Epo-Alternative Die Leistung mit Eigenblut pushen

Seit das verbotene Mittel Epo leicht nachgewiesen werden kann, greifen Ausdauersportler wieder stärker zum Eigenblutdoping. Auch Jan Ullrich steht nun unter dringendem Verdacht. Die Dopingvariante lässt sich nur schwer nachweisen - und kann tödlich enden.

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Ansatzpunkt des Dopings im Ausdauersport sind die roten Blutkörperchen. Sie transportieren den Sauerstoff durch den Körper zu den Muskeln. Je mehr Sauerstoff dort ankommt, umso stärker und ausdauernder kann der Radsportler in die Pedale treten.

Blutkonserve: Große Risiken für Sportler
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Blutkonserve: Große Risiken für Sportler

Durch Höhentraining lässt sich die Menge der roten Blutkörperchen erhöhen. In der dünnen Luft fängt der Körper an, mehr der sogenannten Erythrozyten zu bilden. Der Effekt hält jedoch nicht lange an - und erfordert zudem einen großen Aufwand.

Mit dem Nierenmedikament Epo steht seit längerem ein effektives Medikament zur Verfügung, um die Erythrozyt-Produktion anzukurbeln. Statt sich in der Höhe zu quälen, genügt die Einnahme des Medikaments. Doch seit sehr zuverlässige Epo-Tests entwickelt worden sind, ist das Dopen mit dem Nierenmedikament den meisten Ausdauersportlern zu riskant geworden.

So kam es zur Renaissance des Eigenblutdopings, das in dem aktuellen Skandal wohl die entscheidende Rolle spielt. Der finnische Langstreckenläufer Lasse Viren, Olympiasieger 1972 und 1976, gilt als Pionier des Verfahrens, das später mit dem Aufkommen von Epo aber an Bedeutung verlor.

Erhöhte Hämatokrit-Werte taugen kaum als Nachweis

Im einfachsten Fall lassen sich Sportler nach gezieltem Höhentraining Blut mit erhöhtem Erythrozyt-Werten abnehmen und vor Wettkämpfen wieder injizieren. Inzwischen gibt es aber auch Techniken, die roten Blutkörperchen aus dem Plasma zu isolieren und so ihre Konzentration zu erhöhen.

Blutdoping lässt sich sogar mit Epo kombinieren. Die Sportler nutzen Epo im Training, möglichst an einem Ort, wo keine Dopingkontrollen zu erwarten sind. So wird die Menge roter Blutkörperchen schnell erhöht. Das Blut lassen sich die betrügerischen Athleten dann abnehmen. Bei der nochmaligen Infusion des Epo-manipulierten Blutes ist Epo selbst nur noch schwer nachweisbar.

Das große Schwierigkeit für Dopingwächter ist der Nachweis des Tricksens mit manipulierten eigenem Blut. Klassischerweise sollten die Sportler nach der Eigenblutbehandlung erhöhte Hämatokrit-Werte haben. So leicht lässt sich aber kaum noch ein Profi überführen: "Bei wem erhöhte Hämatokrit-Werte gemessen werden, der hat keine Ahnung", sagte Roland Augustin, Mediziner bei der Nationalen Anti-Doping-Agentur ( Nada) in Bonn im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Betroffenen würden vor der Blutkontrolle einfach viel trinken und so ihr Blut verdünnen.

Gentest könnte Doping-Sünder überführen

Für vielversprechender zum Nachweis von Eigendoping hält Augustin die sogenannten Retikolozyten, das sind junge Blutkörperchen, die nur einen geringen Anteil des Plasmas bilden. "Die Retikolozyten verraten, wenn am Blut manipuliert wurde, egal ob über Eigenblutdoping, Fremdblutdoping oder Epo." Allerdings seien Auffälligkeiten bei den Retikolozyten nur ein Indikator und kein echter Nachweis.

Insofern dürften die Funde von Blutplasma in einem spanischen Labor, das womöglich von Athleten stammt, den Nachweis des Eigenblutdopings erleichtern. Über einen genetischen Fingerabdruck könnte eine Zuordnung zu einzelnen Fahrern erfolgen. Überführte Sportler müssten dann erklären, wozu sie sich eigentlich Blut abzapfen lassen. Auf die Antworten darf man gespannt sein.

Die Wirkung des Blutdopings, ob nun mit eigenem oder fremden Plasma, ist enorm. Der Nada-Experte Augustin schätzt, dass die Leistung dadurch um 8 bis 10 Prozent steigt.

"Blut ist nicht Wasser"

Blutdoping gilt jedoch als äußerst riskant für die Gesundheit der Fahrer. Die Konserven können nur begrenzte Zeit bei Temperaturen von 2 bis 8 Grad Celsius gelagert werden - meist ist von 30 bis 40 Tagen die Rede. "Je älter die Blutkonserve, desto größer wird die Gefahr, dass sich in ihr kleinste Gerinnsel bilden", warnte beispielsweise der Homburger Transfusionsmediziner Stefan Mörsdorf in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Nach der Transfusion könnten so die Blutgefäße des Empfängers verstopfen.

Die Folgen von Blutdoping können sogar tödlich sein - mancher mysteriöse Todesfall im Radsport wird darauf zurückgeführt. Neben dem Gerinnsel-Risiko besteht die Gefahr, dass sich das Blut der Athleten verdickt und es zu Thrombosen kommt.

Als besonders riskant gilt auch des Fremdblutdoping, das beispielsweise Tyler Hamilton bei der Spanienrundfahrt 2004 nachgewiesen wurde. Hier drohen unter anderem Infektionen, etwa mit Hepatitis-Erregern, oder gar allergische Schocks, weil es sich nicht um eigene Blutkörperchen handelt.

"Blut ist nicht Wasser, es ist ein ganz diffiziles Medium", sagte Doping-Experte Augustin. Da werde von manchem Labor viel gepfuscht und eine Menge falsch gemacht.



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