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Ausgegraben

Erbgut-Experiment Forscher mumifizieren Bein

Bein in Salz: Das Körperteil, das aus ethischen Gründen nicht gezeigt werden darf, hat sich erstaunlich gut gehalten Zur Großansicht
H. Sonderegger/ UZH

Bein in Salz: Das Körperteil, das aus ethischen Gründen nicht gezeigt werden darf, hat sich erstaunlich gut gehalten

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Was geschieht mit dem Erbgut, wenn ein Mensch viele Jahrhunderte als Mumie überdauert? Schweizer Forscher wollten es jetzt genau wissen - und machten ein Langzeit-Experiment mit dem Bein einer Toten.

Mumien sind faszinierend: Wer waren die Menschen, deren Körper Jahrhunderte oder gar Jahrtausende überdauert haben? Wie sahen sie zu Lebzeiten aus? Welche Haarfarbe, welche Augenfarbe hatten sie? Alle diese Informationen sind in ihrem Erbgut gespeichert und theoretisch abrufbar. Doch die DNA-Stränge zerfallen mit der Zeit - und je kleiner die Fragmente, desto schwieriger sind die Informationen zu lesen.

Zudem ist Mumie nicht gleich Mumie. Je nach Kultur und nach Klima präparierten die Menschen ihre Toten sehr unterschiedlich für die Ewigkeit - oder ließen die Natur für sich arbeiten. In Ägypten, Nubien oder auf den Kanarischen Inseln sorgte das heiße, trockene Klima für eine natürliche Mumifizierung. Im Norden von Chile oder im südlichen Peru dagegen erhielt die kalte Trockenheit die Körper der Verstorbenen. In den Minen von Chehr Abad in Iran wiederum trocknete das dort vorhandene Salz die Toten aus. Auch eine sauerstoffarme Umgebung, wie in den Mooren Nordeuropas, kann Gewebe vor dem Zerfall bewahren. Doch welche Bedingungen welche Folgen für das Erbgut haben, ist bislang wenig erforscht.

Forscher der Universität Zürich wollten das ändern: Sie haben im Labor eine Mumifizierung in Salz nachvollzogen. Wie diese Methode funktioniert, beschrieb schon der griechische Historiker Herodot im 5. Jahrhundert vor Christus in seinem Bericht über Ägypten: Man lege den Verstorbenen 40 Tage lang in Natron.

Bein in 70 Kilo Salz

Daran hielten sich nun auch die Forscher um Frank Rühli, wie sie im Online-Fachmagazin "PLoS One" schreiben. Sie kauften 70 Kilo Salzgemisch, erhitzten es über Nacht bei 100 Grad und mahlten es anschließend. Für den Versuch lagerten die Forscher allerdings keinen ganzen Leichnam darin ein, sondern lediglich ein Bein. Es stammte von einer Spenderin, die verfügt hatte, dass ihr Körper nach dem Tod Forschungszwecken dienen soll.

Das Bein betteten die Forscher in eine Kiste aus Kiefernholz, von allen Seiten dick mit dem Natronpulver umhüllt. Da das Klima am Zürcher See deutlich feuchter ist als am Nil, kam die Box unter eine spezielle Abzugshaube, wo regulierte Wärme und Feuchtigkeit das ägyptische Klima wenigstens annähernd imitierten sollten. An jeweils zwei Stellen entnahmen die Wissenschaftler in den folgenden Monaten Proben: dicht am Oberschenkelknochen, wo das Bein amputiert worden war, und in der Mitte der Wade. Anders als ihre altägyptischen Kollegen erklärten sie den Mumifizierungsprozess allerdings nicht bereits nach 40 Tagen für beendet, sondern entnahmen in regelmäßigen Abständen fast ein gesamtes Jahr lang immer wieder Proben.

Noch am 322. Tag des Experiments war das Gewebe an der Wade nicht komplett dehydriert - auch wenn das Bein durch den Wasserentzug mittlerweile nur noch gut die Hälfte wog. Wahrscheinlich, vermuten die Forscher, entsprach das Mikroklima unter der Abzugshaube eben doch nicht ganz den klimatischen Bedingungen Ägyptens. Die Muskelzellen hatten sich zwar zusammengezogen, waren aber ansonsten ohne Schaden erhalten.

Erbgut auch nach einem Jahr gut erhalten

Der Haut war es weniger gut ergangen: Am 208. Tag des Experiments waren ihre fünf Schichten auch unter dem Mikroskop nicht mehr problemlos voneinander zu unterscheiden. Trotzdem konnte man selbst nach 322 Tagen sowohl in den Muskel- als auch in den Hautzellen noch viele erhaltene Zellkerne deutlich erkennen.

Entsprechend heil war auch noch das Erbgut: "Auch nach fast einem Jahr ist die Erhaltung der DNA ausreichend für die meisten forensischen Untersuchungen", schreiben die Wissenschaftler. Die DNA-Schäden entstanden zeitlich früher und ausgeprägter in den Muskel- als in den Hautzellen - das könnte an der unmittelbaren Nähe der Haut zum Salz liegen, vermuten die Forscher, und damit am stärkeren Dehydrierungseffekt. Insgesamt sind mumifizierte Körper also gute Kandidaten für erfolgreiche Erbgut-Untersuchungen.

"Unser Projekt war sehr umfassend", erklärt Rühli gegenüber SPIEGEL ONLINE. Man habe bildgebende Verfahren, Histologie und die Arbeit an alter DNA parallel eingesetzt und damit die Grundlage für weitere Experimente gelegt.

2 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
Windlerche 12.11.2014
lemmuh 16.11.2014

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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