Erbgutanalysen Forscher entdecken Fehlsichtigkeits-Gen

Wissenschaftler sind den Ursachen für Fehlsichtigkeit auf die Spur gekommen: Sie haben ein Gen entdeckt, das bei der Entwicklung des Sehvermögens eine große Rolle spielt. Jetzt setzen sie Hoffnung in eine Gentherapie - die vielen Menschen die lästige Brille ersparen könnte.

Fehlsichtiger Apple-Chef Steve Jobs: Zu oft aufs iPhone geschaut?
REUTERS

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Die komische Kristallkugel, die Archimedes der Überlieferung nach vor seinem Auge getragen haben soll, könnte der Vorläufer der ersten Brille gewesen sein. Seinerzeit war der griechische Ingenieur noch ein seltener Fall von Kurzsichtigkeit - heute ist die "Myopie", wie sie wissenschaftlich korrekt heißt, ein Massenphänomen.

Bis heute liegen die Ursachen der Kurzsichtigkeit weitestgehend im Dunkeln. Jetzt sind Forscher auf ein Gen gestoßen, dass zumindest in Teilen eine Erklärung dafür liefern könnte: RASGFR1 heißt der Kandidat, den sie mit einer Fehlsicht in Verbindung bringen. Wie der britische Zwillingsforscher Christopher Hammond vom Londoner King's College und sein internationales Team im Fachjournal "Nature Genetics" berichten, haben die Wissenschaftler eine Reihe von Mutationen in diesem Gen entdeckt, die bei der Fehlsichtigkeit - sowohl Kurz- als auch Übersichtigkeit (Hyperopie) eine große Rolle spielen könnten.

Für ihre Analysen untersuchten die Forscher das Erbgut von insgesamt mehr als 13.000 Probanden aus sieben verschiedenen kaukasischen Gruppen. Den Wissenschaftlern zufolge, ist RASGFR1 vor allem in Nervenzellen und der Retina aktiv: "Es ist für die Funktion der Retina und das visuelle Erinnerungsvermögen besonders wichtig", sagte Terri Young vom Center for Human Genetics in Duke, der auch an der Studie beteiligt war.

Segen für Blinde?

Dass RASGFR1 auch tatsächlich eine tragende Rolle spielt, konnten die Wissenschaftler in Mäuseexperimenten zeigen: Sie züchteten eine genetisch veränderte Maus, in dessen Erbgut das korrekte RASGFR1-Gen fehlt.

Die Erkenntnisse könnten möglicherweise bei der Entwicklung einer geeigneten Gentherapie helfen. Erste Erfolge mit Gentherapien bei Erkrankungen der Augen sind Medizinern in der Vergangenheit bereits mehrfach gelungen. Vor einem Jahr beispielsweise hatten Ärzte eine experimentelle Gentherapie nahezu blinden Kindern wieder zum Sehen verholfen.

Um die Kurzsichtigkeit zu heilen, müsse man künftig nur noch das funktionstüchtige RASGFR1-Gen in das Auge des Patienten schleusen - so die Vision der Forscher. Für gewöhnlich werden dafür genetisch manipulierte Viren als Transportvehikel genutzt und ins Auge gespritzt. Bis eine derartige Behandlung tatsächlich zur Verfügung steht, die auch sicher ist, dürften aber noch einige Jahre vergehen.

Derweil müssen Menschen mit Fehlsichtigkeit auf die gute alte Sehhilfe zurückgreifen. Oder aber ihre Zeit nicht so häufig vor dem Rechner verbringen: "Die Menschen müssen mehr nach draußen und in die Ferne schauen", sagt Young. Die stundenlange Arbeit vor dem Computer oder über Papier, führe dazu, dass die Augen ständig im Nahbereich fokussieren.

cib

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