Epidemie-Vorhersage: WHO hört auf Gerüchte aus dem Web

Beim frühzeitigen Erkennen von gefährlichen Epidemien setzen Mediziner der Weltgesundheitsorganisation WHO verstärkt auf Klatsch und Tratsch im Netz. Die Gerüchteküche im Web arbeitete etwa beim Ausbruch der Vogelgrippe zuverlässiger als manch staatliche Informationsquelle.

Klatsch und Tratsch: Wichtige Informationen für Wissenschaftler
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Klatsch und Tratsch: Wichtige Informationen für Wissenschaftler

Manche Blogger sehen sich schon als die neue vierte Gewalt im Staate, die den etablierten Medien mehr und mehr das Wasser abgräbt. Ob die Tagebuchschreiber im Internet tatsächlich die Bedeutung erlangen werden, die sie sich wünschen, sei dahingestellt. Fakt ist: Mediziner belauschen das Geplauder im Netz bereits heute aufmerksam und nutzen es als wichtige Informationsquelle.

Für das Outbreak Response Team der WHO, das den Ausbruch von Epidemien frühzeitig zu erkennen versucht, wird die Gerüchteküche Internet immer wichtiger. Die Epidemiologin Gina Samaan hat gemeinsam mit Kollegen die Informationen rund um die Vogelgrippe ausgewertet, die im vergangenen Jahr in Asien wütete. Das erstaunliche Ergebnis: Von den 40 Berichten und Gerüchten über den Ausbruch der Krankheit erwiesen sich neun als zutreffend. Einige davon hätten sogar gezielte Aktionen initiiert, die die Verbreitung des Virus eingedämmt hätten, schreiben die Forscher im Fachblatt "Emerging Infectious Deseases" (Vol. 11, S. 463 - 466).

Besonders hilfreich seien Berichte aus China gewesen. Meldungen über tote Hühner hätten mehr als 40 Länder zu einem Importstopp für chinesisches Geflügel bewegt - die Hühner waren an Vogelgrippe gestorben, wie sich später herausstellte.

Die offiziellen Informationswege erscheinen den Wissenschaftlern bei plötzlich auftretenden Epidemien als zu langsam. In vielen Ländern fehlten die erforderlichen Ressourcen, um Krankheiten zuverlässig überwachen und melden zu können. Obendrein könnten Bürokratie aber auch politische Interessen die Informationsweitergabe verzögern oder ganz verhindern, schreiben die Forscher.

Systematische Gerüchteüberwachung

Bereits seit 1997 beobachtet die WHO gezielt Meldungen über Krankheiten oder Epidemien, die im Internet verbreitet werden. Die Gerüchteüberwachung ist Teil des Global Public Health Intelligence Network mit Sitz in Kanada, das hauptsächlich Newsseiten im Netz scannt und auswertet.

Zwischen Januar 2001 und Oktober 2004 erfasste das System insgesamt 1300 Hinweise auf ausgebrochene Krankheiten. 850 davon hätten sich als zutreffend erwiesen, sagte Thomas Grain von der Genfer WHO-Zentrale gegenüber dem Online-Newsdienst der Zeitschrift "Nature".

Grain und seine Kollegin Samaan, die für die WHO in Manila arbeitet, regen nun an, in verschiedenen Ländern eigene Systeme zur Überwachung von Blogs und Rund-Mails aufzubauen. Diese könnten mögliche Gefahren noch besser identifizieren und klassifizieren.

Die WHO will ihre Mitgliedstaaten auf einem Treffen in Mai ohnehin dazu verpflichten, Überwachungs- und Frühwarnsysteme aufzubauen. Grain hofft, dass nicht nur die konventionellen Mittel dazu genutzt werden, sondern auch die gezielte Auswertung von Gerüchten. "Wir möchten, dass dies systematisch geschieht."

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