Von Cinthia Briseño
Nun ist der erste Entwurf der Sequenz des Neandertaler-Genoms für jedermann frei zugänglich, in der "GenBank" der National Institutes of Health. Es ist eine zusammengestückelte Abfolge von Basenpaaren: Das genetische Material stammt von mehreren etwa 38.000 Jahre alten Knochen dreier weiblicher Neandertaler aus der berühmten Vindija-Höhle in Kroatien. Knapp 300 Milligramm Knochenpulver genügten den Wissenschaftlern. Daraus isolierten sie mehr als eine Milliarde DNA-Fragmente. Die meisten Schnipsel sind nur 50 bis 60 Basenpaare lang.
Es könne zwar sein, dass der Entwurf noch mit Fehlern behaftet sei, sagt Green. Doch das Herausragende dieser Arbeit ist, dass es Forschern erstmals gelungen ist, das Neandertaler-Genom mit dem des Homo sapiens zu vergleichen. Dazu sequenzierte das Team das gesamte Erbgut von fünf modernen Menschen europäischer, asiatischer und afrikanischer Abstammung.
Die Resultate überraschten die Forscher: Nicht nur, dass jetzt tatsächlich bewiesen ist, dass Neandertaler und Homo sapiens sich zumindest zu einem geringen Maße gekreuzt haben - wonach es zunächst nicht aussah. Überdies stellte sich heraus, dass der Neandertaler mehr genetische Gemeinsamkeiten mit den Menschen außerhalb Afrikas hat als mit Afrikanern. Zugleich ähnelt das Neandertaler-Genom der Sequenz von Europäern ebenso sehr wie der von Ostasiaten.
Doch wie kann das sein? Bis heute hat noch niemand Überreste von Neandertalern im Osten Asiens ausgegraben, weshalb Forscher davon ausgehen, dass sie vornehmlich in Europa und in Westasien zu Hause waren.
Beweiskatalog der positiven Selektion
Das einfachste Szenario der frühen menschlichen Entwicklungsgeschichte, das Pääbo und seine Kollegen skizzieren, leuchtet ein: "Neandertaler haben sich wahrscheinlich mit dem frühen modernen Menschen vermischt, bevor er sich in Europa und Asien in verschiedene Gruppen aufspaltete", sagt Pääbo. In Frage kommt dafür ein Zeitraum von 50.000 bis 100.000 Jahren im Mittleren Osten, in dem Menschen und Neandertaler dieselbe Region bewohnten.
Die Frage nach der geschlechtlichen Beziehung zwischen Neandertaler und Homo sapiens ist bei weitem nicht das einzige, was die Forscher interessiert. "Natürlich ist es eine reizvolle Vorstellung, dass einige von uns ein wenig Neandertaler-DNA in sich tragen", sagt Pääbo. "Aber für mich liegt der wahrscheinlich faszinierendste Aspekt dieses Projekts in der Möglichkeit, Beweise für eine positive Selektion kurz nach der Trennung der beiden Spezies zu suchen."
Welche Gene sind es also, die sich nach Teilung der zwei Menschenarten in der Bevölkerung ausbreiteten - und dem Homo sapiens am Ende einen Überlebensvorteil bescherten?
Manche Genmutationen brachten uns Vorteile
Einige Antworten darauf liefert die Tabelle - jener Katalog genetischer Regionen, deren Sequenzvariationen zwar beim Menschen häufig auftreten, nicht aber beim Neandertaler. 212 solcher Regionen fanden die Anthropologen. 20 davon lieferten besonders starke Hinweise auf eine positive Selektion.
Darunter befinden sich zum Beispiel drei Gene, die eine Rolle bei der geistigen Entwicklung spielen - und auch mit Down-Syndrom, Schizophrenie und Autismus in Verbindung gebracht werden. Bestimmte Mutationen, also Veränderungen in der Abfolge der Basenpaare, könnten jene kognitiven Fähigkeiten hervorgebracht haben, die letztlich zur Überlegenheit des Menschen führten. Zwei weitere auffällige Gene spielen beim Energiestoffwechsel und bei der Entwicklung des Schädelskeletts, des Schlüsselbeins sowie des Brustkorbs eine Rolle.
Jetzt ist es an der Gemeinde der Anthropologen, sich aus dem Katalog von Green, Pääbo und ihrer zahlreichen Kollegen zu bedienen - und zu erforschen, warum ausgerechnet diese genetischen Merkmale allen modernen Menschen gemein sind, nicht aber den Neandertalern.
Außerdem müssen die Max-Planck-Forscher auch noch das restliche Neandertaler-Genom entschlüsseln. Und vielleicht wird das Puzzle dann eines Tages tatsächlich vollständig sein - und verraten, warum es heute nur noch eine menschliche Spezies gibt.
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