Emotionsstörungen Wenn Männer keine Gefühle haben

Sie kennen keine Freude, empfinden keine Trauer und werden selten wütend. Dies Phänomen beschäftigt Therapeuten immer häufiger. Nach neuesten Schätzungen leidet jeder Siebte an Gefühlskälte.

Von Sylvie Berthoz


Garantiert nicht gefühlsblind: Wütender Ottmar Hitzfeld im November 2003, damals noch Bayern-Trainer
REUTERS

Garantiert nicht gefühlsblind: Wütender Ottmar Hitzfeld im November 2003, damals noch Bayern-Trainer

"Wie soll ich das beschreiben? Es fühlte sich an, als hätte ich einen Stein im Magen. Meine Kehle war wie zugeschnürt ... und der Kopf tat weh", erklärt Peter, als er sich an eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vater erinnert. "Denken Sie, dass er Sie absichtlich verletzen wollte? Sind Sie vielleicht wütend auf ihn?", fragt ihn die Therapeutin. Der junge Mann runzelt die Stirn: "Ich weiß nicht. Was genau verstehen Sie unter wütend?"

Seit einigen Wochen ist Peter in psychologischer Behandlung. Er muss etwas lernen, was für andere Menschen selbstverständlich ist: zu wissen, was man fühlt. Als Peter vom frühen Tod seiner Mutter erzählt, kommen ihm Worte wie "traurig" nicht über die Lippen. Dabei lassen ihn aufregende Situationen keineswegs kalt: Wenn er bei einer Präsentation vor Kollegen den Faden verliert, zeigt Peter alle Anzeichen von Verlegenheit - er errötet, stottert, schwitzt. Doch fragt man ihn, was er dabei spürt, kann er es nicht erklären. Es gelingt ihm einfach nicht, seine Emotionen in Worte zu fassen.

Nach neuesten Schätzungen erfüllt bald jeder Siebte die Kriterien einer derartigen Störung - der "Alexithymie". Überdurchschnittlich oft sind Männer betroffen. Sie gelten als verkopft, verschlossen oder abgebrüht; allenfalls ihre Freunde vermuten noch einen "weichen Kern unter der harten Schale". Gleichzeitig fürchten viele Betroffene nahezu krankhaft um ihre Gesundheit: Wenn ihr Herz plötzlich wild klopft und der Magen schmerzt, fragen sie sich verstört, was mit ihnen nicht stimmt. Kein Wunder: Sie können die Ursache solcher körperlichen Reaktionen - das zugehörige Gefühl - nicht ausmachen.

Tränen statt Worte

Peter dagegen leidet am stärksten unter seinen getrübten Beziehungen zu anderen Menschen. Ihm graut vor gesellschaftlichen Ereignissen und es fällt ihm schwer, Freundschaften aufzubauen. Sobald sich das Gespräch um Zuneigung, Eifersucht oder Misstrauen dreht, bleibt er ratlos außen vor. Bahnt sich in der Familie ein Streit an, wechselt er lieber das Thema oder zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück. Nur manchmal - wenn die innere Spannung unerträglich wird - bricht Peter in Tränen aus oder bekommt einen Wutanfall! Meist wird seinen Mitmenschen erst in diesem Moment klar, dass sich in ihm etwas zusammengebraut haben muss.

Hirnforscher beschäftigen sich erst seit einigen Jahren mit diesem Phänomen: Unsere Emotionen entstehen tief im Gehirn, im limbischen System. Um bewusst als Gefühle wahrgenommen zu werden, muss der Frontalcortex (Stirnhirn) die von dort ausgesandten Informationen jedoch erst analysieren. Eine Arbeitsgruppe vom Institut Mutualiste Montsouris in Paris hat Hinweise dafür entdeckt, dass bei alexithymen Menschen diese beiden Hirnbereiche nur unzureichend miteinander kommunizieren. Vermutlich können die Betroffenen deshalb die körperlichen Empfindungen nicht mit den entsprechenden mentalen Zuständen verknüpfen.

Die Ursache für die Alexithymie liegt wahrscheinlich in der frühesten Kindheit verborgen. Auch ein Baby assoziiert seine Emotionen noch nicht mit Konzepten wie Angst oder Freude: Zunächst einmal nimmt es diese nur körperlich wahr - etwa wenn sich ihm vor Angst die Kehle zuschnürt oder ihm Tränen in die Augen treten. Erst später lernt das Kind, seine Körperreaktionen in größere Zusammenhänge einzuordnen, und erkennt, dass andere Menschen Ähnliches erfahren: Es wächst heran zu einem sozialen und selbstbewussten Wesen.

Gefühlen einen Namen geben

In dieser Entwicklungsphase spielen die Bezugspersonen die entscheidende Rolle. Die Mutter fragt "Freust du dich?", tröstet "Nicht traurig sein ..." oder schimpft vielleicht "Sei nicht so zornig!". So gibt sie den Emotionen einen Namen, und das Kind kann sie später leichter bei sich selbst identifizieren und anderen mitteilen. Dabei wandert die Information in seinem Gehirn vom Ursprung der Emotionen - dem limbischen System - in Bereiche des Frontalcortex, die für Kategorisierung, Überlegung und Sprache zuständig sind.

Trauer um Modemacher Moshammer: Nicht alle Menschen können Gefühle ausdrücken
DDP

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Für Maurice Corcos, Psychiater am Institut Mutualiste Montsouris in Paris, ist der frühe Austausch zwischen Mutter und Kind ausschlaggebend für das Erstellen einer Art "Gefühlsdatenbank". Hier wird jede Empfindung mit einer entsprechenden Gefühlsbeschreibung hinterlegt. Leiden die Eltern jedoch selbst an Alexithymie, an Depressionen oder einer labilen Persönlichkeit, besteht die Gefahr, dass sie ihrem Kind zu spärliche Erklärungen für seine Emotionen liefern. Später mangelt es ihm dann an den notwendigen Vokabeln, um Gefühle für sich und andere zu benennen. Selbst als Erwachsene müssen sich Betroffene noch wie Kleinkinder ganz an ihre Körperempfindungen halten - unfähig, diese mental zu verarbeiten und zu artikulieren.

Alexithymie-Patienten beschreiben ihr Elternhaus oft so, als hätten Gefühle darin nur eine geringe Rolle gespielt. Zudem haben Befragungen ergeben, dass sie in der Kindheit signifikant häufiger eine "unsichere Bindung" zu ihrer Mutter hatten als andere Menschen. Dieser Terminus stammt aus der Bindungstheorie des Londoner Psychoanalytikers John Bowlby (1907-1990).

Schon bei einjährigen Kindern lassen sich Unterschiede in der Beziehung zur Mutter entdecken: Bei einer sicheren Bindung reagiert das Kleine traurig, wenn seine Mutter den Raum verlässt, bleibt aber zunächst ruhig, so als wüsste es, dass sie bald zurückkommen wird. Ein unsicher gebundenes Kind dagegen zeigt oft kaum Trennungsschmerz und begrüßt die zurückkehrende Mutter nur beiläufig (vermeidend-unsicherer Typ). Oder aber es antwortet auf das Alleingelassenwerden mit heftigem Protest, verhält sich jedoch bei der Rückkehr der Mutter widersprüchlich - sucht Kontakt und wendet sich im nächsten Moment wieder ab (unsicher-ambivalenter Typ).



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