Entwicklung der Frühmenschen Woher stammen wir?

Noch bis vor wenigen Jahren galt in der Paläoanthropologie weitestgehend: Die Menschheit entwickelte sich in Ostafrika in einer einzigen Region. Doch immer mehr Forscher zweifeln das an.

Links: Schädel aus Jebel Irhoud. Rechts: jüngerer Schädel.
Philipp Gunz/MPI EVA Leipzig

Links: Schädel aus Jebel Irhoud. Rechts: jüngerer Schädel.


Es hatte bereits einige Hinweise darauf gegeben, dass sich der moderne Mensch, Homo sapiens, nicht nur in einer Region Afrikas entwickelte. Sondern in mehreren Populationen, die in verschiedenen Regionen Afrikas lebten und sich an ihre jeweiligen Lebensräume anpassten. Trafen zwei Populationsgruppen aufeinander, vermischten sich ihre Gene. Durch diese Mischung entstand schließlich der moderne Mensch.

Diese Hinweise aus verschiedenen Fachrichtungen fasst jetzt ein interdisziplinäres Forscherteam in einem Kommentar zusammen, der im Fachjournal "Trends in Ecology and Evolution" erschienen ist. Leitende Autorin war Eleanor Scerri vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und der University of Oxford.

Lange waren viele Forscher von der These ausgegangen, dass die Evolution des Menschen in einer einzigen Gründerpopulation in Ostafrika geschehen war. In der vergangenen Zeit häufen sich aber Studien, die für einen multiregionalen Ursprung des Menschen sprechen.

Auch Scerri und ihre Kollegen argumentieren gegen die These, dass die modernen Menschen sich an einem einzigen Ort entwickeln. Dafür bewerten sie bekannte Funde der Paläoanthropologie, der Archäologie und der Populationsgenetik. Unter anderem analysierten sie auch neue, detaillierte Rekonstruktionen von Klimazonen und Lebensräumen der vergangenen 300.000 Jahre in Afrika.

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Homo-sapiens-Funde: War Adam Marokkaner?

Die Vorfahren der Menschen lebten in mehreren Regionen Afrikas, die vergleichsweise weit voneinander entfernt lagen und oft durch Wälder oder Wüsten getrennt waren. Deshalb entwickelten sich die Populationen teilweise lange Zeit isoliert voneinander. Zwar begegneten sich manche Gruppen und vermischten sich, danach gingen ihre Wege aber auch wieder auseinander.

Das lag den Forschern zufolge daran, dass sich Klima und Umwelt in Afrika immer wieder änderten. Heute lebensfeindliche Regionen wie die Sahara waren früher einmal grün und feucht; tropische Regionen waren ausgetrocknet. Das kann dazu geführt haben, dass sich die Menschen an ihre Lebensräume anpassen mussten und sich an verschiedenen Orten unterschiedlich entwickelten.

Aufgrund ihrer Theorie fordern Scerri und ihr Team, zur Evolution des Menschen neue Fragen zu stellen. Zuletzt hatten neue Bewertungen in der Paläoanthropologie einen Paradigmenwechsel angekündigt. Sie deuten darauf hin, dass es doch nicht eine einzige "Wiege der Menschheit" geben könnte, die im Großen Afrikanischen Grabenbruch in Ostafrika vermutet wurde.

Schädel belegt multiregionale Hypothese

Ein prominenter Beleg für einen Paradigmenwechsel ist etwa der Schädel aus Jebel Irhoud in Marokko, der im vergangenen Jahr von Forschern als Homo sapiens identifiziert wurde. Er ist über 300.000 Jahren als - damit wäre Homo sapiens etwa 100.000 Jahre älter, als es bis dahin angenommen wurden. Neben seinem Alter sorgte auch der Fundort Marokko für Aufsehen.

Der Schädel des Fossils ist ähnlich geformt wie der Schädel der heute lebenden Menschen. Der obere Teil, der Hirnschädel, ist allerdings länglich gestreckt. Beim heutigen Homo sapiens ist er eher kugelförmig. Deshalb zweifelten manche Forscher daran, dass er zu Homo sapiens gehört.

 Artefakte aus der Mittleren Steinzeit, die im Norden und S ü den des afrikanischen Kontinents gefunden wurden
Eleanor Scerri/Francesco d¿Errico/Christopher Henshilwood

Artefakte aus der Mittleren Steinzeit, die im Norden und S ü den des afrikanischen Kontinents gefunden wurden

Auch der Herto-Schädel aus Äthiopien weist Ähnlichkeiten mit dem modernen Menschen auf. Er wird auf etwa 160.000 Jahre geschätzt. Mit dem robusten Hinterkopf und dem großen Gesicht ist er dem modernen Menschen allerdings zu unähnlich, deshalb wurde er der Unterart Homo sapiens idaltu zugeordnet.

Die Autoren plädieren dafür, beide Exemplare der Entwicklungslinie von Homo sapiens zuzurechnen. Ihrer Meinung nach zeigen diese Fossilien, wie unterschiedlich sich die Vorfahren der Menschen entwickelt haben. Und dass sich verschiedene Populationen räumlich isoliert voneinander entwickelten.

Ungeklärte Fragen

Neue naturwissenschaftliche Methoden hatten zuletzt viele vermeintliche Gewissheiten infrage gestellt. Das betrifft das Alter von Homo sapiens, das sich durch den Schädel aus Jebel Irhoud verschoben hatte. Forscher des Tübinger Senckenberg-Instituts publizierten im vergangenen Jahr zum Beispiel eine Studie, die die Evolution der Menschen sogar nach Südeuropa verlegt.

Der Kommentar der Forschergruppe um Scerri fasst einige der Argumente aus verschiedenen Fachrichtungen zusammen. Unter den Co-Autoren findet sich auch Chris Stringer vom Londoner Natural History Museum, ein Paläoanthropologe, der als führender Vertreter der Out-of-Africa-Hypothese gilt. "Wenn wir das Erscheinungsbild der menschlichen Knochen in den letzten 300.000 Jahren betrachten, sehen wir eine komplexe Mischung aus archaischen und modernen Merkmalen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten", sagt er. Auch das spricht gegen die These einer einzigen Herkunftsregion.

Sollten sich mehr Wissenschaftler der Sichtweise der Autoren anschließen, ergeben sich viele ungeklärte Fragen. Wie viele Regionen und Populationen beispielsweise haben bei der Evolution des modernen Menschen eine Rolle gespielt? Zukünftige Forschung sollte den Autoren zufolge aber weiterhin interdisziplinär arbeiten, da Genetik oder Archäologie allein nicht ausreichen würden.

"Die Entwicklung der menschlichen Bevölkerung in Afrika war multiregional. Unsere Abstammung war multiethnisch. Und die Entwicklung unserer materiellen Kultur war multikulturell", sagte Scerri. "Wir müssen uns alle Regionen Afrikas ansehen, um die menschliche Evolution zu verstehen."

lpu



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paulz+ 13.07.2018
1.
Wenn man aus drei Rippen und einem Zahn die Menschheitsgeschichte rekonstruieren will, ist es selbstverständlich, dass jeden Dienstag eine revolutionäre Kniescheibe das ganze Weltbild auf den Kopf stellt. Theorien aufstellen ist wichtig, genauso wie sie zu diskutieren. Doch bei der vorhandenen spärlichen Datenlage sollte man sie nebeneinander stehen lassen, die eindeutig falschen verwerfen und nie und nimmer eine für wahr halten. Auch Wissenschaftler lassen sich leicht dazu verführen, Lücken in den Theorien mit Raten zu stopfen, statt Unwissenheit zu ertragen. Solches Raten wird allzu leicht zu Dogmen, welche dann glühende Verteidiger finden, und sehr viel Kraft, die man lieber in weitere Forschung stecken sollte, wird auf einen völlig sinnlosen Glaubenskrieg verschwendet. Wenn man Wissenschaft wie Religion behandelt, werden Wissenschaftler zu Priestern, und neigen dazu, sämtliche Laster des Klerus zu entwickeln.
willibaldus 14.07.2018
2.
Offensichtlich gab es eine grosse Diversizität in der ferneren Vergangenheit. Mich würde interessieren, wie sehr der Toba Ausbruch vor ca 70000 Jahren den Genpool verkleinert hat. Angeblich haben den ja kaum 10000 Menschen überhaupt überlebt. Vielleicht ist die Toba Theorie auch inzwischen widerlegt. So viele Belege dazu gibt es ja doch nicht. Gab es diesen genetischen Flaschenhals überhaupt und wenn ja, wodurch wurde er dann verursacht.
Maria--Galeria 13.08.2018
3. Licht ins Dunkel
kommt vieleicht wenn Mensch die Gene auslesen kann wie eine Schallplatte, vermutlich sind alle Informationen in unserer DNS abgelegt, gibt ja dort auch so eine Art Müllhalde mit der die Forscher noch nicht so recht was anfangen können. Den Code muss man halt erst mal knacken. Alles ist Information und unterhaltsames Gezwitscher von der Mikro bis zur Makroebene. Eine Vermutung, aber ich denke so ein Superhirn wird das schon einmal schaffen
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