Eiszeit-Erotik Archäologen entdecken Stein-Phallus

Auf der Schwäbischen Alb haben Forscher einen 28.000 Jahre alten Phallus ausgegraben. Der 20 Zentimeter lange Fund diente wahrscheinlich zugleich als Werkzeug und als Symbol für das männliche Geschlecht.


Phallus aus Altsteinzeit: Werkzeug und Sexsymbol zugleich
J. Liptak/Uni Tübingen

Phallus aus Altsteinzeit: Werkzeug und Sexsymbol zugleich

Auf eine Überraschung sind Archäologen der Universität Tübingen in einer Höhle bei Schelklingen gestoßen. In den vergangenen Jahren hatten sie immer wieder kleine Stücke eines länglichen Steins gefunden, die eindeutig Spuren von Bearbeitung aufwiesen. Lange Zeit blieb es ein Rätsel, wozu dieses seltsam geformte feinkörnige Sedimentgestein einst benutzt wurde.

Doch dann fand das Team von Nicholas Conard auf einem Randstück rings umlaufende Linien, die sorgfältig mit Steinwerkzeugen eingeschnitten worden waren. "Das Objekt war eindeutig als Phallussymbol erkennbar", sagte der Tübinger Archäologe Michael Bolus im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Inzwischen haben die Wissenschaftler den Stein-Penis zusammengesetzt und sein vermutliches Alter bestimmt. 28.000 Jahre dürfte er alt sein - dies ergaben mehrere Radiokohlenstoff-Messungen von Knochenstücken, die unmittelbar neben dem Phallus lagen. Er stammt somit aus einer Ära der Altsteinzeit, die Archäologen als Gravettien bezeichnen.

Ein Phallus aus der Altsteinzeit - derartiges war Archäologen bislang nicht untergekommen. Der Gravettien ist vielmehr für seine berühmten Venusdarstellungen und weibliche Symbolik bekannt.

Der eiszeitliche Penis ist 19,2 Zentimeter lang, 3,6 Zentimeter breit und 2,8 Zentimeter dick und besteht aus 14 Fragmenten, die 2004 und in früheren Grabungskampagnen geborgen wurden. Die Funde stammen aus einer Schicht mit großen Mengen an Steinwerkzeugen und gebranntem Material.

Da die extrem lang gestreckte Grundform in der Natur nicht vorkommt, gehen die Tübinger Wissenschaftler von einer künstlichen Bearbeitung durch den Menschen aus. Dafür sprechen auch die klaren Schleifspuren und die starke Politur auf der Oberfläche.

Der Fund aus Siltstein eröffne einen ganz neuen Einblick in die Symbolik und Sexualität der Bevölkerung während der Altsteinzeit, heißt es in einer Pressemitteilung der Tübinger Archäologen. Er sei eine wichtige Ergänzung zu den sonst seltenen figürlichen Darstellungen aus der Zeit des Gravettien.

Derartige Kunstwerke wurden oft gleichzeitig als Werkzeug genutzt - so auch der Eiszeit-Phallus. An ihm finden sich Arbeits- und Nutzungsspuren. Der Fund diente wohl unter anderem als Schlagstein, hierfür sprechen einige Narbenfelder.

In der Höhle bei Schelklingen waren zuletzt mehrere Elfenbeinfiguren entdeckt worden, darunter ein Wasservogel und ein Löwenmensch, die sogar noch einige tausend Jahre älter ein dürften und somit zu den ältesten Skulpturen der Menschheitsgeschichte gezählt werden.

Der Phallus aus der Fundstelle "Hohle Fels" wird ab sofort in einer Sonderausstellung mit dem Titel "Eiszeitkunst_eindeutig männlich" im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren bis zum 6. Januar 2006 ausgestellt.

Holger Dambeck



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