Erfinder-Wettrennen Nasa und Google locken Tüftler mit Millionen

Nur einer kann gewinnen. In den USA tüfteln Entwickler immer häufiger um die Wette: Wer als erster einen Roboter zum Mond oder einen Nanosatelliten in den Orbit schießt, bekommt Millionen Dollar von Nasa oder Google. Forscher-Rivalität oder klassische Förderung - was bringt mehr Erfolg?

c-base / openmoon

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Erfinder haben es nicht leicht. Oft fehlt ihnen das Geld, um ihre Ideen umzusetzen. Manchmal finden sie schlicht auch niemanden, der ihre Konzepte gebrauchen kann. Seit mehreren Jahren schon haben Tüftler und Hobby-Erfinder vor allem in den USA aber ein ganz neues Betätigungsfeld: Sie versuchen, Innovationswettbewerbe zu gewinnen.

Das Ziel ist dabei jeweils klar vorgegeben: Entweder soll ein Weltraumfahrstuhl in 50 Sekunden 120 Meter in die Höhe klettern. Oder aber ein Auto muss eine Strecke von 100 Meilen mit nur einer Gallone Sprit zurücklegen, was einem Verbrauch von 2,35 Litern pro 100 Kilometern entspricht. Wer die Vorgabe zuerst erfüllt, kassiert die Prämie. Alle anderen Teams gehen leer aus.

Die Idee, Meisterleistungen oder technische Innovationen mit Geld zu belohnen, ist nicht neu. 1919 lobte der aus Frankreich stammende Hotelier Raymond Orteig 25.000 US-Dollar für den ersten Nonstopflug über den Atlantik aus. Acht Jahre später gelang Charles Lindbergh das Kunststück: Er startete am 20. Mai in New York, einen Tag später landete er in Paris. Insgesamt neun Teams hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt und gemeinsam ein Mehrfaches des Preisgeldes investiert.

Der Ansari X Prize machte 2004 Schlagzeilen: Zehn Millionen Dollar gewann die US-Firma Scaled Composites, nachdem sie binnen einer Woche zweimal mit dem bemannten Raumschiff "Space Ship One" eine Höhe von 100 Kilometern erreicht hatte.

Mittlerweile setzt auch die US-Weltraumbehörde auf den Erfinderwettstreit. Gerade erst hat die Nasa Details für drei neue Tüftlerwettbewerbe bekanntgegeben. "Centennial Challenges" ("Jahrhundertherausforderungen") heißen die Ausschreibungen. "Die Nasa sponsert Wettbewerbe, weil wir glauben, dass Studententeams, Privatfirmen und Erfinder kreative Lösungen für Probleme liefern können", sagt Bobby Braun, Chef der Nasa-Technologieabteilung.

Rollen auch im Dunkeln

Zum einen geht es um sogenannte Nanosatelliten mit einer Masse von einem bis zehn Kilogramm, die auf möglichst günstige Weise in eine Erdumlaufbahn gebracht werden sollen. Dank der immer stärkeren Miniaturisierung von Elektronik, Sensoren und sonstigen Bauteilen könnten Nanosatelliten künftig immer häufiger zum Einsatz kommen, sagt Andrew Petro vom Johnson Space Center der Nasa in Houston. Eine billige Starttechnologie würde Satellitenbetreiber weniger abhängig machen von den oft langfristig ausgebuchten Starts großer Raketen wie der Ariane, bei denen die Minisatelliten heutzutage quasi als Beiladung mitfliegen. Wer es schafft, binnen einer Woche zwei solcher Nanosatelliten in einen Orbit zu befördern, bekommt von der Nasa zwei Millionen Dollar.

Bei den anderen beiden neuen Wettbewerben geht es um einen Rover, der tagsüber so viel Sonnenenergie tankt, dass er auch nachts weiter fahren kann - und um eine sogenannte Sample-Return-Mission. Dabei sucht ein Roboter in einem großen Gelände selbständig Gesteinsproben, nimmt sie auf und bringt sie zurück. In beiden Fällen hat die Nasa je 1,5 Millionen Dollar ausgelobt.

Deutlich ambitionierter ist der 2007 gestartete Google Lunar X Prize, bei dem eine Prämie von bis zu 20 Millionen Dollar lockt. Dafür muss eine Sonde auf dem Mond landen und dort mindestens 500 Meter zurücklegen. Damit sich das Ganze auch medial verwerten lässt, gehört ein sogenannter Mooncast zur Ausschreibung: Der Rover muss Videobilder in HD-Qualität aufnehmen und zur Erde funken - auch das eine technische Herausforderung.

Skepsis im Berliner Forschungsministerium

Derzeit sind noch 21 Teams im Rennen um den Lunar X Prize, darunter zwei aus Deutschland. "Es geht uns um die technologische Entwicklung", sagt Robert Böhme von der Mannschaft Part-Time-Scientists. Neue Ideen für die Antriebstechnik oder die HD-Übertragung könne eine der beteiligten Firmen womöglich auch anderweitig nutzen. Natürlich sei auch Publicity wichtig, sagt der IT-Sicherheitsberater. "Die braucht man für die Sponsoren."

Für Neven Dolos, Leiter des deutschen Teams C Base Open Moon, liegt die Motivation für den X Prize auf der Hand: "Wir sind Weltraumenthusiasten", sagt er SPIEGEL ONLINE. Es gehe nicht um Hightech, sondern darum, möglichst billig in den Weltraum zu kommen. Dolos glaubt fest an den Erfolg solcher Tüftelwettbewerbe: "Wir haben in den USA gesehen, dass auch kleine Unternehmen innovative Technologien entwickeln können." Er vergleicht das Projekt mit dem Betriebssystem Linux, das von vielen Enthusiasten gemeinsam programmiert wurde.

Im Berliner Forschungsministerium sieht man die Erfinderwettbewerbe bisher nicht als Modell zur Technologieförderung - weil man sich nicht von vornherein nur auf ein bestimmtes Ziel festlegen will. Das Ministerium überlege mit den Wissenschaftlern, wohin die Reise gehen solle, sagt eine Sprecherin. Dabei arbeite man immer in dem Bewusstsein, dass Projekte scheitern könnten. Die Erkenntnis, dass sich ein bestimmtes Vorhaben eben doch nicht verwirklichen lasse, sei auch ein Ergebnis.

Die X Prize Foundation hält ihre Wettbewerbe hingegen für geradezu revolutionär. "Sie ziehen Querdenker anderer Fachgebiete an, die neue Wege gehen", heißt es in der Selbstdarstellung. Dies führe zu innovativen Lösungen. Außerdem ziehe ein X Prize unternehmerische Investitionen nach sich, die bis zu zehnmal höher seien als das eigentliche Preisgeld.

Robert Böhme vom deutschen Team Part-Time-Scientists zweifelt an der Effizienz klassischer Forschungsfinanzierung. "Es gibt ein Budget für ein Projekt - und nach zwei Jahren ist es aufgebraucht. Ob dann aber das Projektziel erreicht ist, steht auf einem anderen Blatt", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen das Geld für unser Projekt selbst akquirieren. Das ist der Unterschied zwischen deutscher und amerikanischer Herangehensweise."



insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
mavoe 26.07.2010
1. Aha!
Zitat von sysopNur einer kann gewinnen. In den USA tüfteln Entwickler immer häufiger um die Wette: Wer als erster einen Roboter zum Mond oder einen Nanosatelliten in den Orbit schießt, bekommt Millionen Dollar von Nasa oder Google. Forscher-Rivalität oder klassische Förderung - was bringt mehr Erfolg? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,707531,00.html
Wieviel krieg ich für den WARP-Drive?
Neurovore 26.07.2010
2. ...
Zitat von sysopNur einer kann gewinnen. In den USA tüfteln Entwickler immer häufiger um die Wette: Wer als erster einen Roboter zum Mond oder einen Nanosatelliten in den Orbit schießt, bekommt Millionen Dollar von Nasa oder Google. Forscher-Rivalität oder klassische Förderung - was bringt mehr Erfolg? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,707531,00.html
Das ist doch nichts anderes als Outsourcing von F&E. Allerdings clever: man bezahlt nur einen der vielen Subunternehmer, die anderen investieren Zeit und Geld für lullu...
Datenscheich 26.07.2010
3. Deutschland erfindet Skepsis
>> Skepsis im Berliner Forschungsministerium Dieser Zwischentitel sagt alles. Aus dem Land der Ingenieure und Erfinder wurde ein Land der Bedenkenträger und Skeptiker... Sechs. Setzen!
GM64 26.07.2010
4. Der Wettbewerb produziert auch Verlierer
Wenn einer mitmacht und den Preis nicht gewinnt, dann hat er einen großen Verlust. Wenn man das macht, ruiniert man eigentlich nur sein Forscher Biotop. Warum schließen sich die Firmen beim Bau von Produkten eigentlich immer zusammen, weil man mit der Zusammenarbeit weiter kommt.
Dr. Martin Hofmann, 26.07.2010
5. Steuergeld gegen "good news"
Zitat von sysopNur einer kann gewinnen. In den USA tüfteln Entwickler immer häufiger um die Wette: Wer als erster einen Roboter zum Mond oder einen Nanosatelliten in den Orbit schießt, bekommt Millionen Dollar von Nasa oder Google. Forscher-Rivalität oder klassische Förderung - was bringt mehr Erfolg? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,707531,00.html
Die Damen und Herren des BMBF (oder auch der Forschungsförderung im BMWi) kaufen genauso, wie ihre amerikanischen Kollegen, "good news" gegen Steuergeld. In Gesprächen mit BMBF Referatsleitern wird natürlich gerne klar gemacht, dass sich die Politik von Fördermaßnahmen "Durchbrüche" oder "Olympiasiege" (im übertragenen Sinne) erhofft. Nichts ist für Frau Schavan attraktiver, als sich hinstellen zu können und einen Zusammenhang zwischen ihrer Verantwortung als Ministerin und einem wissenschaftlichen Highlight herstellen zu können .... ganz gleich, wie lange in die Vergangenheit die entsprechenden Vorarbeiten reichen. Im Grunde ist man im BMBF einfach nur zu zurückhaltend (um es nett zu umschreiben), um sich des Prinzips des Wettbewerbs mit Ausschreibungen - wie im Artikel beschrieben - zu bedienen. Statt dessen werden Netzwerke gepflegt mit genau den Wissenschaftlern, von denen man sich am ehesten "good news" erwartet. Mag banal klingen, ist aber genau so. Im übrigen sollten sich die geneigten Leser von der Vorstellung frei machen, im BMBF oder im BMWi oder bei der EU-Kommission und ihren Forschungsförderungsreferaten säßen Leute, die selbst mal erfolgreich waren in der Wissenschaft .... ganz häufig sind das eher Juristen oder Betriebswirte, die sehr viel besser wissen, wie man good news einkauft, als dass sie je selbst erfahren hätten, wie gute Wissenschaft gemacht wird. Zumindest dürften die meisten Verantwortlichen dort keine auch nur halbwegs vorzeigbare Publikationsliste vorzuweisen haben.
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