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Energiewende: Nur die Sonne kann unsere Zukunft retten

Aus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren hat die Politik gelernt, glaubt der Klimaforscher Mojib Latif. Aber die nächste Herausforderung steht bevor: Eine tiefgreifende Energiekrise ist nur durch Stromgewinnung aus Sonnenkraft zu verhindern.

Wir erleben im Moment eine Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich zu der bisher größten Wirtschaftskrise der vergangenen hundert Jahre ausweiten könnte. Ich glaube, sie wird die Welt verändern wie keine vor ihr. Vordergründig hat sie mit einigen verantwortungslosen Bankmanagern zu tun. Die wahren Gründe liegen jedoch viel tiefer. Unser Wirtschaftssystem hat sich überlebt, weil es nicht nachhaltig ist. Es nimmt keine Rücksicht mehr auf die Bedürfnisse der Menschen und auf die der Umwelt. Diese Einsicht wächst und die gängigen Vorstellungen darüber, wie Wirtschaft zu funktionieren hat, werden gerade über Bord geworfen.

Solarthermie-Kraftwerk in der kalifornischen Mojave-Wüste: "Ich bin zuversichtlich, dass die Menschheit gegen Mitte des Jahrhunderts die Hälfte der Energie regenerativ erzeugt"
AP

Solarthermie-Kraftwerk in der kalifornischen Mojave-Wüste: "Ich bin zuversichtlich, dass die Menschheit gegen Mitte des Jahrhunderts die Hälfte der Energie regenerativ erzeugt"

Wer hätte es beispielsweise noch vor einem Jahr gewagt, die Verstaatlichung von Banken zu fordern? Heute sind bereits die gesetzlichen Grundlagen dazu geschaffen.

Der Umgang mit der Wirtschaftskrise verdeutlicht, dass wir Menschen dabei sind, aus unseren Fehlern der vergangenen Jahrzehnte zu lernen. Weltweit koordiniertes Handeln ist das Gebot der Stunde und man ist sich einig, dass der Markt strenge Regeln benötigt. Das macht Hoffnung, vor allem auch im Hinblick auf die Bewältigung der globalen Umweltprobleme. Wir Menschen verbrauchen die natürlichen Ressourcen mit einer Geschwindigkeit, dass wir geradewegs auf einen Kollaps zusteuern.

Die zukünftige Entwicklung und vor allem der Wohlstand der Menschheit sind unter anderem eng mit der Verfügbarkeit bezahlbarer Energie für alle verknüpft. Die momentane Energiegewinnung ist im höchsten Maße unnachhaltig. Die fossilen Energieressourcen werden derart schnell verbraucht, dass man kein Prophet sein muss, um die nächste Krise - die Energiekrise - vorherzusehen. Und wir gefährden das Klima, wenn wir weiterhin auf die fossile Karte setzen.

Es hat lange gedauert von den ersten Warnungen des "Club of Rome" vor nunmehr fast 40 Jahren, bis zu der Einsicht, dass es Grenzen des Wachstums gibt. So wie es in der Physik das Gesetz der Energieerhaltung gibt, wonach verschiedene Reservoires zwar Energie untereinander austauschen, sich die Gesamtenergie jedoch nicht ändert, unterliegt auch die Wirtschaft einem ähnlichen Mechanismus. In der Physik führt ein zu starkes Anwachsen der Energie in einem Reservoir zu dem bekannten Phänomen der Instabilität.

Beim Wetter kennen wir dieses Phänomen nur zu gut. Die Sonne bestrahlt die Erdoberfläche ungleichmäßig. Dadurch kommt es zu einem starken Temperaturgefälle zwischen den äquatorialen und den polaren Breiten. Die daraus resultierenden Winde werden instabil, es entstehen Wirbel, die wir als Tiefdruckgebiete kennen. Die Winde wachsen nicht weiter an und die Tiefs übernehmen den notwendigen Wärmetransport. Wir möchten die Instabilität des Wirtschaftssystems vermeiden, da sie zu chaotischem und damit unberechenbarem Verhalten führt. Ein rechtzeitiges Umsteuern vermeidet die Instabilität. Beim Wetter ist dies nicht möglich, denn die Sonne entzieht sich unserem Einfluss.

Bin ich ein Phantast?

Auf die Wirtschaft können wir Einfluss nehmen. Voraussetzung ist, dass man Fehlentwicklungen frühzeitig erkennt und das Wachstum rechtzeitig in andere Sektoren lenkt. Bezogen auf das Energie- bzw. das Klimaproblem erfordert dies eine neue Art der Energiegewinnung. Die Atomenergie kann nicht die Lösung sein, da sie nicht nachhaltig ist. Es kommen daher nur die regenerativen Energien als Alternative in Frage.

Die Sonnenenergie beispielsweise steht praktisch unbegrenzt auf der Erde zur Verfügung, die Technik zu ihrer Nutzung existiert, und sie ist auch bezahlbar, wenn man den technologischen Fortschritt berücksichtigt.Wir sollten daher verstärkt in die Entwicklung neuer Netz- und Speichertechnologien investieren, um die Sonne und andere saubere Energien effektiver zu nutzen. Die Sonnenenergie bietet daneben die Möglichkeit, den Nord-Süd Konflikt zu entschärfen, der eine Gefahr für den Weltfrieden darstellt.

Regionen wie etwa Nordafrika besitzen den "Rohstoff" Sonne im Überfluss und könnten eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung nehmen. Ich glaube, dass der Durchbruch in den kommenden 20 Jahren gelingt, und wir den Einstieg in das solare Zeitalter schaffen. Wir werden darüber hinaus die anderen regenerativen Energien viel stärker nutzen als bisher. Ich bin zuversichtlich, dass die Menschheit gegen Mitte des Jahrhunderts die Hälfte der Energie regenerativ erzeugt. Man würde damit das Wirtschaftswachstum von den fossilen in Richtung der regenerativen Energien verlagern, eine weitere Instabilität vermeiden und bei der Bewältigung des Klimaproblems einen entscheidenden Schritt vorankommen. Und die Welt würde aus vielerlei Gründen sicherer.

Bin ich ein Phantast? Ich glaube nicht. Die Weltpolitik hat ihre Lektion gelernt. Der Paradigmenwechsel ist erkennbar. Die Bankenkrise und die Krise der Automobilindustrie haben verdeutlicht, dass Partikularinteressen niemals gegenüber dem Allgemeinwohl Vorrang haben können. In der heutigen Zeit ist das Allgemeinwohl allerdings global zu definieren. Der gesunde Menschenverstand kehrt in unser Denken zurück. Die Zeit der Rekordrenditen und des Marktradikalismus ist vorbei. Es wird nicht bei der Regulierung des Finanzwesens bleiben, der Energiesektor wird folgen und viele andere Bereiche.

Die Finanzkrise hat uns allen das Phänomen der Instabilität deutlich vor Augen geführt. Das Platzen von Spekulationsblasen an den Börsen ist ein Indiz für die Instabilität und zeugt von nicht nachhaltigem Wachstum. Es gilt, Instabilitäten künftig zu vermeiden. Die Menschheit ist dazu fähig. Während des Kalten Krieges standen wir am Abgrund, es bestand die Gefahr eines Dritten Weltkriegs, ja sogar einer atomaren Auseinandersetzung. Besonnenheit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs hat ihn verhindert. Diese Besonnenheit sehe ich jetzt wieder.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Belangloses Geplänkel
mumrik2, 04.07.2009
"Herr Latif, schreiben Sie doch mal ein paar Worte dazu, was Sie so über Energiepolitik und Wirtschaft denken". Ja, man geht hier - journalistisch sehr beliebte Methode - davon aus, dass ein Wissenschaftler tatsächlich etwas dazu zu sagen haben muss. Tatsächlich könnte diesen Text jeder Abiturient verfasst haben, lässt man das unsägliche Gequatsche zwischendrin über vermutete Analogien von Physik und Weltpolitik noch weg. Ich finde es natürlich wichtig, dass langsam tatsächlich ein Umdenken in diesen Fragen einsetzt. Nur leider erscheint es mir eher so, dass Angst um den gewohnten Wohlstand der Motor der Sache ist - und eben *nicht* der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, Umweltschutz usw. Gut zu erkennen ist das übrigens daran, dass so gut wie nie von Verzicht die Rede ist, wenn es um die prognostizierte Ressourcenverknappung geht. Stattdessen wird nur davon gesprochen, wieviel Megawatt nötig sein werden, um den in der Zukunft weiter gestiegenen(!) Energiebedarf zu decken. Man spricht letztlich davon, wie es möglich sein soll, zu gleichen Kosten auch in 20 Jahren noch einen 2-Tonnen-PKW fahren zu können. Ich bin mir sicher, dass man locker den Energiebedarf in Europa und insbesondere in D sogar halbieren könnte, ohne dass unsere Lebensqualität nachließe.
2. Wenn sie gelernt hätten......
AndiEh 04.07.2009
Zitat von sysopAus der schlimmsten Wirtschaftskrise seit achtzig Jahren hat die Politik gelernt, glaubt der Klimaforscher Mojib Latif. Aber die nächste Herausforderung steht bevor: Eine tiefgreifende Energiekrise ist nur durch Stromgewinnung aus Sonnenkraft zu verhindern. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,633980,00.html
Wenn sie gelernt hätte, gebe es schon längst einen Vertrag über den Bau von Solarkraftwerken in der Wüste und der Bau dafür nötiger Stromleitungen hätte schon begonnen. Aber wir pumpen ja lieber Geld in Banken die damit noch nicht einmal die eigene Wirtschaft stützen, indem sie Kredit vergeben. Man lese diesen Artikel http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,549677,00.html und vergleiche die angegebenen Kosten mit den Summen, welche die Banken vom Staat bekommen haben. Dann überlege man, wie viele Arbeitsplätze so ein Mamutprojekt in Europa schaffen würde. Gruß Andi
3. Schön wäre es schon!
diesof 04.07.2009
Leider sehe ich noch nicht einmal eine Regulierung der Finanzmärkte - im Gegenteil, das gleiche Spiel läuft schon wieder. Ich kann nur versuchen, mich möglichst wenig umweltschädlich zu verhalten; nach dem Motto weniger ist mehr. Ein Wirtschaftssystem, daß ständig wachsen muß, um als System zu überleben, wird das Raumschiff Erde unbewohnbar machen. Desert Tec ist wahrscheinlich eine Seifenblase der Industrie um den guten Willen vorzutäuschen, bevor man wieder Kernkraftwerke baut (Siemens braucht dazu noch Schwarz-Gelb)
4. Sich wieder in Energieabhaengigkeit begeben?
NGC891, 04.07.2009
Solarstrom aus Nordafrika zu beziehen heisst, sich wieder in eine extreme Energieabhaengigkeit und damit Erpressbarkeit zu begeben. Wollen wir das wirklich? Nur die Kernfusion bietet eine langfristige Perspektive.
5. Die Welt ist weitem noch nicht so weit
llothar 04.07.2009
Ich mag diesen Schüleraufsatz (wenn keine Differenzialgleichungen zu lösen sind sind Profs oftmals ganz kleine Kinder) Artikel eigentlich ganz gern. Aber ich wage den Optimismus zu bezweifeln, denn ich sehe ihn nicht. Überhaupt nicht in den USA (wo ich am meisten in Foren diskutiere) noch hier bei mir in Asien. In Deutschland ist man sicher schon deutlich weiter. Da hilft auch die gute sozialistische Grundeinstellung etwas. Aber auch hier legt die Politik ganz klar fest das die Finanzcasinos weiterspielen sollen, nur halt ihre Öffnungszeiten werden auf 20-24 Uhr eingeschränkt.
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Zur Person
Mojib Latif, 54, ist Klimaforscher am Leibniz-Institut für Meereswissenschaften der Universität Kiel. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen und hat mehrere Bücher zum Klimawandel veröffentlicht.
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Die Internetzeitschrift "Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt. Jedes Jahr wird ihnen eine Frage gestellt. Dieser Beitrag entstand als Antwort auf die Frage: Was wird alles verändern? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Beiträge exklusiv.

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Desertec: Strom aus der Wüste

Strom aus der Wüste
Sonnenkraft
Die Energie der Sonne bietet ein riesiges Potential: Pro Jahr gehen 630.000 Terawattstunden an ungenutzter Sonnenstrahlen-Energie auf die Wüsten in Nahost und Nordafrika nieder. Zum Vergleich: Ganz Europa verbraucht pro Jahr etwa 4000 Terawattstunden.
Desertec-Konzept
Würde man auf etwa 20.000 Quadratkilometern der nordafrikanischen Wüste Solarthermie-Kraftwerke aufstellen, ließe sich daraus theoretisch so viel Strom gewinnen, um den Bedarf Europas zu decken. Der gewonnene saubere Strom würde mit Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen nach Europa transportiert werden.
Solarthermie
Das Prinzip kennt jeder, der einmal mit einem Brennglas Löcher in Papier gebrannt hat: Gebündelte Sonnenstrahlen, von Parabolrinnen-Spiegeln konzentriert, erhitzen Wasser, Dampf treibt Turbinen an, und die erzeugen Strom. So funktioniert ein Solarthermie-Kraftwerk. Auch bei Nacht: In Salzspeichern kann die am Tag erzeugte Wärme für einige Stunden festgehalten werden. So können die Turbinen auch laufen und Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technologie ist alt und bewährt: In Kalifornien erzeugen Solarthermie-Kraftwerke seit den achtziger Jahren Strom. In Südspanien wurden kürzlich drei neue Kraftwerke gebaut.

Solarthermie hat Vorteile gegenüber Photovoltaik: Sie ist günstiger und nicht so wartungsintensiv. Außerdem benötigen Solarzellen teure Speicher für den Strom, um eine Versorgung bei Nacht zu gewährleisten. Dafür produzieren Solarzellen direkt Strom, wohingegen mit Solarthermie der Umweg über Wärme und Turbinen gegangen werden muss.
Versorgungssicherheit
Nachts scheint keine Sonne, in Flüssigsalz-Speichern kann man einen Teil der tagsüber solarthermisch erzeugten Wärme aber chemisch speichern - derzeit bis zu acht Stunden lang. So können die Turbinen auch nachts laufen, die Stromversorgung ist durchgehend gesichert.
Leitungsnetz
Um den Strom über eine Distanz von 3000 Kilometern nach Europa zu transportieren, braucht man Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen (HVDC). Normale Wechselstrom-Leitungen sind zu verlustreich. HVDC-Leitungen haben einen Verlust von etwa drei Prozent auf 1000 Kilometern. Auch diese HVDC-Technologie ist vorhanden und erprobt.
Kosten
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat in einer Machbarkeitsstudie errechnet, dass bis zum Jahr 2050 etwa 400 Milliarden Euro nötig wären, um so viel Solarthermie-Kraftwerke zu bauen, dass Europa 15 Prozent seines Strombedarfs damit decken könnte. 350 Milliarden Euro würden die Kraftwerke kosten und etwa 50 Milliarden Euro das Leitungsnetz, um den Strom von Nordafrika nach Europa zu transportieren.
Vorteile
Solarthermie ist Low-Tech - zuverlässig und risikofrei. Die Kraftwerke können nicht explodieren, es entsteht kein radioaktiver Abfall oder klimaschädliches CO2 und man braucht keine Kohle, kein Öl und kein Uran, um sie zu betreiben. Geht ein Spiegel-Modul kaputt, wird es einfach ausgetauscht - der Betrieb des Kraftwerks ist nicht gestört. Ein weiterer großer Vorteil: Baut man die Kraftwerke in Küstennähe, könnten mit dem Strom auch Meerwasser-Entsalzungsanlagen betrieben werden und dringend benötigtes Wasser für die nordafrikanischen Länder produziert werden. Politisch und wirtschaftlich gesehen könnten die Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas auf dem Exportgut sauberer Strom eine solide Wirtschaft und Wohlstand aufbauen.
Nachteile
Kritiker sehen die Gefahr von Abhängigkeit von den politisch eher instabilen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Zudem könnte das Leitungsnetz Ziel von Terroristen sein - die Stromversorgung Europas wäre im Falle eines Anschlags gefährdet. Politische Hürden bestehen vor allem darin, dass für eine Umsetzung des Desertec-Konzepts die Zusammenarbeit sowohl vieler europäischer Staaten untereinander erforderlich ist als auch mit Nordafrika und dem Nahen Osten. Diese Beziehungen sind allerdings historisch belastet.


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