Ausgegraben

Mini-Mumie in Italien Forscher lösen Rätsel des zerstückelten Fötus in der Kirche

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University Museum, State University/ G. dAnnunzio, Chieti-Pescara

Das Erdbeben im italienischen L'Aquila tötete mehr als 300 Menschen - und offenbarte eine weitere Tragödie: Unter dem aufgerissenen Boden einer Kirche fanden Archäologen eine winzige Mumie. Jetzt haben sie die schaurigen Ergebnisse ihrer Analyse vorgestellt.

Als am 6. April 2009 in Mittelitalien die Erde bebte, traf es L'Aquila besonders hart: 308 Menschen starben in der Stadt, die wie viele umliegende Dörfer in Trümmern lag. Unter den schwer beschädigten Gebäuden war auch die kleine mittelalterliche Kirche St. Johannes der Evangelist im Dorf Casentino. Das Beben riss den Boden der Kirche auf und legte unterirdische Räume frei. Sie entpuppten sich als Grüfte - und bei Aufräumarbeiten fand man hervorragend konservierte Mumien.

"Eine erste anthropologische Analyse ergab eine auffällig hohe Zahl von Verletzungen, wie sie bei Autopsien entstehen, besonders bei einer Kraniotomie, einer Schädelöffnung, oder einer Kostotomie, einer Durchtrennung der Rippen", schreibt das Team um Ruggero D'Anastasio von der Università degli Studi Gabriele D'Annunzio in Chieti, das die Mumien untersuchte. "Für ein kleines Dorf wie Casentino ist das sehr ungewöhnlich und zeugt von sehr aktiven Ärzten in der Region", schreiben sie im "International Journal of Osteoarchaeology".

Arme vom Körper getrennt, Schädel zerstückelt

Die kleinste der Mumien war ein Kind: ein Fötus von 29 Wochen. Das kleine Skelett war sorgfältig in Leinen gewickelt, wies aber schwere Verletzungsspuren auf. Die Arme waren vom Körper getrennt, der Schädel in Fragmente zerstückelt. Zwar hatte man sich Mühe gegeben, die Teile für die Mumifizierung wieder an ihren Platz zu bringen: Die Arme lagen eng an den Oberkörper gewickelt, und die Schädelfragmente hatte man sorgfältig in einer Kopfbedeckung zusammengebunden.

"Der Fötus war aber auf eine Art und Weise seziert, die in vielerlei Hinsicht von sonst auf dem Friedhof üblichen Spuren der Post-Mortem-Untersuchungen wie Kraniotomie und Kostotomie abwich", stellen die Forscher fest. "Vielmehr scheint es sich in diesem Fall um eine Embryotomie gehandelt zu haben - der Fötus wurde im Mutterleib zerteilt."

Diese Operation wurde erstmals von dem römischen Arzt Celsus im ersten Jahrhundert nach Christus beschrieben, etwas später auch von dem griechischen Arzt Soranos von Ephesos, der in Alexandria gelernt hatte und in Rom praktizierte. Eigentlich war sie den schweren Fällen vorbehalten, wenn der Fötus das Leben der Mutter gefährdete oder bereits im Mutterleib verstorben war. Doch es gibt auch Berichte aus dem Mittelalter, die von der Embryotomie als einer extremen Form der Abtreibung sprechen.

Röntgenbilder deuten auf Embryotomie hin

Einen ähnlichen Fall kennen die Archäologen vom Begräbnis eines Fötus aus dem 4. Jahrhundert nach Christus in Poundbury in der englischen Grafschaft Dorset. Auch hier wurde der Kopf von der Wirbelsäule getrennt und der Körper durch mehrere Schnitte verletzt. Doch der Fötus lag alleine in seinem Grab, ohne Mutter - ein Indiz dafür, dass sie den Eingriff überlebte. Der Fötus aus Casentino ist freilich wesentlich jünger: Die Forscher haben ihn mit Hilfe der Radiokarbon-Methode auf das Jahr 1840 datiert. Funde im Umfeld, darunter Kleidungsstücke und Schmuck, passten ebenfalls in diese Zeit.

Könnten die Schnitte dem kleinen Wesen aus Casentino auch erst nach seinem Tod zugefügt worden sein? Etwa um zu verstehen, warum das Kind nicht überlebte? "Dazu unterschied sich dieser Fall zu sehr von anderen Autopsien, die wir an dieser Stelle gefunden haben", erklärt D'Anastasio. "Zum Beispiel der Kopf: Er wies Schnitte an mehreren Stellen auf und war völlig getrennt vom sonstigen Körper in die Kopfbedeckung gewickelt. Die Röntgenbilder zeigen das ganz deutlich, alles deutet also auf eine Embryotomie hin."

So schaurig uns diese Prozedur auch erscheinen mag, hat die winzige Kindermumie auch etwas Tröstliches: Obwohl das Kind nicht lebend zur Welt kam, wurde es sehr sorgfältig mumifiziert und in den Gemäuern der Kirche bestattet wie ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. "Das zeugt von einem hohen Maß an Mitgefühl für den Tod und für Kinder, die niemals gelebt haben", schließen die Forscher ihren Bericht.



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9 Leserkommentare
susuki 15.10.2014
amalthea62 15.10.2014
rechnernetzstecker 15.10.2014
taminy 15.10.2014
geneeman 15.10.2014
Tiananmen 15.10.2014
Vito.Andolini 15.10.2014
xenoxx 15.10.2014
miss_moffett 15.10.2014
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