Enzensberger-Essay: Das unbeherrschbare Glück

Das Ungewisse bändigen - das wollen Menschen, seit sie leben. An die Stelle von Magie und Aberglauben sind Wahrscheinlichkeitstheorie und Demoskopie getreten. Aber lässt sich die Unsicherheit wirklich mit Zahlen vertreiben, fragt Hans Magnus Enzensberger in seinem edition-unseld-Essay.

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Entwicklung des Dax (Oktober 2009): Modelle allesamt gescheitert

Von Beginn an hat die Menschheit Praktiken erfunden, um mit den scheinbar unberechenbaren Wechselfällen ihrer Existenz fertigzuwerden. Mit den alten Beschwörungsformeln der Schamanen und Magier, mit Amuletten und Talismanen aber hat sich die Moderne nicht zufriedengeben wollen. So trat an die Stelle des Orakels das Kalkül, und nicht mehr vom Schicksal war die Rede, sondern vom Zufall.

An der vordersten Front dieser Offensive standen die Mathematiker. Sie entwickelten Modelle, die beim Glücksspiel ebenso von Nutzen sein sollten wie bei gewichtigen Vorhersagen. "Wahrscheinlichkeitstheorie" wurde zum Zauberwort, mit dem das Unbekannte beherrscht, mindestens aber in Formeln gebracht werden sollte. Verschiedene mathematische Theorien entstanden, die uns Sicherheit und vielleicht sogar Glück zu versprechen scheinen. Die Rede ist von den großen "Vermutungen" und Hypothesen der epochalen Mathematiker Fermat, Bernoulli, Goldbach, Riemann, Mertens und anderen, von der Gaußschen Normalverteilung und von der Monte-Carlo-Methode.

Ökonomische Modelle, die es angeblich erlauben, Aktienkurse zu prognostizieren und die Risiken der Finanzmärkte zu begrenzen; sind allesamt gescheitert. Das hat sich inzwischen erwiesen. Dieses Versagen hat nicht nur mit dem Größenwahn und dem Übermut der globalen Akteure zu tun. Eine solche Kritik greift auch deshalb zu kurz, weil sie die erkenntnistheoretischen Probleme übersieht, mit denen alle prognostischen Aussagen zu kämpfen haben.

Eine italienische Philosophin namens Elena Esposito hat kürzlich eine kleine Abhandlung veröffentlicht, die mit einem Handstreich zeigt, wie man es besser macht. Sie schlägt den Knoten durch, indem sie beweist, dass es sich bei Vorhersagen, die auf Wahrscheinlichkeitskalkülen beruhen, grundsätzlich um Fiktionen handelt. Zukünftige Ereignisse treten nämlich nicht zu neun oder zu 99 Prozent, sondern entweder ganz oder gar nicht ein, und zwar unabhängig von allen Voraussagen. Es wäre deshalb schierer Zufall, wenn die Propheten Recht behielten, und niemand sollte sich darüber wundern, dass sie sich gewöhnlich selbst sabotieren. Esposito bezweifelt, dass sich Wahrscheinlichkeitstheorien überhaupt auf die geschichtliche Welt beziehen, und behauptet, sie seien selbstreferentiell und dienten lediglich der Verständigung derer, die sie entwerfen und rezipieren. Ihr illusionärer Charakter beruhe gerade auf der Exaktheit, welche das mathematische Instrumentarium zu verbürgen scheine.

"Kaum Bezug zur wirklichen Welt"

Die vorherrschenden ökonomischen Modelle stützen sich nämlich auf eine Reihe von Vereinfachungen, die stillschweigend vorausgesetzt werden; so das Dogma von der Effizienz der Märkte, die Vorstellung, dass ihre Dynamik stets zum Gleichgewicht tendiert, dass die Akteure über vollständige Informationen verfügen und dass sie stets rational handeln. Ronald H. Coase, ein mathematisch orientierter Theoretiker, nimmt, was das betrifft, kein Blatt vor den Mund: "Die heutige Ökonomie ist ein theoretisches Spiel, das in der Luft schwebt und kaum Bezug auf das hat, was in der wirklichen Welt passiert."

Ebenso wie Statistiken und demoskopische Umfragen dienen ihre Modelle als eine Art Realitätsersatz. Dumm ist nur, dass die Erfinder ihre Fiktionen fortwährend mit der Realität verwechseln, und dass ihnen jedes Bewusstsein von dieser Verwechslung fehlt.

Solche Einwände laufen nicht darauf hinaus, der Wahrscheinlichkeitstheorie jedes Daseinsrecht zu bestreiten. "Eine korrekt berechnete Wahrscheinlichkeit ist auch dann korrekt, wenn sie sich nicht verwirklicht", sagt Esposito - "und vielleicht ist sie gerade deshalb nützlich… Ihre Ergebnisse sind nicht wahr, und sie sollen es auch gar nicht sein." Fiktionen stellen nämlich Orientierungsmöglichkeiten zur Verfügung, welche die Realität nicht zu bieten hat. Während diese den exklusiven Anspruch hat, einmalig zu sein, sind die vielen fiktiven Genres, mit denen die Kultur dienen kann, grundsätzlich pluralistisch. Gerade, weil sie kontrafaktisch vorgehen, zeigen sie, was möglich wäre, wenn… Ein solches Genre, mit dem die Autorin das Wahrscheinlichkeitskalkül vergleicht, ist der Roman, und es wäre töricht zu bestreiten, dass er ungezählten Millionen von Lesern dazu verholfen hat, sich in einer unwahrscheinlichen Welt einigermaßen zurechtfinden.

Der Titel des Enzensberger-Buchs "Fortuna und Kalkül. Zwei mathematische Belustigungen" geht auf die "Belustigungen des Verstandes und des Witzes" zurück, eine Monatsschrift, die 1741-1745 in Leipzig erschienen ist. Sie war eine der frühesten Publikationen der deutschen Aufklärung. Im Mittelalter bedeutete das Wort Witz so viel wie Denkvermögen oder Scharfsinn; im achtzehnten Jahrhundert nahm es den Sinn von esprit an, und erst später nahm der Witzbold es in Besitz. Das soll aber niemanden daran hindern, mathematische Fragen amüsant zu finden.

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Hans Magnus Enzensberger: "Fortuna und Kalkül"

Zwei mathematische Belustigungen.
edition unseld.

Suhrkamp Verlag KG; 71 Seiten, 10 Euro.

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Zur Person
AP
Der deutsche Dichter und Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren im bayerischen Allgäu geboren und verbrachte seine Kindheit in Nürnberg. Von 1949 bis 1954 studierte er Literaturwissenschaft, Sprachen und Philosophie in Erlangen, Freiburg im Breisgau, Hamburg und Paris und wurde anschließend promoviert. Heute lebt Enzensberger in München.