"Einsetzbare Atomwaffen": Forscher entwerfen Bushs nukleare Sense

Von Markus Becker

US-Waffentechniker haben erstmals in einem nicht-geheimen Dokument die Anforderungen an eine neue Generation von Atombomben formuliert. Die "Mini-Nukes" sollen präzise und flexibel sein, relativ wenig Menschen töten - und Nuklearwaffen zu einem Teil der "normalen" Kriegführung machen.

Explosion einer Atomwaffe: Immer größere Sprengkraft aus immer kleineren Bomben
AP

Explosion einer Atomwaffe: Immer größere Sprengkraft aus immer kleineren Bomben

Bagdad, am 8. April 2003: Die US-Armee bekommt den Tipp, auf den sie lange gewartet hat. Saddam Hussein soll nebst Gefolge und seinen beiden Söhnen in einem Restaurant eingekehrt sein. 45 Minuten später bricht im Stadtteil Mansur die Hölle los: Zwei 900 Kilogramm schwere Bomben des Typs GBU-31 bohren sich metertief in die Erde und pulverisieren das Gebäude. Sekunden später detonierten zwei weitere Bomben gleicher Größe an der Oberfläche und zerreißen jeden in der Nähe. Wo zuvor das Restaurant stand, klafft ein 18 Meter tiefer Krater.

In gewisser Hinsicht hatte Bagdad Glück an diesem Tag. Wären die Vorhaben der US-Regierung und ihrer Waffenforscher einige Jahre weiter gediehen, wäre der Diktator vielleicht gestorben, mit ihm allerdings auch Tausende Zivilisten. "Führungspersonen und Kommandoeinheiten" gehören in den Szenarien der US-Falken zu den erklärten Zielen der neuen Generation von kompakten, "einsetzbaren" Atomwaffen.

"Verminderte Kollateralschäden"

In einem politisch brisanten Dokument haben Wissenschaftler des Los Alamos National Laboratory, einer der führenden Atomwaffenschmieden der USA, erstmals eine detaillierte technische Analyse über die Fähigkeiten und Vorzüge so genannter "Mini-Nukes" vorgelegt - und nebenbei einen neuen Euphemismus kreiert: "Reduced Collateral Damage Weapons", Waffen mit verminderten Kollateralschäden.

Amerikanischer "Bunkerknacker" vom Typ GBU-28: Maximal 18 Meter tief
US Airforce

Amerikanischer "Bunkerknacker" vom Typ GBU-28: Maximal 18 Meter tief

Das Papier, veröffentlicht im rechtskonservativen Magazin "Comparative Strategy", ist im Wesentlichen eine Melange aus Ideen der fünfziger Jahre und moderner Waffentechnik: Die Gewinnung immer größerer Vernichtungskraft aus immer kleineren Sprengsätzen wird kombiniert mit moderner Laser- und Satellitentechnik, um mit präzisen Bombardements tief im Erdreich versteckte Kommandobunker und Waffenfabriken zu zerstören.

Das Hauptargument von Los-Alamos-Forscher Bryan Fearey und seinen Kollegen ist, dass eine Atomwaffe ihr Ziel mit einem relativ kleinen Sprengsatz zerstören kann, wenn sie präzise genug trifft und sich vor der Explosion metertief in die Erde bohrt. Ein seismischer Hammerschlag würde mit seinen Schockwellen jede unterirdische Struktur zermalmen, zugleich gäbe es zehn Mal weniger zivile Todesopfer als bei einer normalen nuklearen Explosion an der Erdoberfläche.

Sense statt Skalpell

In einem Rechenmodell erklären die Wissenschaftler, dass auf diese Weise schon eine Atombombe mit einer Brisanz von nur einer Kilotonne TNT einen unterirdischen Bunker genauso "knacken" könne wie ein an der Oberfläche gezündeter 50-Kilotonnen-Sprengsatz. Zum Vergleich: Die Hiroshima-Atombombe, die 1945 rund 100.000 Menschen tötete, hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen.

Bagdader Stadtteil Mansur nach Bombenangriff: Gezielte Attacken auf feindliches Führungspersonal
DPA

Bagdader Stadtteil Mansur nach Bombenangriff: Gezielte Attacken auf feindliches Führungspersonal

Allerdings nähme sich eine derartige "Mini-Nuke" gegenüber einer großformatigen Atomwaffe nicht wie ein Skalpell gegenüber einer Keule aus, wie Fearey suggeriert, sondern noch immer wie eine Sense. Die Ein-Kilotonnen-Bombe, gezündet in zehn Metern Tiefe, würde einen Krater von der Größe eins Fußballfelds reißen und eine Fontäne von 40.000 Kubikmetern verstrahltem Erdreich gen Himmel werfen. Ein Gebiet von 30 Quadratkilometern wäre der Studie zufolge radioaktiv verseucht. Innerhalb eines Umkreises von 700 Metern würde jeder Mensch augenblicklich sterben, noch 1200 Meter entfernt wäre die Strahlendosis tödlich.

Zu den erklärten Zielen der neuen Atomwaffen gehören der Studie zufolge Führungspersonen und Befehlsstände, Anlagen zur Herstellung und Lagerung von Massenvernichtungswaffen und wichtige Teile der Infrastruktur - mithin Ziele, die oft in dicht bewohnten Gebieten liegen. Die Forscher halten die Vernichtungskraft der "Mini-Nukes" dennoch für gering genug, um ihren eigentlichen Zweck zu erfüllen: die Drohung eines Einsatzes von Atomwaffen glaubwürdig zu machen.

Nukleare Option soll realistisch werden

Sie argumentieren, dass ein "Schurkenstaat" nur dann von der Beschaffung von Massenvernichtungswaffen abgehalten werden könne, wenn er einen Atomschlag tatsächlich befürchten müsste. Die Drohung mit den derzeit im US-Arsenal befindlichen Atomwaffen sei dagegen unglaubwürdig: Kein US-Präsident nähme die katastrophalen Opferzahlen unter Zivilisten in Kauf, um ein unschuldiges Volk von einer gefährlichen Führungsclique zu befreien - glauben zumindest Fearey und seine Mitarbeiter.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: Verfechter der Präventivschlag-Doktrin
DPA

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld: Verfechter der Präventivschlag-Doktrin

Kritiker halten die "Mini-Nukes" dagegen für eine klassische Erstschlagswaffe, die verdächtig gut in die Präventivschlag-Doktrin der Regierung Bush passt. Sie bewirke das Gegenteil von größerer Sicherheit: Staaten, die sich von den USA bedroht fühlen, würden erst recht dazu getrieben, sich selbst nuklear zu bewaffnen - um ihrerseits die übermächtigen Amerikaner abzuschrecken.

Abgesehen von fragwürdigen politischen Aussagen enthält die Fearey-Studie auch in technischer Hinsicht gewagte Annahmen. Experten sind etwa der Ansicht, dass biologische und chemische Kampfstoffe in unterirdischen Bunkern keinesfalls durch einen Atom-Angriff unschädlich gemacht werden können. Die Bombe müsse schon direkt im Bunker explodieren, um die Kampfstoffe mit ihrer Hitze zu verzehren. Eine seismische Attacke, wie sie Fearey vorschlägt, würde den tödlichen Inhalt des Bunkers jedoch über ein weites Gebiet verstreuen.

Um vor einem direkten Treffer geschützt zu sein, muss ein Anlage nicht einmal besonders tief vergraben sein. Die besten "Bunkerknacker" des Pentagon erreichen eine maximale Tiefe von 18 Metern. Größeren Leistungen stehen die Gesetze der Physik im Wege: "Die Tiefe des Eindringens ist von der Stärke der Geschosshülle abhängig. Selbst die stärksten Materialien würden sich verformen oder sogar schmelzen bei Aufschlaggeschwindigkeiten von mehr als einigen Kilometern pro Sekunde", argumentierte der Physiker Robert Nelson in einer von der Federation of American Scientists (FAS) veröffentlichten Studie.

Ziel: "Einsetzbare" Atomwaffen

Die National Nuclear Security Administration hat dem Fearey-Papier zufolge dennoch mit einer "Advanced Concept Initiative" begonnen. Das Programm soll "Konzepte für neue Gefechtsköpfe und Modifikationen finden, um die Anforderungen des Verteidigungsministeriums zu erfüllen, die vom aktuellen Arsenal nicht abgedeckt werden". Das Endziel seien "einsetzbare" Nuklearwaffen, zu deren Entwicklung auch über eine Neuaufnahme von Atomtests nachgedacht werden müsse. Vergangene Woche gab das Repräsentantenhaus grünes Licht für die Entwicklung der "Mini-Nukes"; die Zustimmung des Senats wird innerhalb der kommenden zwei Wochen erwartet.

Dass die Regierung von George W. Bush in den kleinen Atomwaffen mehr als nur ein Mittel zur hypothetischen Abschreckung sehen könnte, befürchten mittlerweile selbst US-Politiker: "Wenn wir sie bauen, werden wir sie auch einsetzen", sagte etwa der demokratische Senator Edward Kennedy. "Das ist eine Einbahnstraße, die nur zu einem Atomkrieg führen kann."

Fearey und seine Kollegen glauben dagegen, dass der Einsatz von Atomwaffen ungeachtet ihrer Größe immer eine "schmerzhafte Entscheidung" für einen US-Präsidenten wäre - und nur im äußersten Notfall getroffen würde. Allerdings scheinen die Autoren ihrem eigenen Optimismus selbst nicht recht zu trauen. Mancher Gegner könne zwar glauben, dass die USA ihre großformatigen Atombomben niemals einsetzen würde. "Doch ein solches Kalkül", so die Forscher, "könnte unangebracht sein."

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