Eisenbahn der Zukunft Rohrpost für Europaletten

Überall tüfteln Forscher an der Lösung unserer Verkehrsprobleme. Viele setzen auf Eisenbahntechnik: Fracht soll unterirdisch durch Röhren oder auf Stelzen über der Autobahn sausen, Güterwagen sollen ganz allein über Schienen rollen. Erste Tests der Konzepte laufen bereits.

Von Karsten Schäfer


Rohre für den Güterverkehr

Unterirdischer Frachttransport soll die Lösung gegen den Verkehrsinfarkt im Ruhrgebiet werden. Dietrich Stein, Professor für Leitungsbau, und sein Team von der Uni Bochum wollen den Güterverkehr in Ballungszentren künftig mit schnittigen kleinen Kapseln durch Rohrleitungen schicken. Jedes der sogenannten CargoCaps (von Cargo Capsule) soll zwei Europaletten mit Fracht laden, bevor es seine Fahrt durch die 1,6 Meter großen Rohre beginnt. Die Güterkapseln rollen auf Schienen und werden von Elektromotoren auf moderate 36 Stundenkilometer beschleunigt.

Der nötige Strom gelangt berührungslos über eine Induktionsschiene ins Rohrfahrzeug. Mehrere CargoCaps können radarüberwacht in einem lockeren Verbund mit zwei Meter Abstand untereinander fahren. Um an einer Verzweigung aus der Kolonne auszuscheren, schwenken die Rohrgänger einen Arm aus, der in eine Schiene in der Wand greift. An diesem Arm zieht sich das Schienenfahrzeug dann um die Kurve.

Größte Vorteile der Rohrleitungsbahn: Sie braucht kein Planfeststellungsverfahren und kann komplett unter öffentlichem Grund verlegt werden. Mit der Technik des unterirdischen Rohrvortriebs lassen sich von einer Baugrube aus bis zu zwei Kilometer Rohr waagerecht in den Boden schieben. In Bochum steht bereits eine Modellanlage mit zwei CargoCaps und 160 Meter Schienen.

Die Initiative "Land der Ideen" zeichnete das CargoCap Anfang Dezember als besonders innovativ aus. Für die Strecke Dortmund-Duisburg will Stein demnächst eine Marktpotenzialanalyse machen lassen, mit Unterstützung des NRW-Verkehrsministeriums.

Güterwagen allein unterwegs

Um den Güterverkehr flexibler zu machen und so mehr davon auf die Schiene zu holen, schicken Forscher einzelne Güterwagen auf Reisen. Und das ohne Lok und ohne Fahrer. Dafür hat die Technische Hochschule in Aachen zusammen mit Siemens den Cargo Mover entwickelt, einen dieselgetriebenen Güterwagen, der zwei Container transportieren kann.

Mit einer Sensorik aus Radar, Laser und Video ist der Cargo Mover in der Lage, 80 Meter Strecke vor sich zu überwachen und bei Behinderungen die Notbremse zu ziehen. Gefüttert mit einer Zieladresse, findet der Güterwagen seinen Weg völlig selbstständig. Allerdings nur auf Strecken mit elektronischen Stellwerken, denen der Cargo Mover seine Route über Funk mitteilen kann und die dann die Weichen für ihn stellen.

Der autonome Güterwagen bringt es auf 90 Kilometer pro Stunde und verbraucht rund 30 Prozent weniger als ein vergleichbarer Lkw. Zurzeit liegt das Projekt aber auf Eis. Nur die Schweiz hat das Konzept untersucht und Interesse signalisiert.

Bahnfahren über der Autobahn

Bisher existiert der sogenannte People Cargo Mover nur auf dem Papier und als schicke Animation im Internet: Die Idee ist, Züge für Personen und Fracht an einem Stahlbetonträger über Autobahnen fahren zu lassen. Der Träger soll auf Stützen im Mittelstreifen stehen. Die People oder Cargo Mover laufen in Schienen, die seitlich an dem Betonträger angebracht sind. So könnte mit einem einzigen Betonträger eine zweispurige Bahn betrieben werden.

Der Erfinder des People Cargo Mover, Ralf Wörzberger, hat mit seiner Idee bereits das Interesse des Bundesforschungsministeriums gewonnen, das einen ersten Entwurf zu Bahnhöfen, Weichen und der Statik des Projekts gefördert hat. Wörzberger, Bauingenieur und Professor für Architektur an der Fachhochschule Düsseldorf, würde in einem zweiten Entwurf gern den Antrieb des Systems näher untersuchen. Angedacht sind sowohl ein Linearmotor in den Fahrzeugen als auch herkömmliche Rollenantriebe, die den People Cargo Mover auf 200 Kilometer pro Stunde bringen sollen.

Technology Review , Heise Zeitschriften Verlag, Hannover



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