England Forscher will Spukschloss entzaubern

Kinderstimmen und Schreie, Schritte und Visionen - im englischen Muncaster Castle soll es spuken, genauso wie in zahllosen anderen britischen Gemäuern. Ein Psychologe will das Phänomen jetzt entzaubern: Er vermutet Magnetfelder hinter den seltsamen Erscheinungen.


Der Tapisserie-Saal des alten Schlosses gilt als besonders gruselig: Übernachtungsgäste hörten hier schon weinende Kinder, hatten das dumpfe Gefühl, nicht allein im Raum zu sein, hörten Schritte und hatten Visionen - keiner, so berichtet die Besitzerfamilie Pennington, bleibt länger als eine Nacht in diesem Zimmer.

Muncaster Castle: Besucher berichten immer wieder von seltsamen Empfindungen und Erscheinungen
AFP

Muncaster Castle: Besucher berichten immer wieder von seltsamen Empfindungen und Erscheinungen

Während es nächtens im Schloss heftig spukt, treibt den Anwohnern zufolge auf den Straßen und in den Gärten die "Weiße Dame" ihr Unwesen - sie sei der Geist der jungen Mary Bragg, die Anfang des 19. Jahrhunderts in der Nähe des Schlosstors ermordet wurde. Auch ein früherer Schlossnarr namens Tom Fool soll schon mehrfach aufgetaucht sein.

Das jedenfalls sagen die Schlosseigentümer und deren Gäste, die der Legende zufolge nie mehr als eine Nacht in dem gruseligen Gemäuer verbringen. Der Psychologe Jason Braithwaite will ermitteln, ob das 800 Jahre alte Muncaster Castle nicht einfach nur auf einem besonders starken Magnetfeld erbaut wurde. Braithwaite bietet sogar Seminare - natürlich mit Übernachtung - an, in denen er gemeinsam mit den Teilnehmern versucht, die "paranormalen" Phänomene zu ergründen.

Braithwaite, von Hause aus Psychologe, Neurologe und auf Menschen mit Hirnschäden spezialisiert, zeigt sich gegenüber diesen Phänomenen äußerst skeptisch. Er wolle seinen Schülern beibringen, mit wissenschaftlichen Methoden zu ermitteln, ob es für diverse Gruselphänomene nicht doch eine natürliche Erklärung gibt.

Machen Magnetfelder Gespenster?

"Ich sage nicht, dass ich all diese Erfahrungen einfach so erklären kann", sagt der 34-Jährige, der ganz in der Nähe des Schlosses aufwuchs. "Aber ich will den Leuten gedankliches Werkzeug mitgeben, das ihnen hilft, diese Dinge ernsthaft und vernünftig zu studieren." Stühlerücken oder anderen spiritistischen Firlefanz werde es denn auch nicht geben, von wegen "Licht ausschalten und 'Ist da wer?' fragen", so Braithwaite.

Psychologe Braithwaite: Mit wissenschaftlichen Mitteln auf Geisterjagd
AFP

Psychologe Braithwaite: Mit wissenschaftlichen Mitteln auf Geisterjagd

Immerhin schon 15 Jahre befasst sich der Wissenschaftler mit dem Spuk in Muncaster Castle, und eines hat er dabei herausgefunden: "Es gibt nicht die eine und endgültige Erklärung für Gespenster, Erscheinungen und seltsame Erfahrungen. Es gibt viele verschiedene, die sowohl von der Situation als auch vom einzelnen Menschen abhängen." Er hält es für möglich, dass einige außergewöhnliche Wahrnehmungen durch unnormal starke Magnetfelder hervorgerufen werden.

Ein solches Feld sei einem "unsichtbaren Gewitter" vergleichbar. Menschen mit "weniger gehemmten" oder "sprunghafteren" Gehirnen - etwa Epilepsie- oder Migränepatienten - könnten in starken Energiefeldern bestimmte Reaktionen aufweisen, unabhängig von ihrer Intelligenz oder Bildung.

Schlossherr Peter Frost Pennington ist mit diesem Zugang zu seinem Gespensterschloss voll einverstanden. "Wir unterstützen echte wissenschaftliche Forschung. Wir wollen wissen, warum so viele Menschen glauben, sie hätten in unserem Schloss Geister gesehen oder gespürt."

Braithwaite hofft, dass seine Kursteilnehmer leidenschaftslos und mit einer gewissen Offenheit an das Thema herangehen. "Ich schließe nicht aus, dass ich mich irre. Aber dass die Geister von toten Menschen hier herumspuken, werde ich nicht glauben."

Dennoch sei nicht von der Hand zu weisen, dass mit den Besuchern des Schlosses etwas vorgehe. "Die Leute hören, sehen und spüren Dinge", sagt Braithwaite. "Was steckt also dahinter? Können wir das psychologisch oder neurologisch erklären?"

Phil Hazlewood, AFP



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