Erbgut-Spuren Frühmenschen in Afrika paarten sich mit archaischen Vettern 

Wie gingen verschiedene Frühmenschen-Arten miteinander um? Spuren im Erbgut heute lebender Menschen belegen zumindest eines: Bisweilen zeugten sie Nachkommen. Forscher mutmaßen, dass die Kreuzungen vielleicht eine Schlüsselrolle bei der menschlichen Entwicklung gespielt haben.

Forscher Michael Hammer: Hinweise auf frühmenschliche Kreuzungen entdeckt
M. F. Hammer

Forscher Michael Hammer: Hinweise auf frühmenschliche Kreuzungen entdeckt


Hamburg - Heutige Menschen tragen nicht nur Erbgut-Spuren des Neandertalers in sich. Unsere Vorfahren haben sich anscheinend in Afrika auch mit anderen, Menschenarten gekreuzt. Das haben Forscher anhand von Genanalysen afrikanischer Naturvölker festgestellt. "Die heutigen afrikanischen Populationen enthalten rund zwei Prozent genetischen Materials, das von einem archaischen Menschentyp stammt und vor rund 35.000 Jahren eingefügt wurde", berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Dieser Menschentyp habe vermutlich noch nicht zum anatomisch modernen Menschen gehört. Beide Arten könnten sich vor rund 700.0000 Jahren auseinanderentwickelt haben, wie die Forscher ermittelten.

Die Entdeckung der urzeitlichen Kreuzungen habe große Bedeutung auch für die Frage, wie unsere Vorfahren entstanden seien, sagen die Forscher: "Stammen die Gene des modernen Menschen nur von einer einzigen, isolierten Population? Oder stammen unsere Gene von verschiedenen Vorfahren, die in Afrika ganz unterschiedliche ökologische Nischen besetzten und in verschiedenen Regionen lebten?" Bisher konnten Wissenschaftler diese Fragen nicht beantworten.

Jetzt deute vieles darauf hin, dass der Erbgut-Austausch zwischen äußerlich unterschiedlichen Menschenformen sogar ein typisches Merkmal der menschlichen Evolution gewesen sein könnte. "Die Hybridisierung könnte eine Schlüsselrolle für die Neubildung einiger unserer einzigartig menschlichen Eigenschaften gespielt haben", schreiben Michael Hammer von der University of Arizona in Tucson und seine Kollegen.

Ein direkter Vergleich von heutigen und frühmenschlichen DNA-Proben war nicht möglich, da das Erbgutmolekül im warmen Klima Afrikas kaum Jahrtausende überdauern kann. Für ihre Studie wählten die Forscher stattdessen 61 Gensequenzen aus den Bereichen des menschlichen Erbguts aus, die keine Bauanleitungen für Proteine enthalten. Diese nicht-kodierenden Bereiche gelten als besonders geeignet, um daran Veränderungen im Laufe der Evolution abzulesen.

Abweichende Genmuster gesucht

Die Wissenschaftler verglichen dann die genaue DNA-Abfolge dieser Sequenzen bei heute lebenden Angehörigen dreier afrikanischer Stämme, den San-Buschleuten in Namibia, den nomadischen Biaka-Pygmäen in Zentralafrika und dem Bauernvolk der Mandenka im äquatorialen Westafrika. Dabei suchten die Forscher gezielt nach Genmustern, die in ihrer Struktur von der für den Homo sapiens typischen Abfolge abwichen.

In drei Kandidaten-Regionen habe man auffallende Abweichungen beobachtet, berichten die Forscher. Vor allem bei den sehr ursprünglichen Völkern der San und der Biaka seien diese Genvarianten, auch als Haplotypen bezeichnet, stark vertreten. "Wir vermuten, dass dieser ungewöhnliche Haplotyp von einem archaischen DNA-Segment abstammt, das durch Einkreuzung in die Population des anatomisch modernen Menschen gelangte", schreiben Hammer und seine Kollegen.

Aus den Funden ergibt sich die Frage, welcher Vetter des anatomisch modernen Menschen als damaliger Paarungspartner unserer Vorfahren infrage käme. "Trotz der nur sehr bruchstückhaften Funde von Fossilien aus dieser Ära gibt es reichlich Kandidaten", schreiben die Wissenschaftler.

Erst kürzlich hatten Forscher berichtet, dass sich insbesondere bei heute lebenden Europäern und Asiaten Erbgut-Spuren des Neandertalers und des Denisova-Menschen finden.

wbr/dapd

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.