Amulettfund Der Zwerg ist tot

Die Angelsachsen glaubten, magische Wesen würden Krankheiten bringen. In England wurde nun ein Amulett gefunden, das den bösen Zwerg besiegen sollte.

NORFOLK COUNTY COUNCIL

Angelsächsischer Schmuck ist normalerweise hübsch anzusehen. Auf den Broschen, Kettenanhängern und Ringen wechseln sich filigrane Metallarbeiten mit bunten Steinen ab, gerne verwendeten die Goldschmiede dafür den roten Granat.

Eher unscheinbar kommt dagegen ein Kettenanhänger daher, den jüngst ein ehrlicher Finder im zuständigen Amt der Grafschaft Norfolk im Osten Englands ablieferte. Es handelt sich um ein kleines, gefaltetes Bleiplättchen mit einem kruden Loch für ein Lederband an einer Ecke. In ungelenker Schrift hat jemand altenglische Runen hineingeritzt. Die Botschaft: Dead is dwerg. Der Zwerg ist tot.

Was daherkommt wie ein Artefakt aus der Heimat der Hobbits, baumelte wohl tatsächlich im 8. oder 9. Jahrhundert um einen angelsächsischen Hals. Allerdings sollte es weder vor bösartigen Gnomen aus dem Bauch der Erde schützen, noch trug der Besitzer die Plakette als Zeichen der Trauer nach dem Verlust eines kleinwüchsigen Freundes.

"Manchmal schütteln ihn Krämpfe"

Eine Erklärung für die mysteriöse Inschrift fand John Hines, Professor für Archäologie an der Cardiff University, stattdessen in alten medizinischen Handschriften. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "British Archaeology" berichtet er von seiner Suche nach dem dwerg. Oft beschrieben wurde er nicht. Offenbar musste man ihn nicht erklären - jeder wusste, an welchen Symptomen ein Kranker leidet, der vom Zwerg befallen war.

Seine einzige tatsächliche Beschreibung entdeckte Hines in der altenglischen Übersetzung eines griechischen Textes. In einer Aufzählung von Asthma-Symptomen steht am Schluss: "... und manchmal schütteln ihn Krämpfe, als ob er im Zwerg sei." Das benutzte Wort, hriþian, bezeichnet im Altenglischen Fieberkrämpfe.

Wesentlich auskunftsfreudiger zeigen sich die Schriften bei den Rezepten, die gegen den dwerg helfen sollten. So empfiehlt die Rezeptesammlung Medicina de Quadripedibus ("Medizin von Vierfüßern") aus dem frühen 11. Jahrhundert folgende Rezeptur Dweorg on weg to donne - "um den Zwerg loszuwerden": Das Exkrement eines weißen Hundes zu Puder zerstoßen, gemischt mit Mehl und gebacken zu einem kleinen Kuchen; gebe dies dem Kranken zu essen, bevor er (der Zwerg) kommt, sei es am Tage oder in der Nacht; seine Ankunft wird sehr heftig sein, aber danach wird er schwächer werden und verschwinden.

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Fotostrecke: Wie ein Artefakt aus dem Auenland

Glücklicherweise gibt es auch weniger drastische Heilmittel. Eine Handschrift rät, die Buchstabenfolge TPNAO (Trinity, Pater Noster, Alpha et Omega), zwei Heiligennamen und Kreuze auf den Arm des Erkrankten zu schreiben. Andere schlagen vor, den Namen Jesus und Kreuze auf eine geweihte Oblate zu schreiben - deren Geschmack weitaus angenehmer gewesen sein dürfte als der des Hunde(kot)kuchens.

Tatsächlich fand Hines auch ein Rezept, in dem das Tragen einer temporären Halskette empfohlen wird. Nach einigen magischen Handlungen soll ein Zauberspruch "erst in das linke Ohr, danach in das rechte Ohr und dann über den Scheitel des Kranken" gesungen werden.

Zum Abschluss braucht es eine Jungfrau, die den Zauberspruch um den Hals des Kranken hängt. Würde dies an drei aufeinanderfolgenden Tagen wiederholt, so helfe es wiþ dweorg - "gegen den Zwerg". Trug also auch einst ein Fieberkranker das Amulett aus Norfolk?

"Und der Zwerg ist besiegt"

Tatsächlich gibt es noch einen weiteren Anhänger, der gegen den "Zwerg" getragen wurde. Er stammt allerdings nicht aus England, sondern wurde in der Handelsstadt Ribe an der dänischen Nordseeküste gefunden. Das Amulett ist ein Stück Schädelkalotte, ebenfalls mit einem Loch für ein Lederband versehen. Darauf werden in urnordischen Runen Oðinn, Tyr und Ulfr angerufen, um einem Mann namens Búrr zu helfen. Am Ende heisst es: ok dverg unninn - "und der Zwerg ist besiegt".

Die moderne Medizin mag nicht viel auf Zaubersprüche und Kotkekse geben. Allerdings stehen mitunter in den altenglischen Handschriften durchaus wirksame Rezepturen. Vor zwei Jahren verkündete eine Studiengruppe der Universität Nottingham, dass sie mit einem Rezept für eine Augensalbe aus Bald's Leechbook, einer Sammlung medizinischer Texte aus dem 10. Jahrhundert, hoffnungsvolle Erfolge bei der Bekämpfung antibiotikaresistenter Bakterien erzielt habe.

Selbst Jesus vertrieb böse Geister

Dabei klingt die Kur erstaunlich simpel: "Nimm cropleek (Lauch oder Zwiebeln) und Knoblauch, von beiden gleich viel, zerkleinere sie gut, nimm Wein und Ochsengalle, von beiden gleich viel, mische sie mit dem Lauch, fülle sie in ein Messinggefäß, lass es neun Tage in dem Messinggefäß stehen, wring es durch ein Tuch und reinige es gut, fülle es in ein Horn und trage es zur Nachtzeit mit einer Feder auf; das beste Heilmittel."

In den altenglischen Sammlungen medizinischer Texte sind es seltener Zwerge, die den Menschen schwere Krankheiten bringen - sondern meist die Elfen. So kennt beispielsweise das Leechbook III nicht nur die Elfen-Krankheit (ælf-adle), sondern sogar den Elfen-Schluckauf (ælf-sogoþa).

Auch hier sollen, schlägt der Text vor, neben dem Auftragen von Salben die Namen christlicher Heiliger und Gebete die mythischen Wesen vertreiben.

"Auch wenn das Verständnis dieser Krankheiten nicht aus den Lehren der Kirche kommt, können wir sie nicht als heidnisch oder unorthodox abtun", schreibt Hines in seinem Aufsatz. "Schließlich vollbringt selbst Jesus Christus in der Heiligen Schrift einige Heilwunder, indem er böse Geister vertreibt."

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insgesamt 10 Beiträge
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erichb. 08.02.2018
1. Placebo hilft eben
Es ist doch immer die Frage, mit welcher Wissenschaftlichkeit man an solche Beobachtungen herangeht. Sicher würden auch Homöopathen sagen, dass so etwas Unsinn sei. Viel interessanter ist doch, wie der Heilerfolg tatsächlich war. Medizin und Wirkung ist ein weites Feld und beschränkt sich nicht auf das Spannungsfeld 'privat-gesetzlich'.
guillermo_emmark 08.02.2018
2. ???
Sehr ausführlicher Artikel allerdings leider ohne irgendeinen Hinweis, um was für Krankheiten es sich bei so einer Zwergendiagnose handeln könnte. Wer weiß mehr?
boingdil 08.02.2018
3. steht doch drin???
Zitat von guillermo_emmarkSehr ausführlicher Artikel allerdings leider ohne irgendeinen Hinweis, um was für Krankheiten es sich bei so einer Zwergendiagnose handeln könnte. Wer weiß mehr?
Fieberkrämpfe... "einer Aufzählung von Asthma-Symptomen steht am Schluss: "... und manchmal schütteln ihn Krämpfe, als ob er im Zwerg sei." Das benutzte Wort, hriþian, bezeichnet im Altenglischen Fieberkrämpfe."
postit2012 08.02.2018
4. Ja, hätte mich auch interessiert.
Zitat von guillermo_emmarkSehr ausführlicher Artikel allerdings leider ohne irgendeinen Hinweis, um was für Krankheiten es sich bei so einer Zwergendiagnose handeln könnte. Wer weiß mehr?
Leider ist das wohl bei vielen Krankheitsbezeichnungen und historischen "Diagnosen" der Fall. Bis wir einen Vorläufer des Pschyrembel aus dem Schutt ziehen, wird das wahrscheinlich auch so bleiben. Sowohl die Diagnosen als auch die Therapien sind für uns Heutige rätselhaft. Was etwa war die Indikation für die Merseburger Zaubersprüche?
MiniDragon 08.02.2018
5. Forschungsbedarf
Zitat von postit2012Leider ist das wohl bei vielen Krankheitsbezeichnungen und historischen "Diagnosen" der Fall. Bis wir einen Vorläufer des Pschyrembel aus dem Schutt ziehen, wird das wahrscheinlich auch so bleiben. Sowohl die Diagnosen als auch die Therapien sind für uns Heutige rätselhaft. Was etwa war die Indikation für die Merseburger Zaubersprüche?
Um das herauszufinden, sollte der Staat noch ein paar zusätzliche Forschungsprojekte fördern.
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