Enthüllungen", so Quast. "Wir haben ein Interesse an der Ruhe der Toten."

Der Bleisarg war unter strengster Geheimhaltung geborgen und ins Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie in Halle gebracht worden. Erste Sichtungen und Röntgenuntersuchungen ergaben, dass sich darin außer Gebeinen auch ein Leinentuch und weitere Textilien befinden.

Mit modernen wissenschaftlichen Methoden lassen sich selbst lange nach dem Tod eines Menschen noch große Teile seiner Lebensgeschichte rekonstruieren. So kann eine Strontium-Analyse verraten, ob eine Person beispielsweise jemals Wasser in England getrunken und längere Zeit in Mitteldeutschland gelebt hat. Strontium kommt in der Natur in unterschiedlichen Isotopen vor, deren Verhältnis sich von Region zu Region unterscheidet. Da es auch in die Knochen gelangt, verrät es etwas über die Biografie eines Toten.

Die Untersuchungen an den vermutlich königlichen Gebeinen sollen in Mainz durchgeführt werden und rund anderthalb Jahre in Anspruch nehmen. Erst dann wird ein endgültiges Ergebnis vorliegen.

Königin Editha entstammte einem englischen Königsgeschlecht. Sie heiratete 929 Otto I. und herrschte gemeinsam mit ihm. Otto schenkte ihr als Morgengabe die Stadt Magdeburg, seine Lieblingsresidenz. Editha wurde sehr verehrt für ihre Großzügigkeit gegenüber armen Leuten. Sie starb im Alter von nur 36 Jahren und wurde im Mauritiuskloster zu Magdeburg beigesetzt. Aus den Urkunden geht hervor, dass ihr Leichnam mindestens viermal umgebettet wurde.

hda/AP/dpa



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