Ausgegraben

Altsteinzeit Rätsel um Rote Königin von El Mirón

UPV/ EHU

Wer war die Rote Königin, deren Knochen in der Altsteinzeit von ihren Hinterbliebenen mit rotem Glitzerpuder bestäubt wurden? Warum war sie auf Gewächse gebettet, die in der Gegend um ihr Grab herum gar nicht wuchsen?

In der jüngeren Altsteinzeit gab es keine Könige oder Königinnen - anderes ist bisher jedenfalls nicht bekannt. Die sozialen Hierarchien waren flach, kaum jemand stach aus der Gesellschaft hervor oder spielte eine Sonderrolle. Doch die Dame, die von ihren Hinterbliebenen vor rund 18.700 Jahren in der spanischen Höhle von El Mirón begraben wurde, muss etwas ganz besonderes gewesen sein. Ein Grabstein mit Ritzungen markiert die Stelle, an der sie ruht. Und ihre Knochen bepuderte man über und über mit leuchtend rotem Eisenoxid-Pigment. Der Farbe war sogar gemahlener Hämatit beigemischt, sodass der Leichnam im Fackelschein glitzerte und funkelte.

Seltsamer Pollenfund

Jetzt haben Forscher um María-José Iriarte-Chiapusso und Alvaro Arrizabalaga von der Universität des Baskenlandes noch eine weitere Besonderheit in ihrem Grab entdeckt: ungewöhnlich viele Pollen von Chenopodioideae, einer Untergruppe der Fuchsschwanzgewächse, zu denen unter anderem auch der Spinat zählt.

Bei einer Bestattung gelangen mit der Erde zwar stets auch jene Pollen in ein Grab, die in der unmittelbaren Umgebung vorhanden sind: Gräserpollen, Baumpollen oder Pollen von Blumen. In der Umgebung der Höhle von El Mirón aber wuchsen kaum Chenopodioideae. Das Klima war dort in der jüngeren Altsteinzeit extrem trocken und kalt - und eher ungeeignet für diese Pflanzen.

So wundert es kaum, dass weder am Eingang der Höhle noch in der Region bemerkenswert viele Chenopodioideae-Pollen in den entsprechenden Erdschichten auftauchen. In dem Grab machen sie aber mehr als die Hälfte aller Pollen aus. Und mehr noch: die Pollen waren nicht gleichmäßig in der Erde verteilt, wie es bei einer natürlichen Streuung passiert wäre - sondern lagen in Klumpen. Wie also kamen sie in die Höhle?

Chenopodioideae als Gemüse?

Blumenschmuck auf Gräbern ist keine neue Idee. In Israel wurden vor 13.500 Jahren ein Jugendlicher und ein Erwachsener auf einem Bett aus Pflanzen und Früchten begraben und vielleicht dekorierten sogar im Irak bereits vor über 45.000 Jahren Neandertaler einen ihrer Verstorbenen mit Blumen. Aber "die Chenopodioideae allgemein und besonders jene Arten, die solch ein harsches Klima bevorzugen, können zwar kleine, gelbe oder gelbliche Blüten tragen, die jedoch nach unserem modernen Standard nicht viel hermachen", schreiben die Forscher im Fachmagazin "Journal of Archaeological Science".

Wenn schon nicht hübsch, dann waren die Pflanzen vielleicht wenigstens schmackhaft? Diverse Arten von Chenopodioideae werden immerhin noch heute als Gemüse verzehrt. Dagegen spricht jedoch die Menge von Chenopodioideae-Pollen im Grab der El Mirón Höhle - es sind einfach zu viele. Hinzu kommt, dass der Leichnam der Frau zuvor an einem anderen Ort bestattet war und ihre Knochen erst in die Höhle gelangten, als die Weichteile des Körpers schon weitgehend verwest waren. Es ist eher unwahrscheinlich, dass man den Magen samt Inhalt bei einer solchen Umbettung mitgenommen hätte.

Bleibt noch die Möglichkeit, dass die Chenopodioideae medizinischen Zwecken dienen sollten. Einige Arten dieser Familie sind bekannt für ihre antimikrobielle, antivirale, antifungale oder sogar empfängnisverhütende Wirkung. Doch warum sollte man einer Toten noch Medizin verabreichen wollen?

Die wahrscheinlichste Erklärung, folgert Forscherin Iriarte-Chiapusso, bleibt also die Verwendung der Chenopodioideae als Grabschmuck oder zumindest zur Polsterung der Erdkuhle: "Nur ob dies aus rituellen Gründen geschah oder aus hygienischen, das können wir nicht wissen."



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13 Leserkommentare
archback 28.05.2015
blaubärt 28.05.2015
ali.wie.brecht 28.05.2015
empörteuch! 28.05.2015
ediart 28.05.2015
narendranar 28.05.2015
Balmus 29.05.2015
Balmus 29.05.2015
hartmannulrich 29.05.2015
frank-rapp 29.05.2015
h.biedermann 29.05.2015
Tiananmen 29.05.2015
Tiananmen 29.05.2015

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