Emotionen Erst Blicke verraten die Stimmung

Bedrohung oder Mitleid? Angst und Aggression im Gesicht anderer Menschen können das Gehirn verwirren. Oftmals hilft nur direkter Blickkontakt.


Schau mir in die Augen: Ohne Blickkontakt wird Mimik leicht falsch verstanden
Ursula Hess

Schau mir in die Augen: Ohne Blickkontakt wird Mimik leicht falsch verstanden

Den Gesichtsausdruck eines anderen Menschen falsch zu interpretieren, ist nicht nur peinlich, sondern mitunter auch gefährlich. Besonders dann, wenn der Blick des Gegenübers - sei er nun verärgert oder verängstigt - auf eine akute Gefahr hinweist. Eine Hauptaufgabe des Gehirns ist es daher, mögliche Bedrohungen zu erkennen.

Zahlreiche Studien haben zuletzt gezeigt, dass in solchen Situationen die Amygdala besonders aktiv ist, eine zentrale, für typisch emotionales Verhalten verantwortliche Struktur im Vorderhirn. So reagiert die Amygdala äußerst intensiv, wenn sie auf Gesichter stößt, die Angst ausdrücken. Außergewöhnliche Reaktionen auf von Ärger dominierte Mienen konnten Gehirnforscher bislang aber kaum nachweisen.

Eine Gruppe von Neurologen aus den US-Bundesstaaten New Hampshire und Massachusetts wollen dafür nun eine Erklärung gefunden haben. Wie die Wissenschaftler im Fachblatt "Science" schreiben, ist bei den bisherigen Studien nur der direkte Blickkontakt berücksichtigt worden. Für die Arbeit des Gehirns ist es allerdings entscheidend, wohin das Gegenüber blickt.

Ein verärgertes Gesicht beispielsweise, das den Beobachter direkt anblickt, signalisiert eine potenzielle Gefahr. Die Mimik ist eindeutig, das Gehirn muss nicht lange nachdenken. Blickt der andere dagegen in eine unbestimmte Richtung, ist es für das Gehirn schwerer, die Ursache der Verärgerung zu ergründen. Es muss länger arbeiten, die Amygdala ist aktiver.

Bei Gesichtern, die Furcht ausdrücken, verhält es sich genau umgekehrt: Wendet sich ein von Angst gezeichnetes Gesicht vom Betrachter ab, gibt das dem Gehirn einen Hinweis darauf, aus welcher Richtung die Gefahr kommt. Schaut ein verängstigtes Gegenüber dem Betrachter dagegen direkt ins Gesicht, ist das Gehirn zunächst ratlos. Die Amygdala beginnt zu arbeiten und stellt sich die Frage: Warum hat der andere eigentlich Angst?

Das Forscherteam um Reginald Adams von der Harvard University in Cambridge konnte diese Zusammenhänge nun auch experimentell nachweisen. Die Psychologen zeigten ihren Probanden Bilder unterschiedlicher Gesichter und registrierten die Gehirnfunktionen mit Magnetresonanzaufnahmen.

Missverständliche Gesichtsausdrücke beschäftigten das Gehirn dabei deutlich stärker als eindeutige. "Offensichtlich muss die Amygdala", so Adams, "bei doppeldeutigen Sinneseindrücken wesentlich härter arbeiten, um aus ihnen schlau zu werden."

Alexander Stirn



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