SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Februar 2013, 14:07 Uhr

Strahlendes Material

EnBW erwog Atommüll-Export nach Russland

Deutsche Kernkraftmanager dachten darüber nach, Atommüll nach Russland zu schicken. Nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" waren die Überlegungen bei EnBW durchaus fortgeschritten. Das Unternehmen sagt nun: Die Planungen sind längst beerdigt.

Berlin - Wohin mit Deutschlands hochradioaktivem Müll? Auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte wird es auf diese Frage keine befriedigende Antwort geben. Ein Endlager gibt es nicht, selbst die Suche ist total verfahren. Neben Umweltschützern ist sich auch Niedersachsens neuer Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sicher, dass der Strahlenabfall keinesfalls im Salzstock in Gorleben landen darf. Ein Endlagersuchgesetz für die Suche nach Alternativen liegt auch nicht auf dem Tisch.

Bleibt die Frage, was mit dem Strahlenschrott passieren soll - zumal die Atomkraftwerke des Landes nach und nach vom Netz gehen. Ein Bericht der "Süddeutschen Zeitung" legt nahe, dass deutsche Atommanager dazu erstaunlich präzise Vorstellungen hatten: Danach sollte deutscher Atommüll im großen Stil nach Russland exportiert werden. Weil dort die Umweltanforderungen deutlich niedriger sind als hierzulande - oder wie man es beim Energieversorger EnBW ausdrückte: Weil es "Kostenunterschiede" gibt, "die sich aus den unterschiedlichen Regulierungsvorschriften" zwischen den beiden Ländern ergeben.

Die Zeitung beruft sich auf EnBW-Unterlagen aus dem Jahr 2006. Demnach sondierte das Management der Firma die Behandlung und Lagerung atomarer Betriebs- und Stilllegungsabfälle in Russland - inklusive der Option auf eine Endlagerung von hochradioaktivem Müll. Laut dem Bericht heißt es in den Unterlagen etwa, der Rückbau des stillgelegten AKW Obrigheim könne "optimiert werden, durch langfristige Zwischenlagerung von radioaktiven Abfällen und Endlagerung in einem international zugänglichen Lager (Option)".

Konkretes Angebot aus Russland

Bei EnBW legt man Wert darauf, dass die Firma "zu keinem Zeitpunkt radioaktive Abfälle nach Russland verbracht" habe. Das Unternehmen erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE die "angesprochenen Überlegungen und Prüfungen" hätten "nie zu konkreten Umsetzungen geführt" - und seien "schlussendlich beendet" worden. Im Rahmen der aktuellen Rückbauplanung spielten "solche Überlegungen keine Rolle".

Doch zumindest eine Zeit lang müssen die Überlegungen der EnBW-Manager durchaus konkret gewesen sein. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass es sogar schon ein Angebot aus Russland gegeben habe. Demnach sollte der Rückbau von Obrigheim zusammen mit einer russischen Atomholding durchgeführt werden.

In St. Petersburg wäre dann ein Entsorgungszentrum mit Schmelzofen entstanden. Dafür hätte EnBW 40 Millionen Euro aufgewendet, außerdem 6,5 Millionen Euro für die Betriebskosten für 15 Jahre. Die Deutschen hofften in Russland außerdem auf "eine Zugangsoption zur Endlagerung von radioaktiven Betriebs- und Stilllegungsabfällen".

Offenbar wusste auch die Bundesregierung über die Pläne zur Zusammenarbeit beim AKW-Rückbau Bescheid. Das geht aus einer Anfrage der atompolitischen Sprecherin der Grünen im Bundestag, Sylvia Kotting-Uhl, hervor. In der Bundestagsdrucksache 17/11922 heißt es, der russische Atommanager Andrey Malyshev habe den ehemaligen deutschen Wirtschaftsstaatssekretär Bernd Pfaffenbach im November 2006 darüber informiert, dass "eine kommerzielle Kooperation mit deutschen Unternehmen im Bereich Stilllegung kerntechnischer Anlagen sowie bei der Überwachung und Kontrolle von radioaktiven Materialien geplant sei".

Attraktive Option für Energieunternehmen

Im Grundsatz ist der Export von deutschem Atommüll ins Ausland eine attraktive Option für die Energieunternehmen. Immer wieder hat die Industrie daran auch Interesse bekundet. Russische Gesetze würden den Import der gefährlichen Fracht ermöglichen. Und eine EU-Richtlinie würde solche Transporte ebenfalls erlauben.

Doch wegen möglicher Sicherheits- und Umweltprobleme in Russland ist ein Export gesellschaftlich wohl schwer zu vermitteln. Das zeigte sich zum Beispiel beim geplanten Transport von DDR-Atommüll aus dem Kernforschungszentrum Rossendorf bei Dresden in die Wiederaufarbeitungsanlage Majak nahe der russisch-kasachischen Grenze. Es ging um Brennstäbe, die einst von der Sowjetunion geliefert worden waren. Doch nach Protesten wurde der Rücktransport Ende 2010 auf Eis gelegt - wegen Sicherheitsbedenken.

Zuletzt hatte eine geplante Änderung des Atomgesetzes für Diskussionen gesorgt, mit der die EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt werden sollte. Damit wäre auch der Export von strahlenden Überbleibseln erlaubt worden. Sowohl aus dem Umweltministerium als auch aus dem Kanzleramt hieß es aber schließlich, dass der in Deutschland produzierte Atommüll auch im Land bleiben solle.

"Verantwortungslose Billig-Entsorgungen im Ausland sind tabu, deshalb müssen Atommüllexporte verboten werden", fordert auch Grünen-Parlamentarierin Kotting-Uhl. Allerdings sind schon große Mengen radioaktiven Materials aus Deutschland nach Russland gelangt. Es handelt sich um Tausende Tonnen abgereichertes Uranhexafluorid (UF6) aus der deutschen Urananreicherungsanlage in Gronau.

Das Material wurde in eine Anlage in der Nähe des sibirischen Tomsk gebracht, wo es unter freiem Himmel in Fässern gelagert wurde. Formell handelte es sich bei den Transporten allerdings nicht um Atommüll, sondern um eine Vorstufe von neuem, wiederaufbereitetem Brennstoff.

chs

URL:


Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH