Entstehung von Gefühlen: Der weinende Roboter

Können Maschinen bald lieben, hassen und lachen? Was wie Science-Fiction klingt, ist für Hirnforscher Gerhard Roth eine realistische Zukunftsvision. Forscher sind einem der größten Geheimnisse der Menschheit auf der Spur - der Entstehung von Gefühlen.

Küchenroboter "Okonomiyaki": Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man ihnen Lust- und Unlustempfindungen verleihen kann Zur Großansicht
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Küchenroboter "Okonomiyaki": Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis man ihnen Lust- und Unlustempfindungen verleihen kann

Warum tun Menschen das, was sie tun?

Was sind Geist, Bewusstsein, Denken, Erinnern, Wille?

Wie entsteht Wahrnehmung, wie erlangen wir sichere Erkenntnis? Wie entsteht die menschliche Psyche, und was verursacht ihre Erkrankungen? Warum neigen Menschen zu Gewalt, und warum gibt es Krieg?

Die geistig-psychische Welt in uns sehen viele Experten als das größte Rätsel überhaupt an.

Vor rund hundert Jahren hat die Psychologie begonnen, nach Antworten zu suchen. Seit 20 Jahren hat sich die Hirnforschung dieser Suche angeschlossen. Die enge Zusammenarbeit der beiden Disziplinen in Form der Neuro-Psychowissenschaften hat eine Explosion an Daten und Erkenntnissen hervorgerufen.

Steht die Lösung dieses "größten Rätsels" also unmittelbar bevor? Stehen wir erst ganz am Anfang des Weges? Oder handelt es sich um "unlösbare Fragen" - zumindest zum Teil?

Wir wissen wenig über Gefühle

Meiner Meinung nach sind wir der Enträtselung der geistig-psychischen Welt näher gekommen - ohne jedoch das Ende des Weges absehen zu können. Immerhin: Alles spricht dafür, dass Bewusstsein, Denken, Gefühle und sonstige psychische Zustände aufs Engste an Vorgänge im Gehirn gebunden sind.

Man kennt auch schon ganz gut die Bedingungen, unter denen Bewusstsein entsteht, und welche Funktionen es hat. Wie Wahrnehmungen entstehen, wie Handlungsplanung und -ausführung abläuft.

Schwieriger ist es mit Lernen und Gedächtnisbildung. Man weiß zwar viel über Vorgänge auf zellulärer Ebene. Aber wie unser Gehirn Informationen nach "Speichern!" und "Verwerfen!" sortiert, wie der Speichervorgang wirklich geschieht und erst recht der Prozess des Erinnerns - das alles ist wenig verstanden.

Noch weniger weiß man über Gefühle. Trotz intensiver Forschung. In welchen Gehirnzentren entstehen positive und negative Gefühle? Warum werden Gefühle überhaupt erlebt, wenn sie uns doch offenbar auch unbewusst beherrschen können?

Und wozu haben wir überhaupt Verstand und Vernunft? Wir werfen sie doch so schnell über Bord, wenn wir in Stress geraten, oder wenn starke Emotionen uns überschwemmen. Wir wissen auch wenig darüber, wie sich unsere Persönlichkeit bildet - also wie wir denken, fühlen und handeln.

Wie bildet sich die Persönlichkeit?

Immerhin kennen wir drei große Faktoren, die unsere Persönlichkeit - und damit unsere Psyche - maßgeblich bestimmen:

  • Die genetische Grundausrüstung
  • Die Eigenheiten unserer Hirnentwicklung
  • Die frühkindlichen und vorgeburtlichen Erfahrungen

Diese Faktoren wirken auf die drei großen psychischen Systeme in uns ein:

  • Das Stressverarbeitungssystem
  • Das Selbstberuhigungs- und Belohnungssystem
  • Das Motivationssystem

Alle Erkrankungen der Psyche beruhen auf Störungen dieser drei Systeme. Auch die Neigung zu Aggression und Gewalt hat hier ihre Wurzeln.

Aber warum die eine Person große Belastungen scheinbar unbeschadet erträgt, während die andere scheinbar aus nichtigen Anlässen psychisch krank wird, warum der "Sohn aus gutem Hause" kriminell wird, ein anderer aus problematischem sozialen Umfeld aber nicht - die Antwort hierauf wird erst langsam und in groben Umrissen sichtbar.

Werden sich einmal Kriege vermeiden lassen?

Ohne Zweifel ist die Beantwortung dieser Fragen von größter Wichtigkeit für unsere Gesellschaft. Wird man einmal die Ursachen psychischer Erkrankungen so genau verstehen, dass man sie nicht nur lindern, sondern auch heilen kann? Wird man die Wurzeln von Aggression und Gewalt, von Hass, Neid und Habgier so weit erkannt haben, dass man Menschen friedlicher und rücksichtsvoller machen kann? Lassen sich dadurch Kriege vermeiden? Oder haben sie ganz andere Ursachen?

Dies ist ungewiss, und ich wüsste darauf gern die Antwort. Es kann sein, dass Wissenschaftler sie finden werden, es kann sich aber alles auch als viel zu kompliziert herausstellen.

Es kann auch sein, dass unsere Gesellschaft es ablehnen wird, die menschliche Psyche und Persönlichkeit so intensiv zu analysieren. Denn es besteht die Gefahr totaler Kontrolle.

Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Roboter Gefühle haben

Vielleicht wird es einen erbitterten Streit zwischen Befürwortern und Gegnern dieser Forschung geben - wie schon jetzt über die sich abzeichnende Möglichkeit eines wirklich funktionierenden "Lügendetektors" heftig debattiert wird.

Wiegt der Vorteil dieser Möglichkeiten die befürchteten Nachteile auf?

Dasselbe gilt auch für die Frage nach der technischen Umsetzung solcher Erkenntnisse. Noch sind die motorischen Fähigkeiten von Robotern bescheiden, echtes Lernen aufgrund von Einsicht und systematischem Ausprobieren gibt es noch nicht. Roboter können zwar ihr Gesicht so verziehen, als ob sie Gefühle hätten, aber sie haben nicht wirklich Gefühle.

Vielleicht ist es aber nur noch eine Frage der Zeit, bis man ihnen Lust- und Unlustempfindungen verleihen kann und sie zu einfacher Selbstbewertung befähigt. Roboter könnten dann selbst entscheiden, was sie tun - durch einfaches Ausprobieren. Und ohne Kontrolle des Menschen. Dabei würden sie darauf achten, dass sie selbst nicht zu Schaden kommen. Nichts anderes tut jedes intelligente Tier auch, einschließlich des Menschen.

Wie wird aber die Gesellschaft wohl mit diesen Möglichkeiten umgehen? Dies würde ich gern noch erleben!

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insgesamt 137 Beiträge
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1. Interessante Fragen
ArbeitsloserMathematiker 04.09.2009
Vielleicht sollte es der Autor mal mit Zazen versuchen..
2. o8rzdzyfzw45bqz 5zrdyg
Haio Forler 04.09.2009
Zitat von sysopKönnen Maschinen bald lieben, hassen und lachen? Was wie Science-Fiction klingt, ist für Hirnforscher Gerhard Roth eine realistische Zukunftsvision. Forscher sind einem der größten Geheimnisse der Menschheit auf der Spur - der Entstehung von Gefühlen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,646262,00.html
Die sollen nicht lieben, hassen oder heulen; die sollen arbeiten.
3. wer fühlt?
qawsed 04.09.2009
Es besteht ein Unterschied zwischen einem Algorithmus, der Gefühle simulieren und so einen Regelkreislauf beeinflussen kann, und einem Lebewesen, das Gefühle ERFÄHRT. Da niemals in einer Maschiene jemand Gefühle tatsächlich FÜHLT, ist die sensationsheischende Ankündigung (auch wenn sie als Frage kommt) "können Roboter bald fühlen" dummer Quatsch. Das ist bloss Wichtigtuerei eines Nischenfachvertreters.
4. Unsinn...
Christian G 04.09.2009
Zitat von sysopKönnen Maschinen bald lieben, hassen und lachen? Was wie Science-Fiction klingt, ist für Hirnforscher Gerhard Roth eine realistische Zukunftsvision. Forscher sind einem der größten Geheimnisse der Menschheit auf der Spur - der Entstehung von Gefühlen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,646262,00.html
Ziemlich lächerlicher Artikel. Der generelle Irrtum bei dieser Art von Wahrsagerei ist ja der: Man geht davon aus, dass Gefühle einfach so, in einem vorhandenen Gehirn entstehen, tatsächlich ist ein Gefühl ja aber etwas, das sich nur in einer Milliarden Jahre währenden Evolution gebildet hat, also sozusagen von Generation zu Generation erst zum Gefühl wird. Ohne diese lange Entwicklungsgeschichte bleibt alles nur ein Bild von einem Gefühl oder ein Wort für ein Gefühl. Bei einem Roboter liefe es immer nur auf etwas der Art hinaus: if (this.SeesSomethingSad()) { this.IsSad = true; this.DoSomeCrying(); } Albern. ;)
5. .
Haio Forler 04.09.2009
Zitat von qawseddas Gefühle ERFÄHRT.
Genauer definieren, bitte.
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Gerhard Roth ist Hirnforscher an der Universität Bremen. Seine Forschungsgebiete umfassen neurobiologische Grundlagen der kognitiven und emotionalen Verhaltenssteuerung bei Wirbeltieren, die Entwicklungsneurobiologie sowie theoretische Neurobiologie und Neurophilosophie.

Roths Interesse gilt dem Brückenschlag zwischen Neurowissenschaften, Psychologie und den Sozialwissenschaften. Für Aufsehen sorgte Roth mit seiner Auffassung, dass sich die Vorstellung vom freien Willen aus neurobiologischer Sicht nicht aufrechterhalten lasse. Er sei eine gelungene Illusion, die das Gehirn seinem Besitzer vorgaukle.

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