Epigenetik Mütter können Erfahrungen vererben

Genetik mal anders: Forscher haben erstmals an Mäusen nachgewiesen, dass Mütter nicht nur ihr Erbgut, sondern auch Spuren von Erfahrungen an ihre Nachkommen vererben. Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zur klassischen Genetik.


Mäuse mit einem genetisch bedingten Gedächtnisdefekt erben nicht nur den DNA-Fehler, sondern auch, was die Eltern gelernt haben. Mit dieser Beobachtung ist US-Forschern ein spektakulärer Nachweis der sogenannten epigenetischen Vererbung gelungen: Nicht nur die von Geburt an feststehende DNA-Sequenz wird vererbt, sondern auch Eigenschaften, die im Lauf des Lebens durch Umwelteinflüsse entstehen. Der Effekt zeigte sich sowohl im Verhalten der Tiere als auch in physiologischen Untersuchungen ihrer Gehirnzellen, schreiben die Forscher um Junko Arai von der Tufts University in Boston im Fachmagazin "Journal of Neuroscience" (Bd. 29, S. 1496).

Mäuse (Archivbild von 2003): Erfahrungen der Mutter auf Kinder vererbt
DPA

Mäuse (Archivbild von 2003): Erfahrungen der Mutter auf Kinder vererbt

Die untersuchten Mäuse hatten einen Defekt in einem Gen namens Ras-GFR1, der ihr Erinnerungsvermögen beeinträchtigte. Sie zeigten nach 24 Stunden keine Angst mehr vor Orten, an denen sie zuvor Stromschläge erhalten hatten. Gesunde Artgenossen erinnerten sich nur zu gut daran. Die Gedächtnisschwäche verschwand jedoch, wenn die Forscher die Mäuse kurz nach der Geburt für zwei Wochen einer besonderen Umgebung aussetzten: Bunte Spielsachen, Bewegung und der Kontakt mit anderen Mäusen regten die Gedächtnistätigkeit an. Auch die gemessene Aktivität in der betroffenen Hirnregion normalisierte sich vollständig.

Der Effekt der Therapie hielt über drei Monate an - lange genug für eine Maus, um geschlechtsreif zu werden und Nachkommen zu zeugen. Die Forscher untersuchten auch den Nachwuchs und stellten fest, dass verblüffenderweise auch die Jungtiere von der Therapie profitierten, die ihre Mütter Monate zuvor erfahren hatten. Obwohl die Tiere denselben Gendefekt trugen und direkt nach der Geburt von ihrer Mutter getrennt wurden, wiesen sie für über einen Monat eine normale Gedächtnisaktivität auf. Das von der Mutter Erlernte wurde offenbar während der Schwangerschaft auf die Nachkommen übertragen.

Dies ist nach Meinung der Wissenschaftler ein Beleg dafür, dass vom eigentlichen DNA-Code unabhängige Erbinformationen existieren, die im Gegensatz zur DNA im Laufe des Lebens durch die Umwelt beeinflusst werden können. Das widerspricht der klassischen Genetik.

Die sogenannte transgenerationale Epigenetik ist erst seit Kurzem wissenschaftlich akzeptiert. Die Epigenetik erklärt, warum beispielsweise Haar- und Muskelzellen völlig verschieden sind, obwohl sie dieselbe DNA besitzen. Der Grund sind molekulare Mechanismen, die beeinflussen, wo und wie das Erbgut ausgelesen wird. Die transgenerationale Epigenetik besagt, dass solche Mechanismen per Eizelle von der Mutter auf das Kind vererbt werden.

lub/ddp



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