Vererbung Wie Schulbildung und Gene zusammenhängen

Bildungserfolg wird von vielen Faktoren beeinflusst, von den Eltern, aber auch von den Genen. Wie stark, war bisher weitgehend unbekannt. Forscher analysierten deshalb das Erbgut von 1,1 Millionen Menschen.

Schulklasse (Symbolbild)
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Schulklasse (Symbolbild)


Ob ein Schüler den Realschulabschluss macht oder Abitur, hängt nicht nur vom Einkommen der Eltern oder dem Ehrgeiz ab, den das Kind selbst hat, sondern offenbar auch von den Genen.

Ein internationales Forscherteam hat 1.271 genetische Variationen identifiziert, die mit dem Bildungsweg zusammenhängen. Diese genetischen Variationen beeinflussen demnach zu etwa elf Prozent, welchen Bildungsstand ein Mensch erreicht, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature Genetics".

Schon frühere Studien hatten einen Zusammenhang zwischen genetischen Variationen und der schulischen Laufbahn beschrieben. Bisher waren allerdings viel weniger genetische Variationen identifiziert worden als bei der aktuellen Untersuchung.

In der Fachsprache werden die genetischen Variationen SNPs genannt (gesprochen: snips). Die englische Abkürzung steht für Einzelnukleotid-Polymorphismen, und bezeichnet Positionen im Genom, an denen alternativ zwei verschiedene Basen auftauchen können. Durch die SNPs werden vermutlich über 90 Prozent der Variationen in der menschlichen DNA verursacht.

Die über 1.200 identifizierten SNPs steuern unter anderem die Entwicklung des Gehirns und die Kommunikation zwischen Nervenzellen. Wie genau das abläuft, ist allerdings nicht geklärt.

Ausschließlich Europäer

Die Studie war eine sogenannte genomweite Assoziationsstudie, für die sehr viele Versuchsteilnehmer notwendig sind, um statistisch signifikante Ergebnisse zu erhalten. Mit über 1,1 Millionen Teilnehmern gehört sie zu den bisher größten humangenetischen Untersuchungen.

Genetiker, Statistiker und Wirtschaftswissenschaftler werteten über zwei Jahre lang genetische Informationen und Fragebögen zum Bildungsweg der Teilnehmer aus. Dabei errechneten sie einen Zusammenhang zwischen den genetischen Variationen und der Anzahl an Jahren, die die Teilnehmer zur Schule gingen - was gleichzeitig auf ein bestimmtes Bildungsniveau hindeutet.

Die Studienteilnehmer waren ausschließlich europäischer Herkunft, weshalb die Ergebnisse auch nicht auf Gruppen anderer Herkunft anwendbar sind. Bei afroamerikanischen Menschen, fanden die Forscher heraus, haben die gefundenen genetischen Variationen eine viel geringere Voraussagekraft als bei Europäern.

"Das lässt sich mit dem Mangel an Chancengerechtigkeit in dieser Gruppe erklären", sagt Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. "Menschen afroamerikanischer Herkunft erhalten nicht die Entwicklungs- und Lerngelegenheiten, die es ermöglichen, ihr genetisches Potenzial voll auszuschöpfen."

Andere beeinflussende Faktoren

Die Voraussagekraft der genetischen Variationen nennen die Forscher den polygenen Score. Doch dieser Wert bestimmt längst nicht allein, welchen Bildungsabschluss jemand erreicht.

So sagt der polygene Score den Forschern zufolge den Bildungsstand eines Menschen besser voraus als das Haushaltseinkommen, aber schlechter als die Bildungsabschlüsse der Eltern. Auch Ehrgeiz, familiäre Situation und der sozioökonomische Status sind entscheidender.

"Wenn jemand einen niedrigen Score hat, heißt das nicht, dass er nicht einen hohen Bildungsabschluss erreichen kann", sagt Verhaltensbiologe Robbee Wedow, der an der Studie mitgewirkt hat. "Was zählt, ist ein komplexes Zusammenspiel zwischen Umwelt und genetischen Faktoren."

lpu



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