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Einbalsamierung: Forscher lösen Rätsel der makellosen Mumie

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Rosalia Lombardos Leiche gilt als schönste Mumie der Welt. Seit langem rätseln Experten, mit welcher Technik das vor fast 90 Jahren in Palermo gestorbene Mädchen präpariert wurde - jetzt haben Forscher die Formel für die entscheidende Flüssigkeit entdeckt.

Rosalia Lombardo war eines der letzten Opfer der Spanischen Grippe. Als sie im Jahr 1920 starb, hatte sie noch nicht einmal ihr drittes Lebensjahr vollendet. Ihr Vater, der sizilianische General Mario Lombardo, war außer sich vor Trauer. Er wollte sein kleines Mädchen nicht verlieren. Also bekniete er die Mönche des Kapuzinerklosters Palermo, Rosalia einen Platz in deren Gruft, den Catacombe dei Cappuccini, zu gewähren.

Eigentlich wurden dort bereits seit 30 Jahren keine Toten mehr bestattet. Aber die Mönche machten eine Ausnahme. So musste der General seine Tochter nicht unter der Erde begraben, sondern konnte sie besuchen und anschauen, so oft er wollte. Denn das Mikroklima in der Gruft sorgte dafür, dass Leichen außergewöhnlich gut erhalten blieben.

Mario Lombardo aber wollte nicht nur seine Tochter für die Ewigkeit bewahren, sondern auch ihre Schönheit. Also rief er Alfredo Salafia zu Hilfe. Der Einbalsamierer war bereits eine Berühmtheit weit über die Grenzen der Insel hinaus. 1902 hatte er den Körper von Italiens Premierminister Francesco Crispi behandelt, zwei Jahre später den Erzbischof von Palermo, Pietro Michelangelo Celesia. Beide wurden wiederholt exhumiert - und sahen jedes Mal so aus, als seien sie nur für ein Mittagsschläfchen kurz eingenickt. Sogar in New York präparierte Salafias Neffe Achille Salomone für das Familienunternehmen, die Salafia Permanent Method Embalming Company, Leichen.

Geheimnis mit ins Grab genommen

Salafia war der richtige Mann für Lombardo - und die kleine Rosalia sollte jener Leichnam werden, für den der Einbalsamierer bis heute bekannt ist. Denn selbst nach fast 90 Jahren verzaubert das Mädchen in ihrem Glassarg noch die Besucher. Jedes Härchen auf ihrer pfirsichfarbenen Haut ist erhalten. Das Gesicht ist so zart und friedlich, als sei sie eben erst eingeschlafen. Rosalia gilt als die schönste Mumie der Welt.

Wie hat der Meistereinbalsamierer das vollbracht? Bekannt war nur, dass Salafia Rosalias Blut gegen eine andere Flüssigkeit austauschte. Die genaue Rezeptur dieses "Salafia Perfection Fluid" aber blieb ein gut gehütetes Familiengeheimnis. So gut, dass Salafia es mit in sein Grab auf dem Friedhof Santa Maria di Gesù nahm, als er 1933 starb.

Die Mumie der Rosalia Lombardo fasziniert seitdem die Besucher - und die Wissenschaft. Doch die Kapuzinermönche weigern sich, den Leichnam für eine Probenentnahme freizugeben - schließlich hatten sie Rosalias Vater versprochen, dass seine Tochter in Frieden ruhen würde. Salafias Geheimnis schien für immer verloren, bis eine Gruppe italienischer und amerikanischer Wissenschaftler seine Nachfahren aufspürte und in seinem Nachlass ein Manuskript mit dem Titel "New special method for the preservation of the entire human cadaver in the state of permanent freshness" entdeckte.

In der wunderschön geschwungenen Handschrift des Einbalsamierers stand darin notiert, was er in Rosalias Adern injiziert hatte: ein Teil Glyzerin, ein Teil Formalin, angereichert mit Zinksulfat und Chloriden, dazu ein dritter Teil Alkohollösung mit Salicylsäure. In der Märzausgabe der Zeitschrift "Virchows Archiv" berichten die Forscher von ihrem Fund.

"Im Großen und Ganzen unterscheidet sich die Flüssigkeit also gar nicht so sehr von dem, was wir heute benutzen", sagt Melissa Johnson-Williams im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Co-Autorin des Aufsatzes und Vorsitzende der American Society of Embalmers muss es wissen - schon ihre beiden Eltern arbeiteten als Einbalsamierer, und sie selber ist Expertin für historische Einbalsamierungstechniken. "Lediglich Zink wird heute nicht mehr benutzt, weil es schwierig zu handhaben ist."

Abfluss über Venenschnitt

Auch mit dem Formaldehyd gehen die Einbalsamierer heutzutage sparsamer um. Formalin, eine 35- bis 37-prozentige Lösung von Formaldehyd mit Methanol, wird fast nur zur Konservierung von Gewebeproben für anatomische Studien verwendet. Die üblichen Lösungen enthalten nur zwischen fünf und 35 Prozent des bei Lebenden krebserregenden Stoffes - je nach dem, wie lange der Leichnam noch aufbewahrt oder gar aufgebahrt werden soll.

Auch die von Salafia verwendete Technik zum Austausch der Körperflüssigkeit wird heute noch genau so von den Einbalsamierern praktiziert: Er stach die Kanüle in eine Oberschenkelarterie, platzierte den Behälter mit Flüssigkeit über Rosalias Körper und ließ die Schwerkraft arbeiten. Das verdrängte Blut floss über einen Venenschnitt ab. "Das ist die simpelste Methode", erklärt Johnson-Williams.

Nicht immer ist es so einfach. "Gerade bei Autopsien werden oft wichtige Blutgefäße durchtrennt." Dann muss man an mehreren Stellen die Flüssigkeit einleiten, entweder an den Armen oder auch an der Halsarterie. "Wir arbeiten heute mit elektrischen Pumpen, das macht die Arbeit sehr schnell", ergänzt sie. Etwa zwei bis zweieinhalb Stunden braucht ein Einbalsamierer heute nur noch, um einen Toten komplett für die Aufbahrung herzurichten.

An der Arbeit der Einbalsamierer hat sich also wenig geändert. "Wohl aber an den Toten", erzählt Johnson Williams. Nicht nur Autopsien, auch Organspenden und vor allem lebensverlängernde Maßnahmen verändern den Körper. "Früher starben die Menschen in einem einigermaßen guten körperlichen Zustand. Heute sind ihre Körper oft aufgeschwemmt und vollgepumpt mit Medikamenten." Manche dieser Stoffe reagieren mit den Chemikalien der Einbalsamierungslösung - da ist Vorsicht geboten.

Zwar gelingt es den Ärzten in vielen Fällen, das Leben von Menschen zu verlängern - der zähe Todeskampf aber zeichnet die Gesichter der Verstorbenen. Die Hinterbliebenen jedoch möchten ihre Angehörigen bei der Aufbahrung so sehen, wie sie ihnen aus glücklicheren Tagen noch in Erinnerung sind. "In solchen Fällen versuchen wir, an Hand von Fotos die Gesichter wieder so hinzubekommen, wie sie vor der letzten Lebensphase aussahen", verrät Johnson-Williams.

Das Aufhübschen von Leichen passt zu einer Kultur, die sehr auf das Aussehen fixiert ist. Der Schein soll im wahrsten Sinne des Wortes bis zum letzten Augenblick gewahrt bleiben. In Europa, und vor allem in Deutschland, wird post mortem nur minimal am Äußeren der Verstorbenen nachgebessert, gefragt ist eher eine möglichst natürliche Erscheinung - mit allen optischen Konsequenzen, die der Tod eben so mit sich bringt.

Noch etwas ist fast gleich geblieben, seit Alfredo Salafia die kleine Rosalia Lombardo für die Ewigkeit herrichtete: der Preis. 300 Dollar verlangte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Salafia Permanent Method Embalming Company für die Präparierung eines Leichnams. Auch heute ist eine Einbalsamierung schon für 300 Dollar zu haben. "Es kommt ein bisschen darauf an, wo man wohnt", erklärt Johnson-Williams die Preise. "In New York City würden sie aber deutlich mehr dafür zahlen müssen - so wie ja auch die Autohändler in den Ballungszentren mehr für den gleichen Wagen verlangen als in ländlichen Regionen."

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