Erbgut entschlüsselt Wir sind alle ein bisschen Neandertaler

Ein zentrales Rätsel in der Evolution des Menschen ist gelüftet: Im Erbgut des modernen Menschen finden sich Spuren des Neandertalers - die beiden Arten haben sich vor Jahrtausenden tatsächlich gepaart. Anthropologen erhoffen sich von der nun veröffentlichten Genomsequenz neue Erkenntnisse.

Frank Vinken / Max-Planck-Gesellschaft

Von Cinthia Briseño


Also doch. Zwar haben Svante Pääbo, der renommierte Paläoanthropologe aus Leipzig, und sein Team die Akteure nicht gerade in flagranti ertappt. Doch ganz züchtig verhielten sich moderne Menschen und Neandertaler nicht, als sie sich begegneten, irgendwann vor etwa 50.000 bis 100.000 Jahren. Denn jetzt ist klar: Die Schäferstündchen von damals haben Spuren hinterlassen, die sich heute im Erbgut des Homo sapiens finden.

War so etwas wie Liebe im Spiel? Ob man sich schon ein Weilchen kannte, ehe man seine Paarungsbereitschaft signalisierte, oder ob Galanterie und Sinnlichkeit seinerzeit nicht en vogue waren, ist in den Genen natürlich nicht überliefert. Den Abermillionen von DNA-Bausteinen lässt sich auch nicht entlocken, welche der beiden Menschenarten sich als erste der anderen näherte. Und wie so ein Stelldichein zwischen Neandertaler und Homo sapiens ausgesehen haben könnte, bleibt der Phantasie überlassen.

Fakt aber ist seit diesem Donnerstag: Etwa ein bis vier Prozent des heutigen menschlichen Erbguts stammen vom Neandertaler. Zumindest gilt das für Menschen nichtafrikanischer Abstammung. Pääbo formuliert das so: "Diejenigen von uns, die außerhalb Afrikas leben, tragen ein kleines bisschen Neandertaler in sich." Mit dieser Neuigkeit sorgen er und sein Team vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie wieder einmal für Schlagzeilen.

"Ein lange gehegter Traum"

Seit vier Jahren arbeiten die Paläoanthropologen bereits an der vollständigen Entzifferung des Neandertaler-Erbguts. Jetzt stellen Pääbo und seine Kollegen im Fachblatt "Science" die Früchte dieser Arbeit vor. "Mit dieser ersten Version des Neandertaler-Genoms erfüllt sich ein lange gehegter Traum", schwärmt Pääbo, Sohn des schwedischen Medizinnobelpreisträgers Sune Bergström. Doch es ist nicht die Sequenz allein, für die sich Pääbos Team so begeistert. Erst der Vergleich mit der Abfolge der rund drei Milliarden DNA-Bausteine des modernen Menschen verleiht dem Neandertaler-Genom seine wahre Bedeutung.

In der neuesten Veröffentlichung, die Richard Green von der University of California in Santa Cruz als Erstautor anführt, findet sich eine eineinhalb Seiten lange Tabelle. Sie dokumentiert den kleinen Unterschied zwischen Mensch und Neandertaler - und liefert vielleicht eine Erklärung dafür, warum wir die letzten 30.000 Jahre überlebt haben, der Neandertaler hingegen nicht. "Positive Selektion" heißt das in der Sprache der Evolutionsbiologen.

Extrem klein ist der genetische Unterschied. Das komplette Genom sowohl des modernen Menschen als auch des Neandertalers besteht aus rund drei Milliarden Bausteinen, den Basenpaaren. Sie sind zwischen beiden Arten zu 99,7 Prozent identisch. Zudem waren die Neandertaler-Knochenproben stark kontaminiert: Das aus ihnen gewonnene DNA-Material stammte zu 95 Prozent von Bakterien. Das lässt erahnen, wie schwierig die Fahndung nach den Merkmalen war, die für die beiden Menschenspezies einzigartig sind.

Und die Suche ist noch lange nicht zu Ende. "Mit dieser Veröffentlichung kratzen wir erst an der Oberfläche", sagt Green. "Das Neandertaler-Genom ist eine Goldmine an Informationen über die Evolution des Menschen der näheren Vergangenheit." Dabei sind es nach wie vor nur 60 Prozent der vollständigen Sequenz: Bereits im vergangenen Jahr hatten die Forscher öffentlichkeitswirksam bekanntgegeben, dass sie die Sequenz entschlüsselt hätten. An den restlichen 40 Prozent arbeiten sie seither, bald dürften sie zum Endspurt ansetzen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 104 Beiträge
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LJA 06.05.2010
1. Skandalös !
Da bemühen sich doch die Forscher in aller Welt jahrzehnte lang verzweifelt (häufig auch aus religiösen Motiven) jegliche Verwandtschaft der heutigen Menschen mit den Neandertalern zu leugnen und dann so was. Eine kleine Gruppe mit High-Tec-Methoden wirft innerhalb kürzester Zeit alles wieder um. Werden wir mit dieser Schande leben können ? Der Schande unserer Herkunft meine ich, nicht mit der unserer teilweise sehr bornierten Paläontologenzunft. Damit dürfte auch klar sein, dass der Homo neanderthalensis nicht einfach verdrängt wurde. Er wurde assimiliert. Das heute nur noch wenig von seinem Erbgut in uns vorhanden ist, liegt vermutlich zum einen darin begründet, dass seine Zahl immer deutlich geringer war, als die des Homo sapiens. Seuchen und Naturkatastrophen, welche in den letzten 50.000 Jahren den menschlichen Genpool mehr als einmal kräftig dezimiert haben, dürften ein übriges getan haben.
atomkraftwerk, 06.05.2010
2. .
Also was nun, da steht das Erbgut ist zu 99.7% identisch. Warum sollen wir dann nur 1-4% vom Neandertaler haben?
fatalismo 06.05.2010
3. Wow!!!!!!!!!!!!!!!!
Zitat von sysopEin zentrales Rätseln in der Evolution des Menschen ist gelüftet: Im Erbgut des modernen Menschen finden sich Spuren des Neandertalers - die beiden Arten haben sich vor Jahrtausenden tatsächlich gepaart. Anthropologen erhoffen sich von der nun veröffentlichten Genomsequenz neue Erkenntnisse. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,692855,00.html
Das ist ja nun ein SPON-Schwachfug sondergleichen: Die von Ihnen 'entlüfteten' Rätsel hat - Scheißspiel - 'Bild der Wissenschaf' schon drei Jahre vor Ihnen aufgedeckt. Wenn Sie so weitermachen, werden Sie bald Josef Stalin als Erfinder der Glühbirne outen.
unente, 06.05.2010
4. Nix "Gott"
Was ist denn daran neu, außer dass sich endlich jemand traut, das laut zu äußern. Was glauben denn alle, wie Menschen entstanden sind - plötzlich und dazu noch in so großer Anzahl, dass sie sich nur untereinander paaren konnten? Natürlich ist es eine langsame Entwicklung gewesen. Aus den gemeinsamen Vorfahren fächerten sich verschiedene Entwicklungen aus, die sich am Anfang auch noch kreuzten, bis ihre verschiedenen Entwicklungen so weit entfernt waren, dass man von "Menschen" und "Affen" sprechen kann. Wie viele Menschenunterarten es gab, weiß niemand. Man kennt den "Neandertaler" und findet immer wieder Hinweise auf andere Unterarten - gerade auch in diesem Jahr. Am Ende jedenfalls war der Homo sapiens die erfolgreichste Gattung und glaubt seitdem, sie wäre nie ein Verwandter des Affen gewesen.
Monastrol, 06.05.2010
5. nix gott ..
war eh klar. Neu ist, dass man bislang dachte, H. neanderthalensis hat sich parallel aber unabhängig zum H. sapiens entwickelt. Dass beide auf einen gemeisamen Urahn zurück gehen war unbestritten. Auf wiki findet man gute links dazu. Gruss
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