Energiewende von unten: Die Strompiratin

Von Dirk Liesemer

Luise Neumann-Cosel hat eine Genossenschaft gegründet, um das Stromnetz Berlins zu übernehmen - vom Konzern Vattenfall. Dass sie dazu 100 Millionen Euro braucht, stört sie dabei nicht.

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Dirk Liesemer

Strompiratin Luise Neumann-Cosel: "Man muss da nüchtern rangehen"

Vielleicht muss man große Zahlen nur oft genug aussprechen, damit sie einem kleiner erscheinen. Möglicherweise gewöhnt man sich dann sogar an solch gigantische Beträge wie 100 Millionen Euro. So viel Geld braucht Luise Neumann-Cosel bis Ende nächsten Jahres. Mindestens. So ganz genau weiß sie das nicht. Fünf Millionen hat sie bislang eingesammelt, immerhin.

Aber Geld ist nicht alles in dieser Geschichte. Es geht um Demokratie, Energiewende und die Stromversorgung in der Millionenstadt Berlin. Und um die Frage, welchen Einfluss man darauf nehmen kann.

Luise Neumann-Cosel trägt in der Nase ein Piercing und einen adligen Namen (eigentlich heißt sie "von Neumann-Cosel", das "von" hat sie aber abgelegt). Sie ist 27, hat Geoökologie studiert und will nichts Geringeres, als das Stromnetz von Berlin übernehmen. "Man muss da nüchtern rangehen", sagt sie und breitet ihre Strategie aus: Die Bürger sollen als Teilhaber einer Genossenschaft diese Lebensader der städtischen Infrastruktur zurückkaufen - damit gestalten sie nicht nur Politik, sondern verdienen auch noch Geld.

Seit fast zwanzig Jahren wird das Berliner Stromnetz von Vattenfall genutzt. Luise Neumann-Cosel ist sich sicher, dass der Konzern vom Netz profitiert. Warum sollten das nicht auch die Bürger tun? Ende 2014 läuft die Konzession aus. Dann muss das Landesparlament neu entscheiden, wem es das Stromnetz für die kommenden zwanzig Jahre überlassen will. Noch einmal Vattenfall? Oder einer Genossenschaft, angeführt von einer jungen Frau?

"Wollen wir, dass ein Konzern weiter über uns bestimmt?"

Vor ein paar Monaten war Luise Neumann-Cosel in der Politik-Show von Maybrit Illner. Neben ihr saß Umweltminister Altmaier. Dem Publikum erzählte sie mit forschen Worten von der Genossenschaft, die sich "BürgerEnergie Berlin" nennt, und sagte, dass jeder Mitglied werden könne. Rund tausend zähle man derzeit, alle haben 500 Euro oder mehr eingezahlt. "Bin ich dabei!", verkündete der Minister begeistert - und ist jetzt Genosse.

Den Kampf um das Stromnetz führt Luise Neumann-Cosel ohne Kontakt zum Gegner. Hin und wieder liest sie Verlautbarungen des Konzerns in der Zeitung. Inwiefern das Unternehmen die Genossenschaft beobachtet, weiß sie nicht. Und es bereitet ihr auch wenig Kopfzerbrechen. Sie bereitet sich jetzt auf die erste große Entscheidung vor. Bis vor wenigen Tagen hat sie Unterschriften gesammelt, damit am 22. September, dem Tag der Bundestagswahl, in Berlin ein Volksentscheid stattfindet: Soll das Land das Stromnetz zurückkaufen? Das ließe sich gut mit der Genossenschaft kombinieren.

"Wollen wir, dass ein Konzern weiter über uns bestimmt?", fragt Stefan Taschner. Vor Jahren hat er den "Energietisch" mitbegründet, eine Art Denkfabrik, die sich in der Hauptstadt für alternative Energien stark macht. Taschner und Neumann-Cosel unterstützen einander. "In den nächsten zwanzig Jahren geht es um viel", referiert er. Um Elektromobilität, die Neuformulierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes und um intelligente Stromnetze, die effizienter sein werden als heutige. Der Konzern werde die Agenda sicher nicht im Sinne der Bürger vorantreiben. Er scheue ja nicht einmal davor zurück, die Bundesregierung vor dem Welthandelsgericht zu verklagen, weil die Politik sich gegen Vattenfalls Braunkohlekraftwerke entschieden hat.

In Berlin wird aber keineswegs nur um Stromleitungen gerungen. "Wenn das Netz erst einmal in Bürgerhand ist", sagt Taschner, "dann soll auch der Versorger vorbildlich werden." Sein Vorbild: Sacramento, USA. Dort stellen die Stadtwerke fast alle Unterlagen ins Netz, und Vorstandssitzungen lassen sich im Live-Stream verfolgen. "Sacramento ist das demokratischste, ökologischste und beliebteste Stadtwerk der USA", schwärmt Stefan Taschner.

Den Beginn des Kampfes um das Stromnetz kann Luise Neumann-Cosel genau datieren: Am 7. Mai 2011 schickte sie um 15 Uhr 55 und 17 Sekunden eine knappe E-Mail an das Berliner Parlament:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe Interesse an der Drucksache 12/4316 (Ausgehandelter Konzessionsvertrag Berliner Kraft- und Licht (Bewag)-Aktiengesellschaft) vom 3. Mai 1994. Diese ist leider online nicht verfügbar. Wie kann ich Zugriff auf diese Drucksache bekommen? Für eine rasche Antwort wäre ich dankbar!

Mit freundlichen Grüßen, Luise Neumann-Cosel

Seit Längerem befasst sie sich mit Energiepolitik. So wusste sie, dass Konzessionsverträge frei zugänglich sind. Macht und Ohnmacht der Bürger hat sie schon mit 16 Jahren kennengelernt. Im Wendland, wohin eine Freundin sie zu Protesten gegen die Castortransporte mitnimmt. Sie ist schockiert, "dass da Atommüll im Wald steht und mit staatlicher Macht durchgedrückt wird". Zugleich erlebt sie in Gorleben, wie motivierend Widerstand wirkt. Dass man alles hinterfragen sollte, Staat, Politik, Wirtschaft. Und dass man, wenn man das tut, zu neuen Antworten gelangt.

"Frau Merkel, das war's. Die Atompolitik ist am Ende"

2010 steht sie in Berlin auf einer Bühne. Sie ist Sprecherin des atomkritischen Netzwerks "Ausgestrahlt" und der Anti-Castor-Kampagne "X-tausendmal quer". Vor ihr hunderttausend Menschen, die gegen die Verlängerung der Reaktorlaufzeit demonstrieren. "Hallo, ich bin Luise", sagt sie und lässt kein gutes Haar an der "verehrten Regierung" und der "lieben Atomlobby".

2011, kurz nach Fukushima, spricht sie erneut auf einer Demonstration. Am Brandenburger Tor ruft sie: "Frau Merkel, das war's. Die Atompolitik ist am Ende." Selbst die konservative Welt ist von der Rebellin verzückt: "Ihre scheinbar naiven, kämpferischen Reden haben Neumann-Cosel zum Star der Anti-AKW-Bewegung gemacht".

Als Angela Merkel das Ende der Atomkraft ausruft, wird aus der Aktivistin eine Gestalterin: Sie will die Energiewende von unten voranbringen, gründet mit Freunden eine Genossenschaft und übernimmt einen der beiden Vorstandsposten.

Ein gewisses Misstrauen gegenüber den Parteien treibt sie an. "Es ging nicht anders", sagt sie und erzählt, dass das Stromnetz längst in der Hand der Bürger liegen könnte. Vor Jahren hätte das rot-rote Landesparlament den Vertrag mit Vattenfall beenden können; es gab ein Sonderkündigungsrecht. Als das nicht geschah, sei ihr klar geworden, dass es nur einen Weg gebe: "Man braucht eine Bewegung von außen."

So wie in Schönau, der Schwarzwaldgemeinde, wo eine Handvoll Bürger in den 90er Jahren das lokale Energienetz einem Konzern abgetrotzt haben. Luise Neumann-Cosel hat Filme darüber gesehen. Schönau ist zum großen Vorbild geworden: Alle zwei, drei Tage formiert sich in Deutschland zurzeit eine neue Energiegenossenschaft, mehr als 600 sind es bereits.

Bald lädt man jemanden aus Schönau ein und ist doch nervös. Wird er sagen: "Schwachsinn, was ihr da plant." Denn Schönau ist klein, keine zweieinhalbtausend Menschen. In Berlin: mehr als 3,5 Millionen, 35.000 Kilometer Leitungen, komplizierte Infrastruktur. Und Berlin ist ein Symbol. Wenn hier ein Konzern aus einem elementaren Geschäftsfeld verdrängt wird, wo soll er sich dann noch halten? Aber der Schönauer sagt nur: "Na, klar. Macht das!"

"In jedem Vergabeverfahren gibt es Spielräume"

Eine Lehre aus Schönau gilt auch in Berlin: Niemals den Energieversorgern glauben. Laut Vattenfall ist das Netz zwei bis drei Milliarden Euro wert. "Eine politische Zahl", sagt Neumann-Cosel. Zwar ist der Wert des Netzes für die Stromrebellen schwer zu ermitteln, weil sie entscheidende Daten nicht erhalten. "Aber wir wissen, wie viele Anschlüsse es gibt. Und was die Stadtwerke einst wert waren: 1,2 Milliarden Euro - und zwar Stromnetz, Kraftwerke, Wärmenetz." So ist sie auf einen Wert gekommen, der zwischen 800 Millionen und einer Milliarde liegt. Zu den 100 Millionen, die sie einsammelt, kommt dann Fremdkapital vom Land.

Wenn man Luise Neumann-Cosel zuhört, wie sie Schritt für Schritt das Stromnetz übernimmt, klingt alles verblüffend einfach: "Man macht eine Presse-Konferenz", sagt sie, "Artikel erscheinen, dann rufen Leute an und wollen mitmachen." Auch ihre Mutter und die Schwester sind Genossinnen. Jemand hat für seine Einlage sogar die Lebensversicherung aufgelöst.

Am Ende wird in Berlin wohl weniger das Geld entscheidend sein, sagt Neumann-Cosel, als vielmehr die Zahl der Menschen, die hinter der Idee steht. Gleichwohl überzeuge man einen Senat leichter, wenn man 50 Millionen Euro mitbringt. "Und in jedem Vergabeverfahren gibt es Spielräume", sagt sie.

Und falls die Strompiraten scheitern? Keine Katastrophe, sagt Luise Neumann-Cosel. Berlin wäre ein Vorbild für alle Kommunen, in denen Konzessionen auslaufen: Potsdam, Essen, Nordbayern oder Lübeck. Dann, sagt sie, geht die Revolution eben von der Provinz aus.

Dieser Artikel stammt aus "natur" 7/2013, dem Magazin für Natur, Umwelt, nachhaltiges Leben.

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