Erbgut-Analyse Mehr Denisova-Mensch, weniger Neandertaler

Neben dem Neandertaler hinterließ auch der Denisova-Mensch Spuren im Erbgut moderner Menschen. Forscher rätseln, wie viel von ihm in uns steckt.

Backenzahn eines Denisova-Menschen
DPA

Backenzahn eines Denisova-Menschen


Die meisten Nicht-Afrikaner haben zumindest ein bisschen Neandertaler-DNA in ihrem Erbgut. Vor allem in Südasien könnte der Anteil eines anderen frühen Verwandten aber noch größer sein, berichten Forscher im Fachmagazin "Current Biology": der Anteil des Denisova-Menschen, der zu etwa gleicher Zeit lebte wie der Neandertaler.

Die Wissenschaftler um Sriram Sankararaman von der University of California in Los Angeles und David Reich von der Harvard Medical School in Boston hatten 250 Genome von Menschen 120 nicht-afrikanischer Populationen weltweit analysiert. Demnach könne der Anteil der Gene vom Denisova-Menschen im Erbgut des modernen Menschen bis zu fünf Prozent betragen - beim Neandertaler seien es nur etwa 2 Prozent.

Die Analyse zeigt demnach auch, dass der moderne Mensch sich in bestimmten Regionen über rund hundert Generationen hinweg mit der Denisova-Population mischte - nach seinen Techtelmechteln mit Homo neanderthalensis. Den höchsten Anteil archaischer Gene hatten demnach die 20 in die Analyse einbezogenen Bewohner Ozeaniens, also der Inseln des Pazifiks nördlich und östlich von Australien.

Zudem hätten Südasiaten der Auswertung zufolge mehr Denisova-Erbgut als bisher angenommen, schreiben die Forscher. Besonders wenige Neandertaler- und Denisova-Gene haben laut Analyse dagegen die Bewohner des westlichen Eurasiens. "Die Interaktionen zwischen modernen und archaischen Menschen sind komplex und beinhalten vielleicht mehrere Geschehnisse", sagt Reich.

Anteil der Denisova-Gene im menschlichen Genom nach Region (schwarz: sehr gering, rot: vergleichsweise hoch)
Sankararaman et al./ Current Biology

Anteil der Denisova-Gene im menschlichen Genom nach Region (schwarz: sehr gering, rot: vergleichsweise hoch)

Interessant seien die Ergebnisse, aber durchaus auch widersprüchlich zu anderen Studien in dem Feld, erklärt Michael Dannemann vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, der nicht an der Studie beteiligt war. "Das kann auch damit zusammenhängen, dass mit der verwendeten Methode Neandertaler- und Denisova-Erbgut nicht einfach auseinanderzuhalten sind."

Ein Team um Dannemanns Forscherkollegen Svante Pääbo hatte erst kürzlich berichtet, dass der Denisova-Mensch insgesamt weitaus weniger Spuren im Erbgut moderner Menschen hinterließ als der Neandertaler. Außerhalb Afrikas stammt das Genom heute lebender Menschen demnach zu ungefähr zwei Prozent vom Neandertaler. Eine signifikante Abstammung vom Denisova-Menschen gebe es mit einem Anteil zwischen 1,9 und 3,4 Prozent nur bei Menschen aus Papua-Neuguinea, schrieb das Team im Fachmagazin "Science".

Der Denisova-Mensch ist erst seit wenigen Jahren bekannt: 2008 fanden russische Archäologen einen Knochen und Zähne in Südsibirien. Es handelt sich um eine weit entfernte Schwestergruppe des Neandertalers. Während diese vor allem in Europa und Westasien lebten, zogen Denisova-Menschen durch Ostasien. Sie lebten vermutlich noch vor etwa 40.000 Jahren im zentralasiatischen Altai-Gebirge.

Der Neandertaler hingegen starb nach bisherigen Erkenntnissen vor etwa 40.000 Jahren aus. Dass ihm der moderne Europäer einen Teil seines Erbguts verdankt, ist bereits seit einigen Jahren bekannt.

Es bedeutet, dass die von Afrika nach Eurasien gezogenen modernen Menschen hin und wieder Liebeleien mit ihren archaischen Verwandten eingegangen sein müssen, aus denen Nachwuchs mit gemischtem Erbgut hervorging. Kinder mit Partnern aus der Denisova-Population entstanden nach Einschätzung der US-Forscher erst im Zeitraum danach.

jme/dpa



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