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Entfremdung vom Ich: Ferngesteuert durchs eigene Leben

Jahrelang in einer Studentenbude gelebt, und plötzlich nur noch Rasenmähen und Grillen vorm Reihenhaus: Viele Menschen glauben, dass sie ihr Leben schon lange nicht mehr selbst steuern. Die Philosophin Rahel Jaeggi will dafür den alten Begriff der Entfremdung neu beleben.

Frage: Manchmal denke ich, ich sei meinem Notebook entfremdet: Es kann so viel, aber ich verstehe es nicht.

Jaeggi: Tatsächlich meinte schon Theodor Adorno, dass sich gesellschaftliche Pathologien bis in die feinsten Verästelungen des Alltags manifestieren, etwa in unserem Verhältnis zu Autos oder Kühlschränken. Es gibt also diese Dimension der Entfremdung. Andererseits habe ich eigentlich ein ganz gutes Verhältnis zu meinem Computer: Es gibt erstaunliche Identifikationspotentiale mit erstaunlich undurchsichtigen Dingen.

Haus, Rasenmäher, Grill: Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in ein fremdes Leben geschlittert
Getty Images

Haus, Rasenmäher, Grill: Mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in ein fremdes Leben geschlittert

Frage: Kann man sich nicht besser mit Dingen identifizieren, die man versteht?

Jaeggi: Mein Großvater hat seine Reiseschreibmaschine sicher besser verstanden als ich meinen Computer, aber ob er sich mehr mit ihr identifiziert hat? Das Kriterium der völligen Transparenz ist zu simpel, es führt zu einer unbefriedigenden Lobpreisung des einfachen Lebens. Die Frage sollte vielmehr sein: Ist etwas irgendwie anschlussfähig? Führt es zu neuen Formen der Aneignung? Ermöglicht es Erfahrungen oder behindert es diese?

Frage: Was meinen Sie damit?

Jaeggi: Diese neuen Geräte und Kommunikationstechnologien zum Beispiel schaffen ja auch ganz neue Möglichkeiten der Begegnung mit anderen Menschen. Natürlich kann man sagen, Postkarten seien schöner als E-Mails. Aber faktisch haben mir relativ wenige Menschen täglich Postkarten geschrieben, während ich mit nicht wenigen Menschen intensiven Mail-Kontakt habe. Dabei entwickeln sich neue Formen eines fortgesetzten Gesprächs. Ich würde das nicht als entfremdete Kommunikation beschreiben, so wie das manche kulturkritische Nostalgiker tun.

Frage: Wird nicht alles immer schlimmer ?

Jaeggi: Waren vormoderne Zustände wirklich welche, in denen die Individuen über ihr Leben in größerem Maße verfügt haben? Ich würde das bezweifeln. Kulturpessimistische Verfallsdiagnosen neigen dazu, den gerade vorhergegangenen Zustand zu idealisieren.

Frage: Dennoch versuchen Sie, den Begriff der Entfremdung wiederzubeleben, der eigentlich seit einigen Jahrzehnten als tot galt. Müssen nicht auch Sie Kriterien für eine gute Gesellschaft formulieren, also sagen: Entfremdung wovon?

Jaeggi: Nein, das ist ja gerade meine These: Man kann über Entfremdung reden, ohne dass man das wahre Ich definiert oder sagen muss, was die Natur des Menschen oder das richtige Leben ist. Es gibt diesen kulturkritischen Standardeinwand - von linker wie von konservativer Seite -, dass uns Bedürfnisse aufgeschwatzt werden, etwa von der Werbung. Dieser Paternalismus stört mich. Die Bedürfnisse des Menschen sind dynamisch und veränderbar. Man muss also versuchen, über "Entfremdung" zu sprechen, ohne dabei immer besser zu wissen als die Individuen selbst, was diese eigentlich wollen und was für sie gut ist.

Frage: Sie meinen: Über Geschmack lässt sich nicht streiten?

Jaeggi: Nein, das meine ich nicht. Diese Ansicht wäre das andere Extrem, das in der Tat die Vorstellung des liberalen Rechtsstaats prägt. Seit Kant gilt als ausgemacht, dass sich das Glück oder das gute Leben im Gegensatz zum moralisch Richtigen nicht bestimmen lässt. Ich aber glaube nicht, dass alle Präferenzen, die Menschen äußern, richtig sind - oder auch nur Ausdruck dessen, was sie wirklich wollen. Man sollte also das Projekt der Wunschkritik nicht aufgeben, man sollte hinterfragen, was wir wollen und brauchen. Und man muss die Frage nach der richtigen Lebensform öffentlich stellen. Es war ein Versäumnis, dass sich die akademische Philosophie lange Zeit von der sokratischen Frage "wie zu leben sei" zurückgezogen hatte. Und es ist ein Fehler, diese Fragen zu privatisieren.

Frage: Auf den Bestsellerlisten und in den Buchhandlungen finden die Menschen zahllose Gebrauchsanleitungen für das glückliche und gute Leben …

Jaeggi: … und da steht dann drin, sie sollten viel joggen, mehr Fisch essen, ihre Freundschaften pflegen, sich in Gelassenheit üben oder an Gott glauben.

Frage: Kann ja hilfreich sein.

Jaeggi: Schon. Das Problem an solchen Patentrezepten ist, dass sie häufig auf ominösen oder nicht ausgesprochenen Grundlagen beruhen, man weiß nicht, wie generalisierbar und begründbar sie sind. Mein größter Einwand ist aber ein anderer: All diese Ratgeber psychologisieren und individualisieren. Sie verkennen, dass Gesellschaften bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, damit den Individuen ihr Leben gelingen kann, dass es also überindividuelle Bedingungen für das Gelingen des Lebens gibt. Immerhin erkennt derzeit die politische Philosophie und die Sozialwissenschaft, dass sie hier ein Defizit hat. Ich glaube nun, dass ein nichtessentialistischer Entfremdungsbegriff ein hilfreiches Instrument ist, um solche Voraussetzungen zu analysieren und entsprechende Defizite zu benennen.

Frage: Was hat man sich unter diesem Begriff vorzustellen?

Jaeggi: Nach meiner Theorie ist ein Mensch entfremdet, dessen Selbst- und Weltbezug gestört ist. Er fühlt sich fremd seinem eigenen Leben gegenüber, seinen Handlungen oder seinen Wünschen gegenüber, er ist beziehungslos gegenüber der sozialen, aber auch der dinglichen Welt, die ihn umgibt. Der entfremdete Mensch hat den Eindruck, dass nicht er selbst es ist, der autonom sein Leben steuert. Es geht also um eine eher formale Definition. Man sollte gar nicht erst danach fragen, wer man "wirklich ist", oder was man wirklich will in einer Art und Weise, die suggeriert, es gäbe da einen unhintergehbar "inneren Kern". Dennoch lassen sich in der Art und Weise, wie wir uns auf das, was wir tun, beziehen können, oder wie wir uns etwa in sozialen Rollen bewegen, und wie "anschlussfähig" und offen die Erfahrungen sind, die wir machen, Defizite erkennen. Entfremdung ist dann eine Störung von Aneignungsvollzügen.

Frage: Können Sie ein Beispiel geben?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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1. luxusproblemchen von erstweltlern
lassmabessersein, 19.04.2009
jammert der deutsche reihenhausbesitzer einem somalischen leprakranken seine probleme von entfremdung und rasenmaehen vor der grillparty vor. mir fehlen die worte.
2. Titel
easystreets 19.04.2009
Zitat von lassmabesserseinjammert der deutsche reihenhausbesitzer einem somalischen leprakranken seine probleme von entfremdung und rasenmaehen vor der grillparty vor. mir fehlen die worte.
Sagen Sie doch einfach, dass Sie das Beispiel nicht verstanden haben. Sie rücken da mit einem nicht nur extremen Beispiel an, sondern ziehen noch aus der Fremde ein Beispiel heran. Sehr befremdend Ihr Analyseansatz. Das ist in etwa so, als versuchen Sie einem somalischen Hirtenjungen verständlich zu machen, wie sehr der Kredit für einen neuen 200-PS-Traktor einem europäischen Bauern zu schaffen macht, dem durch einen Hagelschauer ein Teil seiner Ernte kaputt gegangen ist. Seit wann ist Somalia je ein Land der Moderne und demzufolge auch Teil der Konfliktwelt der Moderne gewesen? Ich fand das Interview gut und treffend.
3. ...
ralphofffm 19.04.2009
das Interview war gut, soweit man so ein komplexes Thema in ein kurzes Interview pressen kann. Der aktuelle Bezug kam auc nicht zu kurz. Klar das die Distanz die viele Leute in der Finanzbranche zu ihrem Job verspüren zur Entwicklung beigetragen hat. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis müssen wir alle unser Leben wieder von der Ökonomie zurückfordern. Den die Zukunft können wir auch ohne Finanzvorstände verprassen ;))
4. Fremdbestimmung, Selbstbestimmung
Natas, 19.04.2009
Zitat von sysopJahrelang in einer Studentenbude gelebt, und plötzlich nur noch Rasenmähen und Grillen vorm Reihenhaus: Viele Menschen glauben, dass sie ihr Leben schon lange nicht mehr selbst steuern. Die Philosophin Rahel Jaeggi will dafür den alten Begriff der Entfremdung neu beleben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,619354,00.html
Wenn man von den modernen Geistes- und Naturwissenschaften ausgeht, auch der Hirnforschung, bleibt eigentlich nur der folgende Schluss: Entweder ist unser Leben determiniert und alle unseren Handlungen schon im vorraus festgelegt oder unsere Handlungen sind, was der Volksmund so gern sagt: Zufällig. Eine wirkliche Selbstbestimmung des eigenen Lebens gibt es nicht. Entweder sind unsere Handlungen von äußeren Umständen stark determiniert oder schwach determiniert, innerhalb einer Wahrscheinlichkeitsmatrix (Volksmund: Zufall). Fremdbestimmt muss das Leben deswegen nicht sein, aber selbstbestimmt ist es aber deswegen noch lange nicht.
5. moderner Weltschmerz
Jörn Bünning 19.04.2009
Zitat von easystreetsSagen Sie doch einfach, dass Sie das Beispiel nicht verstanden haben. Sie rücken da mit einem nicht nur extremen Beispiel an, sondern ziehen noch aus der Fremde ein Beispiel heran. Sehr befremdend Ihr Analyseansatz. Das ist in etwa so, als versuchen Sie einem somalischen Hirtenjungen verständlich zu machen, wie sehr der Kredit für einen neuen 200-PS-Traktor einem europäischen Bauern zu schaffen macht, dem durch einen Hagelschauer ein Teil seiner Ernte kaputt gegangen ist. Seit wann ist Somalia je ein Land der Moderne und demzufolge auch Teil der Konfliktwelt der Moderne gewesen? Ich fand das Interview gut und treffend.
Ich halte den Begriff "Entfremdung" ebenfalls für das Kennzeichen einer Luxusdebatte. Dort wo, die Not am ärgsten ist (und die Entfremdung am ausgeprägtesten), existiert dieses subjektive Lebensgefühl nicht, sondern es herrscht eine vollkommene Hingabe an das Diktat der Notwendigkeiten. Entfremdung ist das Thema des kreativen Mittelstands, es taugt zwar zur pychologischen Selbstbeweihräucherung auf Gartenpartys von Reihenhausbesitzern (auf frisch gemähtem Rasen), aber analytisch fällt dabei nicht viel ab außer multiplem Beziehungsverlust. Im Weltschmerz der Moderne spiegelt sich nur die Interessenslosigkeit des Luxus.
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