"edition unseld"-Essay Wie die Wissensgesellschaft betrogen wird
Das Wissen der Welt wächst explosiv. Doch aus Profitgier und Angst wird der Zugang zu neuen Erkenntnissen immer stärker beschränkt. Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin warnt in einem Essay für SPIEGEL ONLINE vor einem neuen dunklen Zeitalter der Desinformation und Ignoranz.
Wir stehen am Beginn des Informationszeitalters, in dem der Zugang zu Wissen in vielerlei Hinsicht wichtiger ist als der Zugang zu materiellen Ressourcen. Tatsächlich wird aber in dieser sogenannten Wissensgesellschaft der Zugang zu Informationen versperrt, und frei erworbene Erkenntnisse werden aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen als illegal erklärt. Die zunehmenden Bemühungen von Staaten, Unternehmen und Individuen, Konkurrenten um jeden Preis davon abzuhalten, bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie selbst wissen, hat zu einer erstaunlichen Ausweitung des Schutzes geistigen Eigentums im Urheberrecht und zu einer beträchtlichen Ausweitung staatlicher Geheimhaltungsmöglichkeiten geführt.
Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Das Antitrust-Urteil zu Microsoft institutionalisiert die Monopolisierung der Kommunikation durch private Unternehmen. Die Gerichte stützen heute Patentansprüche auf Personaleinstellungs-Strategien, Immobilienverkaufstechniken, das Auffinden chemischer Korrelationen im Körper und die Entdeckung von Genen. Weite Bereiche der Naturwissenschaften, vor allem der Physik und der Biologie, sind inzwischen für den öffentlichen Diskurs gesperrt, weil daraus angeblich Gefahren für die nationale Sicherheit erwachsen.
In der Wissenschaftsgemeinde hat Laughlin nicht nur Freunde: Er ist ein scharfer Kritiker von Theorien, die nach seinem Geschmack nicht ausreichend experimentell belegt sind. Die derzeit hypothetische Weltformel, die alle physikalischen Phänomene erklären können soll, und die Urknall-Theorie bezeichnet Laughlin gern als spekulativ oder gar quasireligiös.
Die University of California und eine Firma namens Eolas erstritten gerade ein Urteil über 521 Millionen Dollar gegen Microsoft wegen der angeblichen Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Internetbrowser-Protokollen. Die Firma Research In Motion, Eigentümer der beliebten Blackberry Wireless Services, zahlte gerade im Rahmen eines Vergleichs 450 Millionen Dollar wegen der Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Protokollen für die drahtlose Datenübertragung. Das City of Hope Medical Center erstritt ein Urteil über 500 Millionen Dollar gegen die Firma Genentech wegen der Missachtung von Lizenzverpflichtungen aus der Nutzung eines für die DNA-Rekombinierung wesentlichen Patents. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.
Inzwischen werden auch einzelne Personen in gezielter Weise wegen solcher Patentverletzungen verfolgt: Der Genetiker Wayne Grody von der University of California in Los Angeles musste seine Forschung zu erblicher Taubheit im Zusammenhang mit dem Gen Connexin 26 abbrechen, weil der Besitzer des für dieses Gen gewährten Patents, die Firma Athena Diagnostics, dafür Lizenzgebühren verlangte, die der Forscher nicht aufbringen konnte. Der Modelleisenbahner Bob Jacobsen erhielt Drohbriefe und eine Rechnung über 203.000 Dollar von KAM Industries, weil er angeblich deren Patentrechte verletzt hatte, als er ein Computerprogramm schrieb und veröffentlichte, mit dem man Modelleisenbahnen steuern konnte. Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle eine Verletzung von Microsoft-Patenten dar.
Die Abschottung und Privatisierung von Wissen führt hier also dazu, dass weniger Erfindungen und damit neues Wissen entstehen können. Auch auf anderen Gebieten ist es nicht immer sinnvoll, Wissen geheimzuhalten. So soll etwa in den Vereinigten Staaten der Atomic Energy Act dafür sorgen, dass nicht jeder Zugang zu Informationen über Kerntechnologie hat, wegen der Gefahr des Missbrauchs. Aber die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten mit diesem Gesetz gemacht haben, zeigen deutlich, dass die dort bestimmten Straftatbestände und Strafandrohungen die Ausbreitung kerntechnischen Wissens nicht verhindert haben.
- 1. Teil: Wie die Wissensgesellschaft betrogen wird
- 2. Teil: Freiwillige Selbstzensur statt Patentrecht? Wie Angst und Tabus die Forschung blockieren

