Von Cinthia Briseño
Also doch. Zwar haben Svante Pääbo, der renommierte Paläoanthropologe aus Leipzig, und sein Team die Akteure nicht gerade in flagranti ertappt. Doch ganz züchtig verhielten sich moderne Menschen und Neandertaler nicht, als sie sich begegneten, irgendwann vor etwa 50.000 bis 100.000 Jahren. Denn jetzt ist klar: Die Schäferstündchen von damals haben Spuren hinterlassen, die sich heute im Erbgut des Homo sapiens finden.
War so etwas wie Liebe im Spiel? Ob man sich schon ein Weilchen kannte, ehe man seine Paarungsbereitschaft signalisierte, oder ob Galanterie und Sinnlichkeit seinerzeit nicht en vogue waren, ist in den Genen natürlich nicht überliefert. Den Abermillionen von DNA-Bausteinen lässt sich auch nicht entlocken, welche der beiden Menschenarten sich als erste der anderen näherte. Und wie so ein Stelldichein zwischen Neandertaler und Homo sapiens ausgesehen haben könnte, bleibt der Phantasie überlassen.
Fakt aber ist seit diesem Donnerstag: Etwa ein bis vier Prozent des heutigen menschlichen Erbguts stammen vom Neandertaler. Zumindest gilt das für Menschen nichtafrikanischer Abstammung. Pääbo formuliert das so: "Diejenigen von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich." Mit dieser Neuigkeit sorgen er und sein Team vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wieder einmal für Schlagzeilen.
"Ein lange gehegter Traum"
Seit vier Jahren arbeiten die Paläoanthropologen bereits an der vollständigen Entzifferung des Neandertaler-Erbguts. Jetzt stellen Pääbo und seine Kollegen im Fachblatt "Science" die Früchte dieser Arbeit vor. "Mit dieser ersten Version des Neandertaler-Genoms erfüllt sich ein lange gehegter Traum", schwärmt Pääbo, Sohn des schwedischen Medizinnobelpreisträgers Sune Bergström. Doch es ist nicht die Sequenz allein, für die sich Pääbos Team so begeistert. Erst der Vergleich mit der Abfolge der rund drei Milliarden DNA-Bausteine des modernen Menschen verleiht dem Neandertaler-Genom seine wahre Bedeutung.
In der neuesten Veröffentlichung, die Richard Green von der University of California in Santa Cruz als Erstautor anführt, findet sich eine eineinhalb Seiten lange Tabelle. Sie dokumentiert den kleinen Unterschied zwischen Mensch und Neandertaler - und liefert vielleicht eine Erklärung dafür, warum wir die letzten 30.000 Jahre überlebt haben, der Neandertaler hingegen nicht. "Positive Selektion" heißt das in der Sprache der Evolutionsbiologen.
Extrem klein ist der genetische Unterschied. Das komplette Genom sowohl des modernen Menschen als auch des Neandertalers besteht aus rund drei Milliarden Bausteinen, den Basenpaaren. Sie sind zwischen beiden Arten zu 99,7 Prozent identisch. Zudem waren die Neandertaler-Knochenproben stark kontaminiert: Das aus ihnen gewonnene DNA-Material stammte zu 95 Prozent von Bakterien. Das lässt erahnen, wie schwierig die Fahndung nach den Merkmalen war, die für die beiden Menschenspezies einzigartig sind.
Und die Suche ist noch lange nicht zu Ende. "Mit dieser Veröffentlichung kratzen wir erst an der Oberfläche", sagt Green. "Das Neandertaler-Genom ist eine Goldmine an Informationen über die Evolution des Menschen der näheren Vergangenheit." Dabei sind es nach wie vor nur 60 Prozent der vollständigen Sequenz: Bereits im vergangenen Jahr hatten die Forscher öffentlichkeitswirksam bekanntgegeben, dass sie die Sequenz entschlüsselt hätten. An den restlichen 40 Prozent arbeiten sie seither, bald dürften sie zum Endspurt ansetzen.
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