Energieverschwendung Briten üben Selbstgeißelung

Sie lassen das Licht brennen, Geräte auf Standby und fahren kurze Strecken mit dem Auto - in einer Umfrage bekannten sich mehr Briten zu Energieverschwendung im Alltag als Deutsche, Franzosen, Spanier oder Italiener. Und die Queen geht mit schlechtem Beispiel voran.


Selbstbezichtigung soll der erste Schritt zur Besserung sein. "Großbritannien führt in der Energieverschwender-Liga", titelt die britische BBC. "Die Briten sind die schlechtesten Energiesparer in der EU", klagt die schottische Tageszeitung "The Scotsman". Der Londoner "Independent" schreibt: "Briten werden beschuldigt, mehr Energie zu verschwenden als irgendjemand sonst in Europa."

Zuviel Teewasser: Platz zwei auf der Liste der Alltags-Energiesünden in Großbritannien
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Zuviel Teewasser: Platz zwei auf der Liste der Alltags-Energiesünden in Großbritannien

Eine Umfrage hat die - rhetorische - Selbstgeißelung ausgelöst. Die unabhängige britische Organisation Energy Saving Trust (EST), eine Art Robin Wood des Stromsparens und der Wärmedämmung, hat eine Studie veröffentlicht, derzufolge die Briten mehr Energie verschwenden als Deutsche, Franzosen, Italiener und Spanier. In diesen fünf größten EU-Staaten waren im EST-Auftrag 5000 Bürger befragt worden - von einem europaweiten Verschwender-Ranking kann also nicht ganz die Rede sein.

Doch dass die Deutschen, gefolgt von den Spaniern, am effizientesten Energie nutzen und die Briten als große Öko-Sünder dastehen, ist den Energiesparern Botschaft genug - und passt thematisch ins öffentliche Meinungsklima des Vereinigten Königreichs: Dessen Premierminister beschwor erst zum EU-Gipfel am vorigen Freitag die Klimakatastrophe herauf. Zuvor hatte Premierminister Tony Blair eine Öko-Allianz mit dem US-Bundesstaat Kalifornien geschmiedet. Anfang Februar hatte er erklärt, die industrialisierten Staaten hätten nicht mehr als sieben Jahre, um "den Planeten zu retten". Bei vielen Briten scheint er damit indes auf taube Ohren zu stoßen.

Mehr tägliche Sünden als andere Europäer

So lassen diese etwa doppelt so oft Elektrogeräte unnötigerweise laufen als es die Deutschen tun. Folgten die Briten dem kontinentalen Spar-Vorbild, könnte dadurch so viel Strom gespart werden, dass es für die Jahresversorgung von 1,2 Millionen Haushalten ausreichen würde, hat der EST errechnet. Bis zum Jahr 2010 könnten Großbritanniens Verbraucher 11 Milliarden Pfund Sterling an Energiekosten sparen - und der Umwelt 43 Millionen Tonnen Kohlendioxidemissionen ersparen. Alles in allem eher abstrakte Zahlen.

Doch die peinlichen Ergebnisse - die mittlerweile auch online verfügbar sind - gelangten nicht ohne PR-Kalkül an die Zeitungsredaktionen. Am heutigen Montag beginnt in Großbritannien die Energy Saving Week, eine Öffentlichkeitskampagne, die an jedem Wochentag bis Freitag für eine andere Form des Energiesparens wirbt: Bewusster einkaufen (Montag), besser Wasserkochen (Dienstag), grün fahren (Mittwoch), Wäsche bei 30 Grad Celsius waschen (Donnerstag) und Licht ausschalten (Freitag).

Ähnlich gegenständlich führen die EST-Aktivisten ihren Landsleuten das mangelnde Energiesparbewusstsein als Reihe schlechter Eigenschaften vor: Im Durchschnitt habe jeder Brite 32 solcher "bad habits" im Telefoninterview zugegeben - verglichen mit 14, 16, 19 respektive 25 Sünden, die Deutsche, Spanier, Franzosen und Italiener durchschnittlich eingestanden hatten.

Die Top-10 der weitest verbreiteten Energiesparsünden in Großbritannien sind folgende: (Die Zahl in Klammern gibt an, wie viel Prozent der Befragten sich dazu bekannt haben.)

  1. Elektrogeräte im Standby-Modus lassen (71 Prozent)
  2. Mehr Teewasser kochen, als benötigt wird (67 Prozent)
  3. Unbenutzte Ladegeräte eingestöpselt lassen (65 Prozent)
  4. Licht in leeren Räumen brennen lassen (63 Prozent)
  5. Auch für kurze Wege das Auto nehmen (48 Prozent)
  6. Wäsche zu heiß waschen (44 Prozent)
  7. Motor im stehenden Auto laufen lassen (32 Prozent)
  8. Wäschetrockner statt -leine benutzen (32 Prozent)
  9. Leeres Haus heizen (28 Prozent)
  10. Heizung aufdrehen statt einen Pulli anzuziehen (22 Prozent)

Männer: Das dreckige Fünftel

Besonders schlecht schnitten der Untersuchung zufolge britische Männer ab. Zwar wiesen sowohl Ladies als auch Gentlemen dieselbe durchschnittliche Energiesündenzahl auf. Doch sind nur 9 Prozent der Damen deswegen auch frei von Gewissensbissen. Bei den Herren sind es 20 Prozent, ein ganzes Fünftel.

Außen vor bleibt bei diesen Ergebnissen, dass der Ländervergleich durch unterschiedliche Sensibilität für Umweltthemen verzerrt werden kann: Wer aufgeklärter über abträgliche Konsequenzen des eigenen Handelns weiß, entdeckt möglicherweise eher kleine Sünden bei sich selbst.

"Wir rufen die Nation auf, eine ganze Serie von Verhaltensänderungen in Angriff zu nehmen", sagte Philip Sellwood, der Geschäftsführer von EST. Die Energiespar-Organisation betonte den Zusammenhang zwischen Primärenergieverbrauch und dem Klimawandel - genaus jenes Thema, das Premier Blair und sein wissenschaftlicher Chefberater David King prominent im In- und Ausland vertreten.

Ein Greenpeace-Sprecher stellte angesichts der aktuellen Studien-Ergebnisse nur trocken fest: "Wir haben in Großbritannien eine Regierung, die rhetorisch gut und im Handeln schlecht ist." Die Regierung habe nach Ansicht von Greenpeace versäumt, die Bürger zum Energiesparen zu ermutigen - und mit entsprechenden Belohnungen zu locken.

Queen lässt nachts Licht brennen

Die britische Umweltschutzorganisation Friends of the Earth teilte mit, aus einer Analyse von Regierungsdaten gehe hervor, dass alleine im ersten Halbjahr 2006 im Vereinigten Königreich der Energieverbrauch um 2,1 Prozent über dem Wert des Vorjahreszeitraums gelegen hätten.

Ausgerechnet ein nationales Vorbild will künftig noch mehr Strom verbrauchen. Der Buckingham Palast kündigte an, künftig werde der Wohnsitz von Königin Elisabeth II. auch bei Nacht angestrahlt - zur Freude der Touristen und entgegen der landesweiten Appelle zum Energiesparen.

Eine andere Statistik, die den Briten pünktlich zur Energiesparwoche serviert wird, hat indes ganz sicher nicht die sonst energiesparenden Deutschen zum Vorbild: Würde die generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf Autobahnen von 70 Meilen in der Stunde (rund 110 Stundenkilometer) nur konsequent durchgesetzt, könnte der Kohlendioxidausstoß bis 2010 um eine Million Tonnen jährlich reduziert werden, meldete der "Scotsman". An diesem Punkt sündigt man in Deutschland noch deutlich heftiger.

stx



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