Ausgegraben

Schlechte Hygiene bei den Kelten Parasiten überall

Parasiten im Boden: Rekonstruierte Siedlung Basel-Gasfabrik um 100 vor Christus
ABBS

Parasiten im Boden: Rekonstruierte Siedlung Basel-Gasfabrik um 100 vor Christus


Im Boden, auf Gemüse und im Fleisch - keltische Siedlungen waren mit Parasiten übersät. Ein Zeichen für die schlechten hygienischen Zustände in der Eisenzeit. Besonders Kinder dürften gelitten haben.

So ziemlich jeder hatte sie: Darmparasiten gehören seit jeher zu den Mitbewohnern des Menschen. Sandra Pichler von der Universität Basel und Kollegen haben im Boden der keltischen Siedlung Basel-Gasfabrik nach Parasiteneiern gesucht - und jede Menge gefunden. "Das besondere an dem Befund sind aber nicht die Parasiteneier als solche", schreibt die Archäologin. Die Zusammensetzung der Tiere im Darm verrät aber vieles über die Lebensweise der Menschen und die damaligen Hygienezustände.

Der am längsten bekannte Parasit ist der Madenwurm - er ist bis heute noch der weltweit verbreitetste Eingeweidewurm beim Menschen. Spätestens seit der Jungsteinzeit lassen sich dann auch Peitschenwürmer und Bandwürmer nachweisen, gegen Ende der Bronzezeit und zu Beginn der Eisenzeit eroberten Peitschenwurm, Spulwurm und Bandwurm endgültig ihren festen Platz im Menschen. Wo es feucht war, gesellten sich Leberegel und Nierenwurm dazu.

"Jedes neue Nahrungsmittel auf unserem Speiseplan, jede neue Haustierrasse oder fremde Spezies, die wir zähmen und züchten, trägt möglicherweise einen weiteren Parasiten zu unserer ohnehin bereits beeindruckenden Sammlung bei", schreiben die Forscher im "Journal of Archaeological Science".

Welcher Parasit gehört zu welchem Menschen

Für ihre Untersuchung wählten Pichler und Kollegen eine etwas ungewöhnliche Methode. Normalerweise wird gezielt nach Parasiten gesucht, etwa in Ablagerungen mit Stallmist oder mittelalterlichen Latrinen, indem man die Erdproben auswäscht. "Wenn man die Eier im Standardverfahren durch Schlämmen und Hydratation gewinnt, verliert man allerdings den Kontext, aus dem sie stammen", erklärt Pichler. Für die aktuelle Untersuchung haben die Forscher eine Methode von Geoarchäologen geborgt: den sogenannten mikromorphologischen Dünnschliff.

Zunächst wählten sie Bodenabschnitte aus, die vielversprechend aussahen. Im Fall von Basel-Gasfabrik waren das zwei Gruben, die einst als Lager oder Keller gedient hatten und später mit unterschiedlichen Schichten verfüllt worden waren. "Dort wurden dann rechteckige Blöcke freipräpariert und eingegipst", berichtet Pichler. "Die Blöcke werden mit Kunstharz ausgegossen und es wird über den ganzen Block ein Anschliff gemacht. Aus den aussagekräftigen Bereichen aus dem Block haben wir dann Dünnschliffe hergestellt und die unter dem Mikroskop untersucht."

So konnten die Forscher genau bestimmen, aus welchen Schichten die Parasiteneier stammen: "Mit Hilfe der Mikromorphologie war es uns möglich, direkt den ursprünglichen Kontext zu fassen."

Der "ursprüngliche Kontext" sind in diesem Fall zum einen Exkremente von Mensch und Tier, wissenschaftlich "Koprolithen" genannt. Im Schlämmwasser hätten diese sich rasch aufgelöst, im Dünnschliff aber ließen sich die einzelnen Koprolithen gut erkennen. So konnten die Forscher sehen, dass einige Individuen gleich von mehreren Parasitenarten geplagt wurden.

Kein Schutz vor Infektionen

Doch nicht nur dort fanden sie die winzigen Eier - sondern auch locker verteilt im damaligen Oberboden. Dieses Verteilungsmuster erzählt von den sanitären Zuständen in der keltischen Siedlung Basel-Gasfabrik. Menschen und Tiere lebten eng beisammen. Was sie dabei an Exkrementen hinterließen, wurde entweder vom Regenwasser verdünnt und durch die Wege der Siedlung gespült oder auch als Dünger auf die Nutzgärten gebracht und gelangte so mit der Gemüseernte wieder zurück auf die Teller und erneut in die Mägen der Basler.

Leberegel, die als Zwischenwirte etwa Süßwasserschnecken genutzt haben könnten, überlebten wahrscheinlich im Fleisch des Schlachtviehs, das im Umland auf feuchten Wiesen und Weiden gehalten wurde.

"Die Parasiteneier waren jedenfalls in der Siedlung allgegenwärtig", schließen die Forscher ihren Bericht. "Dies und der Umstand, dass es quasi keine Behandlungsmöglichkeiten gab, machte es - besonders Kindern - fast unmöglich, einer Infektion zu entgehen. Die von den Parasiten verursachten Unannehmlichkeiten waren mit Sicherheit ein fester Bestandteil des Lebens im eisenzeitlichen Basel."

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6 Leserkommentare
Pless1 26.01.2015
Layer_8 26.01.2015
hermannheester 26.01.2015
postit2012 27.01.2015
Miere 27.01.2015
Yoroshii 27.01.2015

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