Epidemie in Haiti Cholera-Erreger kommt aus Südasien

Mikrobiologen haben fieberhaft nach dem Ursprung des Cholera-Stamms in Haiti gesucht - und ihn gefunden. Die Analyseergebnisse passen ins Bild: Blauhelmsoldaten waren in Verdacht geraten, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Der Studie zufolgekönnte das durchaus so gewesen sein.

Von Cinthia Briseño

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Port au Prince - Not und Elend lassen sich in diesen Tagen nicht aus Haiti verbannen. Die Präsidentschaftswahl ist zum Debakel geraten und hat die Unruhen im Land verstärkt, statt Stabilität zu bringen. Und noch immer grassiert die Cholera. Rasend schnell hat sie sich dort ausgebreitet.

Gründe dafür gibt es nach Ansicht von Seuchenexperten viele: Das Territorium ist nicht groß, die Mobilität der Bevölkerung ist gestiegen. Und die Haitianer haben nicht die geringste Immunität gegen die Cholera. Vor wenigen Tagen sagte Haitis führender Cholera-Experte Jean William Pape in einem Interview mit der "Tageszeitung", dass es die Krankheit in Haiti seinen wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge zuvor nie gegeben hat.

Um den Feind aber besiegen zu können, muss man ihn genau kennen. Deshalb haben Mikrobiologen seit dem Ausbruch der Seuche in Haiti fieberhaft nach dem Ursprung des Erregers gesucht. Eine Studie, die jetzt im Fachmagazin "New England Journal of Medicine (NEJM)" erschienen ist bestätigt nun das, was Forscher schon seit einiger Zeit vermuteten: Der Erregerstamm kommt aus Südasien - und Menschen von außerhalb haben sie in das Land eingeschleppt.

DNA-Vergleich mit bekannten Cholera-Stämmen

Die Cholera wird durch das Bakterium Vibrio cholerae ausgelöst. Forscher analysierten das komplette Erbgut von zwei Erregerproben, die von dem Ausbruch in Haiti stammen. Die Sequenzen verglichen sie mit drei weiteren Bakterienproben: eine, die für den Cholera-Ausbruch in Lateinamerika 1991 verantwortlich war, und zwei Stämme, die in Südasien 2002 und 2005 Epidemien hervorgerufen hatten. 23 weitere verschiedene Stämme von Vibrio cholerae dienten als Kontrolle.

Das Ergebnis der Erbgut-Untersuchungen: Einzelne Sequenzabschnitte auf der DNA und bestimmte Mutationen im Erbgut zeigten eindeutig, dass der Haiti-Erreger mit keinem der 23 verschiedenen Stämme verwandt ist. Vielmehr ergab die DNA-Analyse, dass die Cholera-Bakterien aus Haiti nahezu identisch mit den in Südasien verbreiteten Stämmen ist.

Die Autoren der Studie, die von Matthew Waldor von der Harvard Medical School geleitet wurde, folgern deshalb, dass "menschliche Aktivität" von einer "geografisch entfernten Quelle" höchstwahrscheinlich der Auslöser für den Cholera-Ausbruch in Haiti gewesen sein muss. Dass die Bakterien auf Haiti selbst entstanden sein könnten oder über Ozeanströmungen ins Land eingeschwemmt wurden, halten Waldor und Kollegen für kaum wahrscheinlich.

Damit bestätigen sie eine Untersuchung des US-Zentrums für Seuchenkontrolle (CDC), in der man ebenfalls herausgefunden hatte, dass der Haiti-Erreger wahrscheinlich Stämmen entspricht, die in Südasien verbreitet sind. In der aktuellen Untersuchung war es den Forschern jedoch gelungen, die DNA des Erregers viel detaillierter zu analysieren.

Auch wenn die Analyse kein endgültiger Beweis ist - sie passt in die Vorstellung, dass nepalesische Blauhelmsoldaten Träger der Erreger waren und sie in das Land eingeschleppt haben. Dass man Blauhelmsoldaten verdächtigte, sei "unter epidemiologischen Aspekten plausibel", sagte auch der Cholera-Experte Pape.

Anfang der Woche hatten die Vereinten Nationen eingeräumt, dass man den Verdacht sehr ernst nehme. Die Uno-Mission in Haiti weise entsprechende Berichte weder zurück noch stimme sie ihnen zu. Angesichts der steigenden Zahl der Fälle dürfte es aber unerheblich sein, welche Person den Erreger in das Land gebracht hat. Seit Ausbruch der Epidemie sind bereits mehr als 2000 Menschen daran gestorben, es gibt schätzungsweise an die 100.000 Infizierte.

"Wir sollten wirklich keine spezielle Gruppe Menschen anklagen", sagte auch der Studienleiter Waldor. Dennoch wollen die Forscher weitere DNA-Analysen machen, um das Ursprungsland des Erregers ausfindig zu machen. Daraus könnte man Richtlinien für Reisende erstellen und entsprechende Vorsorgemaßnahmen für künftige Fälle dieser Art treffen.

Mit Material von Reuters



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Seite 1
eikfier 10.12.2010
1. ...Logik? ;-)
Zitat von sysopMikrobiologen haben fieberhaft nach dem Ursprung des Cholera-Stamms in Haiti gesucht - und ihn gefunden. Die Analyseergebnisse passen ins Bild: Blauhelmsoldaten waren in Verdacht geraten, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Der Studie zufolge, könnte das durchaus so gewesen sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,733889,00.html
...und das hat bitte welche titelkräftige logische Aussagekraft: die Gefahr kommt: a) aus dem Osten? b) aus Asien? Nein? ;-)
Oberleerer 10.12.2010
2. Katastrophentouristen und andere Entwicklungshelfer
Als ob es in Haiti nicht Millionen Leute geben würde, die Hand anlegen könnten, nein, man muß noch für viel Geld die Berufsbetroffenen um die Welt herumfliegen. Kein Wunder, wenn die Hungerländer nicht selber auf die Beine kommen. Das Gute ist, dass durch die Verteilung der Krankheitserreger auch die entsprechenden Resistenzen weiter verbreitet werden.
testthewest 10.12.2010
3. Titel
Zitat von sysopMikrobiologen haben fieberhaft nach dem Ursprung des Cholera-Stamms in Haiti gesucht - und ihn gefunden. Die Analyseergebnisse passen ins Bild: Blauhelmsoldaten waren in Verdacht geraten, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Der Studie zufolge, könnte das durchaus so gewesen sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,733889,00.html
Entwicklungshilfe/Katastrophenhilfe ist ja wahrlich ein Segen. Man fragt sich sowieso, weshalb NACH einer Katastrophe im Krisengebiet immer neue Krankheiten auftauchen. Die Antwort ist einfach: Fremde "Helfer" bringen sie. Wo soll auch sonst ein Erreger herkommen, wenn er vorher nicht in der Bevölkerung war. Geht übrigens auch andersrum: Die irakischen Flüchtlinge in Dtl haben auch ne Menge "Gepäck" dabei, was sonst hier nicht vorkommt.
Lobesamen 11.12.2010
4. epidemologische erkenntnis ?
Zitat von sysopMikrobiologen haben fieberhaft nach dem Ursprung des Cholera-Stamms in Haiti gesucht - und ihn gefunden. Die Analyseergebnisse passen ins Bild: Blauhelmsoldaten waren in Verdacht geraten, die Krankheit eingeschleppt zu haben. Der Studie zufolge, könnte das durchaus so gewesen sein. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,733889,00.html
Ich muss sagen, diese Meldung über die Herkunft des Cholera-Erregers hat mich ziemlich überrascht. Wäre es vielleicht ohne den Einfuss von aussen gar nicht zum Ausbruch dieser Epedemie gekommen? Trotz der katastrophalen hygienischen Zustände in bestimmten Gebieten? Insofern ist der Ausbruch gar nicht quasi naturgesetzmässig durch schlechte hygienische Bedingungen vorprogrammiert? (Obwohl ich annehme, dass solche die Verbreitung des Erregers begünstigen). Gibt es insofern "gutartige" Cholerastämme, die der Bevölkerung -sagen wir unter nicht zu extremen Bedingungen- nicht gefährlich werden können? Das erinnert mich zum Beispiel an die Dezimierung der indianischen Bevölkerung durch von Europäern eingeschleppte Krankheiten (Pocken) bei Landnahme des amerikanischen Kontinente. Sowas geschieht also immer noch; für mich ist dies eine Folge der fortbestehenden allgemeinen Unwissenheit über epidemologische Vorgänge (meine eigene sowieso eingeschlossen).
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