Erziehung Elternliebe macht blind

Elterliche Wärme führt nicht dazu, dass Jugendliche Mitgefühl für Bedürftige entwickeln. Geborgenheit könnte zur Falle werden.

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Kinder, die viel Zuneigung und Vertrauen von ihren Eltern bekommen, engagieren sich später seltener gesellschaftlich als Altersgenossen, zum Beispiel in sozialen Projekten.

Das haben Forscher der Universität Jena und Kollegen der Universitäten Jyväskylä und Helsinki in Finnland anhand einer Befragung von mehr als 1500 Finnen im Jugendalter und Erwachsenenalter herausgefunden.

Eine Untersuchung in Sachsen-Anhalt von 2013 habe ähnliche Ergebnisse gezeigt, sagte die Psychologin Maria Pavlova von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Die Ergebnisse aus Finnland ließen sich daher auf Deutschland übertragen. Sie werden jetzt im "Journal of Youth and Adolescence" veröffentlicht.

Dass positives Erziehungsverhalten nicht zwangsläufig das Mitgefühl steigert, ist auch aus Sicht der Forscher überraschend. Pavlova favorisiert zwei Erklärungen.

Nähe als Falle

Nähe und elterliche Unterstützung könnten zu einer Falle werden: Geborgene Jugendliche würden womöglich keinen Anlass sehen, sich für die Welt außerhalb ihres eigenen Kreises zu interessieren.

Eine weitere Erklärung wäre, dass Eltern bürgerschaftliches Engagement weder als notwendig für Erfolg auf dem Arbeitsmarkt noch als moralisch verpflichtend sehen und die Verantwortung dafür eher auf den Staat schieben.

Eine nach üblichen Maßstäben gut gemeinte Erziehung, ohne ausdrückliche Befürwortung zivilgesellschaftlicher Werte in der Familie, reiche nicht aus, um eine am Gemeinwesen engagierte Generation junger Erwachsener aufwachsen zu lassen, resümiert die Forscherin.

Die Möglichkeiten, sich zu engagieren, reichen von Einsätzen in Krisenregionen oder in sozialen Projekten bis hin zu Demonstrationen und politischen Debatten. "Solche Aktivitäten sind für das Funktionieren einer jeden Demokratie wichtig, selbst wenn es im Inhalt des Engagements von Land zu Land Unterschiede gibt", betont Pavlova.

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boj/dpa

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insgesamt 39 Beiträge
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FischerKielSchwerin 04.07.2016
1. emotionale Intelligenz
ist wichtig für Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und vieles mehr und sie wird nicht dadurch gefördert, dass der Nachwuchs besonders betüddelt und gepampert wird. Insofern überraschen mich die Ergebnisse der Studien nicht besonders, da sie aus meiner Sicht gar nichts miteinander zu tun haben.
inver 04.07.2016
2. Mit welcher Methode wurde diese Studie erstellt?
Ich kenne nur wohlbehütete Jugendliche, die sich vielfältig sozial engagieren, ob in der Schule, in der Kirche und auch sonst. Mein Ältester macht z.B. eine Ausbildung zum Rettungssanitäter und wird dann Medizin studieren. Davor war er jahrelang ehrenamtlich in der Kirche aktiv, so wie viele andere auch. Die anderen spenden, sammeln z.B. für Flüchtlinge. Falls in der Studie wohlstandsverwahrloste Kinder befragt wurden überrascht mich das Ergebnis allerdings nicht! Geschlagene und vernachlässigte Kinder verhalten sich dagegen aggressiv.
lexik 04.07.2016
3. Zeit für soziale Projekte?
Welcher Jugendliche hat die denn heutzutage? Neben der Schule, die nicht selten die Zeit eines vollen Arbeitstages einnimmt, müssen noch um die zwei Stunden für Hausaufgaben und reines Lernen rangehängt werden. Wenn Erhohlung, familiäres und außerfamiläres Sozialleben, ist der Tag voll. Wer nicht den ganzen nächsten Tag wie ein Zombie durch den Tag wanken will, wird dann Abendbrot essen und schlafen gehen - egal ob 13 Jahre alt oder 18. In den Ferien stehen nicht selten (schlecht) bezahlte Jobs an. Oder man verreist mal mit der Familie oder Freunden und ist dann eben weg aus der Gegend des Stattfindens sozialer Projekte. Wenn ich an meine Zeit zurückdenke, wo von mir heute Engegement erwartet würde, wäre ich einfach nur zu müde für so etwas.
quark2@mailinator.com 04.07.2016
4.
Mitgefühl für Bedürftige ? Wir leben doch in einer Zeit, wo die Erfolgreichen behaupten, an ihrem Erfolg größtenteils selbst schuld zu sein (harte Arbeit, Sie wissen schon) und daraus ableiten, daß nicht erfolgreiche ebenfalls nur selber schuld sind. Ich, ich, ich, das ist doch das Mantra seit 1990. Schon die Zeichentrickfilme im Kinderkanal sind von Gut gegen Böse geprägt, oft brutal und ohne Empathie. Ganz anders als früher mal. Nein, es sind nicht die Eltern, oder die Schule, es ist vielmehr das allgegenwärtige Wolfsgesetz, wo eher nutzlose (Fußballer, F1-Fahrer, ...) bzw. niemandem wirklich Verantwortliche (Politiker, Beamte) diejenigen sind, die am besten versorgt werden, wohingegen diejenigen, die produzieren oder pflegen gerade genug bekommen um nicht H4 zu beantragen und dabei immer riskieren, daß der Job nächstes Jahr weg ist. In so einer Gesellschaft machen die Kids ggf. das, was naheliegt.
Bernd.Brincken 04.07.2016
5. Gegensätze
Das Kinder sich gerne zur gegenteiligen Haltung ihrer Eltern entwickeln, ist ja nicht neu. Waren die Eltern der 70er und 80er noch Anhänger einer Jugendkultur und 'ausgeflippt' bis unordentlich, dann wurden die Kinder umso angepasster. Und natürlich korrespondiert politisches Bewußtsein mit Konflikterfahrungen in der Familie, mit einer Unzufriedenheit mit der Eltern-Welt. 'Mitgefühl mit Bedürftigen' wiederum wurde durch staatliche Strukturen abgelöst, d.h. zivilgesellschaftliches Engagement sieht sich oft in Konkurrenz zu den Institutionen. Die von der Studie als wünschenswert angesehenen Interessen können unter diesen Bedingungen kaum 'nachhaltig' gedeihen.
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