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Energiewaffen im Irak: Der Sheriff mit der Strahlenkanone

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Das US-Militär will Unruhen im Irak künftig mit Energiewaffen beenden: Gebündelte Mikrowellen sollen Aufständischen unerträgliche Schmerzen beibringen. Ab Juli 2005 sollen die ersten Strahlenkanonen auf Geländewagen durch irakische Städte rollen.

"Active Denial System" des US-Militärs: Schmerz aus der Strahlenkanone
US Air Force

"Active Denial System" des US-Militärs: Schmerz aus der Strahlenkanone

Schießereien, Demonstrationen, Bombenanschläge: Die Situation im besetzten Irak ist explosiver denn je, und immer wieder geraten auch Zivilisten zwischen die Fronten. Bei Zusammenstößen mit US-Soldaten wurden bereits Dutzende Unbeteiligte getötet. Jetzt will das Pentagon bei Aufständen nicht mehr schießen sondern strahlen lassen: Mikrowellen, die Menschen brennende Schmerzen zufügen, sollen Demonstranten und Angreifer in die Flucht schlagen, ohne sie zu töten oder auch nur dauerhaft zu schädigen.

Bis Juli kommenden Jahres sollen vier bis sechs mobile Energiewaffen an US-Truppen im Irak ausgeliefert werden, wie die amerikanische Militärzeitung "Stars and Stripes" berichtet. Das Experiment läuft unter dem bezeichnenden Titel "Projekt Sheriff". "Er ist nicht da, um zu zerstören", erklärt Colonel Wade Hall vom US-Marinekorps im Jargon des Militärtechnokraten. "Er ist da, um den Frieden zu erhalten, aber er kann falls nötig in den Zerstörungs-Status gehen."

Der "Sheriff" besteht in diesem Fall aus einer eckigen Antenne, die auf Geländewagen wie dem "Humvee" - der auch als monströser Pkw in den USA unterwegs ist - oder auf leichten Panzern montiert ist. Das "Active Denial System", kurz ADS, ähnelt der Technologie, die sonst auch in der Küche zum Einsatz kommt - nur dass in diesem Fall nicht Fertigsuppen, sondern Menschen erhitzt werden.

"Die Leute werden den Schmerz nicht aushalten"

Ein Transmitter erzeugt Mikrowellen mit einer Frequenz von 95 Gigahertz, die etwa 0,4 Millimeter tief in die Haut eindringen. Die elektromagnetische Strahlung erhitzt die Wassermoleküle und erzeugt innerhalb von Sekunden "unerträgliche" Schmerzen, wie es auf der Website des Forschungslabors der US-Luftwaffe in New Mexico heißt. "Die Haut wird extrem heiß", sagt Hall. "Die Leute werden den Schmerz nicht aushalten und weglaufen, und zwar dorthin, wo wir sie haben wollen."

Mikrowellen-Testanlage: "Es fühlt sich an, als würde die Haut brennen"
US Air Force

Mikrowellen-Testanlage: "Es fühlt sich an, als würde die Haut brennen"

Gesundheitliche Schäden trügen die Opfer - zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit - nicht davon, wie die US-Waffentechnik-Experten behaupten. Von den rund 51 Millionen Dollar, die das Pentagon nach eigenen Angaben seit 1992 für die Entwicklung der Mikrowellenwaffen ausgegeben hat, seien allein neun Millionen auf die Erforschung der Wirkungen auf den menschlichen Körper entfallen - Tier- und Menschenversuche inklusive.

"Es fühlt sich an, als würde die Haut brennen", sagt Rich Garcia, Sprecher des Air Force Research Laboratory und eines der menschlichen Testobjekte. "Aber wenn der Strahl abgeschaltet wird oder man seinen Bereich verlässt, ist alles wieder normal. Der Schmerz verschwindet restlos."

US-Militär sieht geringe Gefahr für Gesundheit

Ein Gremium unabhängiger Mediziner habe die Tests überwacht, erklärt die US-Luftwaffe. Ein Bericht aus dem Jahr 2002 habe ergeben, dass der Mikrowellenstrahl eine "niedrige Wahrscheinlichkeit ernsthafter Verletzungen" berge. Auch die Gefahr von Krebs oder Augenschäden sei gering. Schließlich, so das US-Militär, soll der "Sheriff" Leben retten und nicht auslöschen.

Offen bleibt, welche Schäden auftreten können, wenn Menschen etwa bei einer Massendemonstration nicht in der Lage sein sollten, binnen Sekunden aus dem Bereich des Strahls herauszulaufen. Während es auf der Haut zu Verbrennungen kommen kann, sehen Mediziner vor allem eine Gefahr für das Augenlicht der Betroffenen.

"Das Auge sieht furchtbar aus"

"Unter Hitzeeinwirkungen dehnen sich das Kammerwasser und der Glaskörper des Auges aus", erklärt Olaf Strauß, Augenheilkundler an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Das Resultat seien die gleichen Symptome wie bei einem akuten Grünen Star: Der erhöhte Innendruck presst die Blutgefäße des Auges weg, schädigt den Sehnerv und kann zur Erblindung führen. "Bei einem akuten Glaukom sieht das Auge furchtbar aus", sagt Strauß.

Fraglich sei, ob die Mikrowellen tief ins Auge eindringen oder vielleicht von der Hornhaut abgefangen werden. Doch auch dann bestehe die Gefahr einer Hornhauttrübung. "Die Hornhaut ist nur bei den richtigen Druckverhältnissen und einem bestimmten Wassergehalt transparent", so Strauß.

Die Waffentechniker des Pentagon haben indes auch für den Fall vorgesorgt, dass Hitze und Schmerz widerspenstige Iraker nicht unter Kontrolle bringen. Der "Sheriff" soll einen weniger friedlichen Begleiter bekommen: ein Metall spuckendes Ungeheuer, das aus mehreren mittel- und großkalibrigen Maschinengewehren mit hoher Feuerkraft besteht. Sein Name: "Gunslinger", zu Deutsch: "Revolverheld".

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