Sinti und Roma: Erbgutanalyse bestätigt Indien als Herkunftsland

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Sinti und Roma sind die größte Minderheit Europas, doch über ihre Geschichte ist bislang wenig bekannt. Erbgutanalysen belegen nun: europäische Sinti und Roma stammen aus Nordindien. Die Daten verraten auch, wie intensiv sie Kontakt zu Einheimischen hatten.

Sinti und Roma: Vor etwa 900 Jahren machten sie sich auf den Weg nach Europa Zur Großansicht
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Sinti und Roma: Vor etwa 900 Jahren machten sie sich auf den Weg nach Europa

Die Sinti und Roma in Europa unterscheiden sich heute stark von einander: Sie sprechen verschiedene Sprachen, haben unterschiedlichen Glauben und ungleiche Lebensstile. Doch eines verbindet sie: ihre Herkunft. Bereits Sprachanalysen hatten gezeigt, dass Sinti und Roma aus Indien stammen. Nun haben Forscher über das Erbgut die Geschichte der größten europäischen Minderheit genauer verfolgt. Die Analyse zeigt auch, wie stark sich die Gruppen über die Jahre mit anderen Bevölkerungsgruppen vermischt haben.

Alle europäischen Sinti und Roma stammen laut der Studie im Fachmagazin "Current Biology" aus dem Norden oder Nordwesten Indiens. "Ganz genau können wir das nicht sagen, weil für den exakten Vergleich Erbgut-Material fehlt", sagt Manfred Kayser von der Erasmus University Rotterdam. Herausgefunden haben die Forscher aber, dass sich Sinti und Roma im Nordwesten Indiens vor etwa 1500 Jahren aufgehalten haben, bis sie vor etwa 900 Jahren über den Balkan nach Europa zogen.

Am Anfang ihrer Reise blieben die Wandernden zunächst überwiegend unter sich, zeigt die Erbgutanalyse. Spuren von Hochzeiten mit Menschen aus dem Mittleren Osten, dem Kaukasus oder aus Zentralasien, finden sich kaum.

Doch mit der Zeit spaltete sich die einstige Gruppe in Untergemeinschaften, die auf verschiedenen Wegen weiterliefen. Heute gibt es zwischen den weitgehend genetisch isolierten Gruppen doch Unterschiede: "Obwohl die Roma insgesamt selten Einheimischen heiraten, hinterlassen auch diese Einzelereignisse Spuren im Erbgut", erklärt Kayser.

So fanden die Forscher im Genom der Sinti und Roma aus Zentraleuropa und der Balkanregion - etwa aus der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Kroatien - Informationen aus dem Erbgut anderer Europäer, die aus jüngster Zeit stammen. Die Isolation scheint dort also nachgelassen zu haben.

Walisische Roma ähneln Einheimischen am stärksten

In Westeuropa und Litauen dagegen bemerkten die Forscher den umgekehrten Trend: Im Erbgut von in Litauen, Portugal und Spanien lebenden Sinti und Roma fanden Kayser und Kollegen zwar häufiger Spuren anderer Europäer als auf denen der anderen Gruppen. Allerdings stammen die von intensiven Kontakten aus der Vergangenheit. Heute scheinen die Sinti und Roma Westeuropas also stärker isoliert zu sein als früher. Es könne aber auch sein, dass gemischte Paare die Roma-Gemeinschaft verlassen und daher nicht in der Erbgut-Analyse auftauchen.

Insgesamt verglichen die Forscher das Genom von 152 Sinti und Roma aus 13 Gruppen, die im Norden, Osten und Westen Europas leben, mit dem Erbgut anderer Bevölkerungsgruppen. Bei allen fanden sie ähnliche Informationen. Einzige Ausnahme machen die walisischen Sinti und Roma: "Sie haben sich offenbar öfter und über mehrere Generationen mit Einheimischen vermischt", so Kayser. "Ansonsten spiegelt die Analyse die meist endogene Sozialstruktur der Roma jedoch ziemlich genau wieder."

Trotz der relativ kurzen Zeitspanne sei die demografische Entwicklung der europäischen Sinti und Roma reich und komplex, schreiben die Forscher. Derzeit leben etwa 11 Millionen Sinti und Roma in Europa, also mehr Menschen als in manchen Staaten.

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Das Erbgut
Genom
Das Genom bezeichnet das gesamte Erbgut eines Organismus. Außer bei einigen Viren besteht es immer aus DNA (Desoxyribonukleinsäure). Das Genom beinhaltet den Bauplan für die Produktion sämtlicher Proteine (Eiweißmoleküle), die ein Organismus zum Leben benötigt. Ein Gen ist ein Sequenzabschnitt auf dem Genom und beinhaltet die Erbinformation für ein Protein. Die einzelnen Bausteine der DNA sind vier verschiedene sogenannte Nukleinsäuren: A, C, T und G.
Messenger-RNA (mRNA)
Die mRNA ist eine Art Genabschrift oder Blaupause der DNA. Nur die mRNA kann von den Proteinfabriken der Zellen, den sogenannten Ribosomen gelesen werden. Sie gibt ihnen vor, in welcher Reihenfolge Aminosäuren - die Bausteine von Proteinen - für das jeweilige Protein zu verknüpfen sind.
Codon
Ein Codon ist eine Folge von drei Bausteinen (Nukleotiden oder Basen) der DNA und analog auch der mRNA. Ein Codon steht für eine bestimmte Aminosäure oder als Stoppsignal, welches das Ende einer Bauanweisung für ein Protein kennzeichnet.
Genetischer Code
Der genetische Code ist die Zuordnung der Basen-Dreiergruppen und der Aminosäuren. Da vier verschiedene Basen zur Auswahl stehen, umfasst der genetische Code insgesamt 64 Codons. Für die meisten Aminosäuren gibt es daher mehr als ein Codon. So stehen beispielsweise die Codons CAG und CAA für die gleiche Aminosäure, die Glutaminsäure.
Transfer-RNA (tRNA)
Die tRNAs übernehmen eine Adapterfunktion beim Bau der Proteine: Jede tRNA hat auf der einen Seite jeweils ein sogenanntes Anticodon, das passend zum Codon auf der mRNA ist. Auf der anderen Seite ist sie mit der zugehörigen Aminosäure beladen. Auf diese Weise wird der genetische Code auf der mRNA abgelesen und in die entsprechende Aminosäurekette zum Protein verwandelt. Dieser Prozess geschieht in den Ribosomen.