Sabotage Anschläge auf Pipelines und Öltanker haben sich verdoppelt

Die Energie-Infrastrukturen sind das Rückgrat von Industriestaaten - und ein leichtes Ziel für Saboteure. Eine Datenbank zeigt, wie stark die Zahl der Angriffe in den vergangenen Jahren zugenommen hat - und nennt die Gründe.

Von Volker Mrasek

AFP

Erst krachte es gewaltig, dann waren Millionen Menschen ohne Gas: Im Februar sprengten Separatisten im Osten Pakistans gleich drei Pipelines zugleich in die Luft. Der Angriff, zu dem sich die Republikanische Armee Balutschistans bekannte, war relativ einfach durchzuführen und äußerst effektiv. Drei Sprengladungen genügten, um eine Region tagelang von der Gasversorgung abzuschneiden.

Derartige Sabotageakte machten in den vergangenen Jahren immer häufiger Schlagzeilen. Ob aber Angriffe auf Energie-Infrastrukturen tatsächlich zugenommen haben, war bislang unklar. Verlässliche Daten fehlten. Jetzt liegen sie vor - und bestätigen: Die Energiewirtschaft wird immer häufiger zum Ziel von Attacken von Saboteuren und Terroristen. Pakistan etwa ist binnen weniger Jahre zu einem wahren Zentrum von Anschlägen gegen Energieanlagen geworden (siehe Grafiken unten).

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Grafiken: Anschläge auf Energie-Infrastrukturen weltweit
"Vor dem Jahr 2000 kam es weltweit im Durchschnitt zu 150 bis 200 Anschlägen pro Jahr", sagt Jennifer Giroux vom Zentrum für Sicherheitsstudien der ETH Zürich. "Im vergangenen Jahrzehnt hat sich ihre Zahl aber mehr als verdoppelt." In diesem Zeitraum habe es weit über 400 Vorfälle jährlich auf der Welt gegeben, nach 2009 im Schnitt sogar mehr als 500.

Diesen Trend dokumentiert die erste globale Datenbank über Angriffe auf die Energie-Infrastruktur seit 1980 (EIAD). Giroux hat sie in fünfjähriger Arbeit aufgebaut, in Kooperation mit dem Paul-Scherrer-Institut (PSI) in der Schweiz. Die Forscher stützen sich dabei unter anderem auf die Globale Terrorismus-Datenbank der University of Maryland in den USA, sie werten Berichte des Internationalen Maritimen Büros (IMB) und der Medien aus. Bisweilen erhalten sie auch Informationen betroffener Unternehmen. Ergebnisse der bisherigen Auswertungen präsentierte Jennifer Giroux zuletzt auf einer Konferenz des Globalen Risiko-Forums in Davos in der Schweiz.

Für den Anstieg der Attacken nennt die ETH-Expertin zwei wesentliche Gründe:

  • Regionen, in denen Erdöl gefördert werde, seien konfliktreicher geworden. Das gelte etwa für Länder wie den Irak, den Jemen, Afghanistan und Pakistan. Ein Auslöser könnte Osama bin Laden sein, der 2004 dazu aufrief, die Energie-Infrastruktur (EI) stärker ins Visier von Terroranschlägen zu nehmen - woraufhin ihre Zahl 2005 und 2006 vorübergehend auf über 700 pro Jahr hochschnellte.
  • Es häufen sich rein kriminelle Aktionen ohne politisch motivierten Hintergrund, etwa Öl-Diebstahl, die Entführung von Firmenmitarbeitern und das Kapern von Öltankern, um Lösegelder zu erpressen. Schiffe vor der Küste Somalias, dem ersten Brennpunkt dieser Art, fahren zwar inzwischen mit Begleitschutz. Doch Piraten schlagen auch anderswo zu: "Inzwischen beobachten wir das im Golf von Guinea vor Westafrika, im Südchinesischen Meer sowie in den Straßen von Malakka und Singapur im Indischen Ozean", so Giroux.

Tanker-Routen, Stromleitungen, Öl- und Gas-Pipelines bezeichnen die EIAD-Macher als "lineare Energie-Infrastruktur". Auf sie haben es Angreifer am häufigsten abgesehen. Deshalb seien ihre Attacken auch in den meisten Fällen erfolgreich, wie PSI-Risikoanalyst Peter Burgherr erläutert: "Man kann ja nicht bei einer Pipeline alle 50 Meter einen Wachposten aufstellen."

Wie eine ansteckende Krankheit

Den Forschern zufolge verbreiten sich Anschläge auf die Energieversorgung wie eine ansteckende Krankheit. Ihr Ausgangspunkt war demzufolge Süd- und Mittelamerika. In den Neunzigerjahren griffen sie auf den afrikanischen Kontinent über (Angola), ferner auf Spanien und Frankreich, wo Untergrundorganisationen begannen, gegen Energie-Infrastrukturen vorzugehen. Seit dem Jahr 2000 kamen weitere "Hotspots" hinzu, wie Jennifer Giroux sie nennt: "Der Irak, Russland, Thailand, die Philippinen und Nigeria - Anschläge sind nun über den ganzen Globus verteilt."

Giroux und Burgherr richten ihre Aufmerksamkeit derzeit auf Regionen, in denen Energieversorger Schiefergas nach der Fracking-Methode gewinnen, etwa in den USA. Dabei wird eine mit Chemikalien angereicherte Flüssigkeit durch Gesteinsspalten in die Tiefe gepresst - eine Technologie, gegen die es vielerorts Proteste gibt. Sie könnten in Aktionen gewaltbereiter Umweltschützer münden. In Nordirland gab es Anfang August einen ersten solchen Fall. Aus einem fahrenden Auto warfen Unbekannte Brandbomben auf das Haus eines Mitarbeiters der Sicherheitsfirma, die ein Fracking-Feld bewacht.

Das EIAD-Projekt soll Terrorangriffe, Sabotage oder Öl-Klau nicht nur dokumentieren, sondern auch Anhaltspunkte liefern, um sie zu vermeiden. In Algerien etwa kommt es laut Burgherr zwar durchaus zu Anschlägen, doch fast nie auf die Energie-Infrastruktur: "Das ist einigermaßen erstaunlich." Woran das liegt, soll in einer geplanten Fallstudie vor Ort geklärt werden. Aus dem nordafrikanischen Land bezieht die EU rund ein Siebtel ihrer Erdgasimporte.



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smukster 21.12.2014
1. Interessante Datensammlung
Noch interessanter, aber in diesem Rahmen vielleicht nicht zu leisten, wäre jedoch eine Aufschlüsselung nach den Hintergründen der Anschläge. Denn was bringt es, eine Strategie gegen Sabotage zu entwickeln, wenn diese nur ein Symptom für viel tiefergehende Probleme in einem Land ist? Gar nichts - es kann sogar kontraproduktiv sein, weil sich dann die Gewalt nur ein neues Ziel sucht. Geht es also bei den Anschlägen um politischen Druck, Verteilungskämpfe um die Einnahmen, Konflikte zwischen Regionen und Unternehmen, simplen Raub? Oder richten sie sich in manchen Fällen auch gegen brutale Fördermethoden, wie sie zB in Nigeria üblich sind, oder gegen ökologisch unverantwortliche Techniken wie Fracking?
belmot 21.12.2014
2. alle 50 Meter einen Wachposten
Es ist richtig, dass man nicht "alle 50 Meter einen Wachposten" aufstellen kann. Man kann aber, wie in den USA oder der EU die Pipelines (Rohrleitungen) in die Erde verlegen. Dies wird jedoch aus Kostengründen und wegen schwacher Regierungen in den armen/politisch schwachen Förderländern nicht gemacht. Solange die Erdverlegung teurer ist als der Schaden, ist der Profit höher und alles ist gut, für wenige. Platzende Pipelines und Ventile werden übrigens auch als Sabotage oder Diebstahl gewertet, um wegen "Fremdverschulden" aus der Haftung für die Umweltschäden zu kommen. Auf US-Boden würden Klagewellen und Proteste so ein Handeln der Ölmultis hervorrufen. Billig gewartete Ölleitungen und deren fatale Umweltschäden werden wohl nicht von der EIAD gelistet.
unisicht 22.12.2014
3. Dezentrale Inergieversorgung muss her!
Eigentlich könnte in jedem Haus eine eigene Energieversorgung den kompletten Hausbedarf decken - wenn da nicht die Energielobby ihre Finger im Spiel hätte. Viele Vorteile wären damit verbunden - und vor allem wären wir unabhängiger in Krisenzeiten. Was sind das für Entscheidungen der Politik, die ihre Bürger solchen Gefahren von extremem Notstand aussetzt, obwohl sie abzuwenden wären?
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