Energiewaffen Mit Mikrowellen in den Krieg

Die USA besitzen angeblich eine neue Wunderwaffe: Starke Mikrowellen-Blitze sollen die Elektronik in feindlichen Bunkern, Waffen und Fahrzeugen durchschmoren lassen. Experten warnen dagegen vor verheerenden Terror-Anschlägen mit billigen und einfach herzustellenden "E-Bomben".

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Blitzschlag: Elektromagnetische Energie gefährdet Infrastruktur
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Blitzschlag: Elektromagnetische Energie gefährdet Infrastruktur

Berlin - Strahlenkanonen wurden bisher nur auf Science-Fiction-
Schlachtfeldern abgefeuert. Die US-Militärs aber stehen nach einem Bericht des amerikanischen "Time"-Magazins kurz vor dem Einsatz solcher Waffen in realen Kriegen: Hochenergie-Mikrowellen ("High-Power Microwaves") sollen schon in einem möglichen Irak-Krieg den Feind besiegen, indem sie jede elektronische Ausrüstung unbrauchbar machen. Die Mikrowellen-Waffe feuert einen lichtschnellen elektromagnetischen Puls (EMP) ab, der Computer und Funkgeräte zerstört, Flugzeuge und Raketen lahm legt, Panzer und Jeeps stoppt.

Dass es sich hierbei nicht um bloßes Wunschdenken handelt, legt ein Dokument der US-Luftwaffe nahe. Die Studie zum Einsatz von Hochenergie-Mikrowellen in modernen Kriegen ist eines der wenigen nicht-geheimen Dokumente über die Energiewaffen-Forschung an der Kirtland-Luftwaffenbasis in Albuquerque (New Mexico). "Hochenergie-Mikrowellen sind bereit für den Übergang in die aktiven Waffensysteme des US-Militärs", schrieb die Autorin, Luftwaffenoberst Eileen M. Walling, bereits im Mai 2000. Die Technologie könne ein "revolutionäres Konzept der Kriegführung" darstellen.

In der Tat verfügen Energiewaffen über bestechende Vorteile: Sie sind leicht und kompakt, enorm effektiv, wetterunabhängig, lassen Gebäude weitgehend unzerstört, die Umwelt unvergiftet und die Menschen am Leben. In Wallings Bericht ist die Rede von der erfolgreichen Entwicklung eines 22 Kilogramm leichten Mikrowellen-Generators, der innerhalb weniger Milliardstel Sekunden einen Energiestoß von einem Gigawatt aussenden kann. Ein größerer Typ bringe es im gleichen Zeitraum gar auf 20 Gigawatt.

Nur 200 Kilogramm soll diese Energiebombe wiegen. Damit wäre sie leicht genug, um in einen gewöhnlichen Tomahawk-Marschflugkörper zu passen. Denkbar sei aber auch der Einsatz von Energiewaffen an Bord von Awacs-Aufklärungsflugzeugen oder unbemannten Flugkörpern wie der amerikanischen "Predator"-Drone, schrieb Walling.

Alptraum für Sicherheitsexperten

Was Militärexperten träumen lässt, bereitet Sicherheitsexperten schlaflose Nächte. Denn den größten Schaden können Energiewaffen in westlichen Industrienationen anrichten, in denen ein öffentliches Leben schon längst nicht mehr ohne Computer und Elektrik denkbar ist.

Nuklear-Explosion: Gewaltiger künstlicher Blitz
AP

Nuklear-Explosion: Gewaltiger künstlicher Blitz

Für Besorgnis sorgt vor allem die Annahme, dass wirkungsvolle nicht-nukleare E-Bomben schon mit einfachsten Mitteln und geringstem finanziellen Aufwand hergestellt werden können. Während die in Wallings Studie beschriebenen High-Tech-Waffen der US-Streitkräfte auf komplizierten Hochenergie-
Mikrowellen-Generatoren beruhen, warnen Physiker der Northwestern University in Evanston (Illinois) vor einer Billig-Bombe, die auf dem einfachen Prinzip des Flux-Kompensationsgenerators beruht.

Billig-Bombe für 400 Euro

Diese rudimentäre, aber äußerst wirkungsvolle Waffe könnte nach Meinung der Forscher mit Technik aus den vierziger Jahren und Material im Wert von umgerechnet 400 Euro gebaut werden - und dennoch eine verheerende Wirkung entfalten.

Die Konstruktion ist denkbar einfach: Ein mit Sprengstoff gefülltes, verformbares Kupferrohr wird mit starkem Kupferdraht umwickelt, der mit Hilfe von starken Kondensatoren ein starkes Magnetfeld erzeugt. Die ganze Konstruktion wird von einem harten Polymer-Mantel umschlossen, der die Explosionsenergie gezielt in eine Richtung abgibt.

Wird der Sprengstoff gezündet, dehnt sich das Kupferrohr von hinten nach vorn aus und berührt die Magnetspule. Dabei kommt es zu einem wandernden Kurzschluss: Das Magnetfeld der Spule wird in Bruchteilen von Sekunden stark komprimiert, während die elektrische Energie im Kupferrohr eingeschlossen bleibt. Das Resultat sind enorme magnetische Kräfte und ein elektrischer Puls von bis zu einer Million Ampere - weit mehr als bei einem Blitzschlag. "Eine solche Bombe kann mit einfachen elektrischen Materialien, Plastiksprengstoff und leicht zu beschaffenden Werkzeugen gebaut werden", warnen die Forscher der Northwestern University. "Sie wäre kleiner als ein Aktenkoffer."

Das US-Repräsentantenhaus beschäftigte sich schon 1997 mit der Bedrohung. Das Szenario, das Wissenschaftler in einer Anhörung vor dem Ausschuss für Nationale Sicherheit entwarfen, ließ die Abgeordneten schaudern: "Es ist schwer, das Ausmaß der Auswirkungen eines elektromagnetischen Pulses auf die zivile Infrastruktur auch nur zu erahnen", erklärte Physiker Gary Smith von der John Hopkins University. Nahezu unmöglich sei es, die gesamte Infrastruktur der USA zu schützen.

Wie verheerend sich der elektromagnetische Puls auswirken kann, ist spätestens seit 1962 bekannt. Bei einer Serie von US-Atomwaffentests in großen Höhen (Codename: "Fishbowl") wurde über dem Pazifik eine Atombombe namens "Starfish Prime" gezündet. Sie blies noch auf dem 1300 Kilometer entfernten Hawaii Radiosender aus dem Äther. Auch zahlreiche elektrische Geräte auf der Insel fielen der Energiewelle zum Opfer.

Schwere Schäden an der Infrastruktur

Nicht-nukleare EMP-Waffen setzen zwar weniger elektromagnetische Energie frei als Nuklearwaffen, doch sie fokussieren ihren Blitz auf ein enges Gebiet - und können dadurch eine ähnlich verheerende Wirkung erreichen. Der EMP wird von allen metallischen Gegenständen und Antennen förmlich aufgesogen und als elektrischer Strom weitergeleitet. Transformatoren von Kraftwerken, elektronische Bauteile und die meisten anderen Geräte mit einer Verbindung zum Stromnetz werden schwer beschädigt.

Die Spannung in den Leitungen kann mehrere Hunderttausend Volt erreichen. Alles, was mit elektromagnetischen Wellen arbeitet - etwa Funk- und Radaranlagen, Computer, Fernsehgeräte - ist anschließend schrottreif. Selbst vom Stromnetz getrennte Laptops werden unbrauchbar: Der EMP erzeugt dermaßen starke magnetische Felder, dass auf Festplatten und Disketten nur noch unlesbarer Datensalat übrig bleibt.

Direkte Auswirkungen auf das menschliche Nervensystem gelten wegen der Kürze des elektromagnetischen Pulses als unwahrscheinlich. Indirekt könnten die Energiebomben dennoch töten: Im Zielgebiet der Waffe dürften auch Herzschrittmacher und lebenserhaltende Systeme in Krankenhäusern ausfallen.

"Es ist anzunehmen, dass praktisch unsere komplettes Kommunikationssystem extrem EMP-verwundbar ist", betonte Lowell Wood vom renommierten Lawrence Livermore Laboratory in der Anhörung des Repräsentantenhauses. "Unsere nationale Politik der Nacktheit gegenüber Feinden, die EMP-Waffen besitzen könnten, trägt immer stärkere Züge von Masochismus."



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