Erbgut-Forschung: "Kommerzielle Gen-Analysen sind reines Entertainment"

Alzheimer, Schizophrenie, Diabetes - viele Volksleiden resultieren angeblich aus Krankheitsgenen, die relativ häufig vorkommen. Der US-Forscher David Goldstein erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er das für einen gefährlichen Irrtum hält.

SPIEGEL ONLINE: Mehr als hundert Studien zu mehr als 70 häufigen Leiden und Merkmalen haben Forscher inzwischen abgeschlossen, um Krankheitsgene aufzuspüren. Dafür hat man Millionensummen ausgebeben - was ist herausgekommen?

DNA-Sequenz: "Glauben Sie nur ja nicht, dass Sie mit einem solchen Test etwas tun, das wichtig für Ihre Gesundheit wäre"
Corbis

DNA-Sequenz: "Glauben Sie nur ja nicht, dass Sie mit einem solchen Test etwas tun, das wichtig für Ihre Gesundheit wäre"

Goldstein: Wir wissen, dass diese Krankheiten eine genetische Komponente haben, aber wir haben nicht viel davon gefunden. Schizophrenie und bipolare Störung etwa sind erblich - aber wir sehen da überhaupt nichts! Wir haben es mit einem Problem der dunklen Materie zu tun.

SPIEGEL ONLINE: In der Astronomie gibt es die dunkle Materie, die bisher nur indirekt nachgewiesen werden konnte. Übertragen auf die Genetik würde das bedeuten, die Gen-Varianten sind zu selten, um sie mit den bisherigen Studien zu finden: Die können nämlich nur eine Gen-Variante finden, die jeweils ungefähr in ein bis vier Prozent der Bevölkerung vorkommt.

Goldstein: Ja, es gab nunmehr umfassende Untersuchungen, und ich glaube, diesen Ansatz haben wir weitgehend ausgereizt. Nehmen Sie Diabetes Typ 2: Wir haben Studien mit Zehntausenden Patienten durchgeführt. Dabei wurden tatsächlich viele auffällige und häufige Varianten im Erbgut gefunden; doch sie alle können nur ein paar Prozent des erblichen Anteils der Krankheit erklären. Ich glaube dies Ergebnis zeigt, dass diese häufigen Varianten nur eine bescheidene Auswirkung haben.

SPIEGEL ONLINE: Firmen wie 23andMe bieten über das Internet Erbgut-Analysen an, die just auf solchen vergleichsweise häufigen Varianten im Erbgut basieren. Was bedeutet das alles für die Aussagekraft der Tests?

Goldstein: Für mich ist das reines Entertainment, weil es derzeit aus dem Angebot dieser Genomfirmen nichts gibt, was ich für klinisch verwendbar hielte. Glauben Sie nur ja nicht, dass Sie mit einem solchen Test etwas tun, das wichtig für Ihre Gesundheit wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wenn, wie Sie sagen, häufige Krankheiten gar nicht durch häufige Genvarianten begünstigt werden - was macht dann den erblichen Anteil aus, den viele Volksleiden haben?

Goldstein: Ich schließe daraus: Der erbliche Anteil von Diabetes Typ 2 und vielen anderen Krankheiten geht nicht auf häufige, sondern auf seltene Gen-Varianten zurück, die jeweils einen ziemlich großen Effekt auf Krankheiten haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten diese Gen-Varianten selten sein?

Goldstein: Die werden in der Bevölkerung auf einem niedrigen Niveau gehalten, unter einem Prozent, weil sie schlecht für uns sind. Doch solch seltene Varianten haben wir noch niemals systematisch studiert, weil wir dazu bisher nicht in der Lage waren.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich das geändert?

Goldstein: Ja, weil wir jetzt ganze Genome Baustein für Baustein sequenzieren können.

SPIEGEL ONLINE: Wo wollen Sie damit anfangen?

Goldstein: Wenn man Krankheitsgene finden will, muss man in Patienten suchen. Wir sollten jetzt sofort damit beginnen, die Genome von Patienten komplett zu sequenzieren.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte bei diesem neuartigen Ansatz herauskommen?

Goldstein: Diese seltenen Varianten könnten überall im Genom sein. Womöglich hat jeder Patient seine Krankheit aus einem unterschiedlichen genetischen Grund. Das würde unser Verständnis, wie wir Genetik von Krankheiten verstehen, grundlegend verändern.

Das Interview führte Jörg Blech

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. genetischer hintergrund
juergen brosius 25.05.2009
... und dazu kommt, dass der genetische hintergrund eine erhebliche rolle bei der auspraegung von krankheiten spielt. D.h. die produkte (proteine oder RNA) von einigen der "normalen" varianten (allele) der uebrigen 20000 bis 30000 menschlichen gene kann den effekt eines krankheitsallels verstaerken, mildern oder gaenzlich unterdruecken.
2. Man könnte es ja auch so sehen:
h0l0fernes 25.05.2009
Auch im Wissenschaftsbetrieb regiert die Mode. Im letzten Viertel des letzten Jahrhunderts war der Glaube in Mode, Verhalten, Fähigkeiten, Krankheiten seien umweltbedingt. Heute ist es in Mode, zu glauben, alles sei genetisch bedingt. Früher hatte jedes dritte Kind MCD (schon vergessen, was das ist? - tsetsetse!). Heute hat jedes dritte Kind ADS. Was wird in zehn Jahren in Mode sein? SAD (Systemische astrogalaktische Divergenzhypothese)? Oder was sonst? An dem Zirkus verdienen vor allem zwei Berufsgruppen: die "Wissenschaftler" und die Medienleute. Host mie?
3. 'Neue Medizin' nach Dr. Ryke Geerd Hamer
wibkereinstein 25.05.2009
Ist doch alles alter Tobak, wenn man mal Herrn Hamer ernst nimmt... - rate ich jedem, sich den mal wirklich ganz genau anzusehen: ist nur zum eigenen Nutzen. Sollte sich auch die Presse mal mit befassen: aber wirklich genau hinsehen!
4. Ausspreche Anerkennung
Mustermann 25.05.2009
Zitat von sysopAlzheimer, Schizophrenie, Diabetes - viele Volksleiden resultieren angeblich aus Krankheitsgenen, die relativ häufig vorkommen. Der US-Forscher David Goldstein erklärt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, warum er das für einen gefährlichen Irrtum hält. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,626702,00.html
Mal ein lesenswerter Wissenschaftsartikel. Prima, das der Spiegel sich auf die Rolle des Fragers beschränkt hat. So kannst funktionieren, gute Fragen vorbereiten und Raum für Antworten lassen.
5. Die Sprache des Lebens
Kassander 25.05.2009
Als das menschliche Genom vor ein paar Jahren zum ersten Mal entschlüsselt wurde - in der Tat für Menschen eine tolle Leistung - glaubten viele, darunter auch viele Wissenschaftler, jetzt könne man das menschliche Leben, einschließlich Krankheiten daraus ablesen. In Wirklichkeit hatten wir aber nur einige Buchstaben entschlüsselt in der Sprache des Lebens. Jedoch kein einziges sinngebendes Wort, keinen einzigen Satz, keine Grammatik, keine Satzstellung, keine Novelle, keinen Roman, kein Gedicht. Auch dass das Leben verschiedene Dialekte und unterschiedliche Sprachen spricht, womöglich gar unterschiedliche Alfabete nutzt, blieb für weniger Begabte außen vor. Schön, Dass Herr Goldstein darauf jetzt eingeht.
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