Engpass Experten fürchten Wassermangel durch Biosprit-Boom

Die Debatte um den Biosprit bekommt neue Dimensionen: Experten warnen vor einer massiven Wasserknappheit, sollte die Produktion von Kraftstoff aus Biomasse weiter steigen. In Deutschland warnt die Lebensmittelindustrie vor Preissprüngen durch den vermeintlichen Öko-Sprit.


Stockholm - Kraftstoffe wie Biodiesel und Ethanol genießen das Image ökologisch und politisch neutralen Sprits. Doch dieser schöne Schein bekommt hässliche Flecken: Umweltschützer warnen vor den dramatischen Folgen, sollte insbesondere in Asien und Lateinamerika immer mehr Regenwald den rapide wachsenden Ackerflächen zum Opfer fallen. Auch soziale Verwerfungen und ethische Fragen kommen ins Spiel: Kann man guten Gewissens Biosprit in Automotoren verfeuern, wenn das für 120 Liter Ethanol nötige Getreide ein Jahr lang einen Menschen ernähren könnte?

Ethanol-Tanks in Brasilien: In Südamerika führt der Biosprit-Boom zur massiven Abholzung von Regenwald
AP

Ethanol-Tanks in Brasilien: In Südamerika führt der Biosprit-Boom zur massiven Abholzung von Regenwald

Die Argumente gegen den Biosprit werden immer zahlreicher. Experten haben jetzt vor einer weiteren möglichen Folge des Biosprit-Booms gewarnt. Zum Auftakt der Weltwasserwoche legte das Stockholm International Water Institute Berechnungen vor, denen zufolge die Massenproduktion von Ethanol und anderen Biobrennstoffen zu einer gefährlichen Wasserverknappung führen könnte. Bis 2050 sei durch den Anbau von Biobrennstoffen eine Verdoppelung der derzeitigen Wassernachfrage aus der Landwirtschaft zu erwarten.

Auch hierzulande haben Fachleute davor gewarnt, im Biosprit die Lösung der Energiefrage zu sehen - auch mit Blick auf den Klimawandel. Das Umweltbundesamt hält das Öko-Image des Biosprits für wenig angebracht: Er trage so wenig zum Klimaschutz bei, dass die Bundesregierung die Förderung korrigieren sollte. Der Anteil der Biotreibstoffe am deutschen Gesamtmarkt soll bis 2015 auf acht Prozent steigen, europaweit wird ein Biosprit-Anteil von 5,75 Prozent angepeilt. Doch selbst das ist nach Berechnungen der EU nur zu 75 Prozent möglich, ohne auf Importe zurückzugreifen. Und die müssten vor allem aus Südamerika und Asien kommen.

Dort aber könnte der Biosprit-Boom zu schweren sozialen Verwerfungen führen. Die Vereinten Nationen etwa haben jüngst davor gewarnt, dass durch die massive Ausweitung von Ackerflächen allein in Indonesien Millionen von Menschen in die Flucht getrieben werden könnten. Lester Brown, Präsident des Earth Policy Institute in Washington, hat jüngst in einem Essay für den SPIEGEL vor einem "Konflikt zwischen den 800 Millionen Autobesitzern und den weltweit zwei Milliarden Allerärmsten" gewarnt.

Preissteigerungen in Deutschland

Die Folgen des wachsenden Dursts auf Biotreibstoffe bekommen inzwischen auch die deutschen Verbraucher zu spüren. Schon jetzt sind die Preise für Palm- und Rapsöl, Weizen und Mais nach Informationen des SPIEGEL dramatisch gestiegen. Glukose, die bei der Fruchtgummiherstellung benötigt wird, verteuerte sich 2006 um 30 Prozent. "Wir werden die Preise bis Ende des Jahres halten", sagt Haribo-Sprecher Marco Alfter, danach aber könnten die Goldbärchen teurer werden. "Wichtig wird sein, ob die Politik weiterhin das Verbrennen von Lebensmitteln subventionieren wird", so Alfter.

Die deutsche Nahrungsmittelindustrie macht inzwischen mobil gegen Biosprit: Vertreter der Mühlen, Großbäcker, Brauer und Süßwarenproduzenten sowie der Tierfutterhersteller haben ein "Netzwerk Lebensmittel-Forum" gegründet, um auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die die Produktion von Bioenergie anstelle von Lebensmitteln mit sich bringt. "In zwei bis vier Jahren kann es zu substanziellen Problemen mit der Ernährung der Bevölkerung kommen", sagte Karl-Heinz Legendre vom Verband der Margarineindustrie.

Peter Hahn vom Deutschen Brauer-Bund berichtet, dass weniger Gerste angebaut wird, weil die Bauern für Biosprit das Doppelte an Förderung kassieren. Ergebnis: Der Preis für eine Tonne Malz hat sich innerhalb eines Jahres verdoppelt. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie wird sich Ende Oktober auf ihrer Jahrestagung mit der angespannten Rohstoffsituation befassen.

mbe/dpa



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