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Erfindungen in Indien: Gandhi der Technik

Von Thomas Häusler

Jedes Jahr marschiert der indische Wirtschaftsprofessor Anil Gupta durch die ärmsten Regionen Indiens - um das Wissen der Armen zu verbreiten und ihre Erfindungen aufzuspüren. Für die Menschen dort ist er wie ein Gandhi der Technik. Nun soll aus dem Marsch eine Weltbewegung werden.

Die neue Dreschmaschine des Reisbauern Dharnidhar Mahato sieht nicht gerade aus wie eine technischer Durchbruch: Zusammengeflickt aus einem rostigen Fahrradrahmen mit nur einem Pedal und zwei Trommeln, die aus Holzresten und Blechbüchsen bestehen.

Und trotzdem, Anil Gupta ist begeistert. "Eine wunderbare Erfindung ist das", ruft der Professor in die Runde der Bauern und Schüler, die an diesem Abend im Hof der Dorfschule von Balakdih versammelt sind. Nur zwei matte Glühbirnen erhellen die Szene, im Hintergrund röchelt ein Dieselgenerator.

Strom vom Netz gibt es hier nicht. Die Lehmhütten liegen sieben Autostunden von Kalkutta entfernt, erreichbar nur über holprige Straßen und Feldwege. Die Reisfelder sind so klein und die Böden so unfruchtbar, dass die Bauern sich über jedes Jahr freuen, das sie ohne Not durchstehen. Niemand würde von dieser Gegend irgendeinen Beitrag zum technischen Fortschritt erwarten, und ausgerechnet hierher ist der Professor vom angesehenen Indian Institute of Management gekommen. Er sucht nach Ideen - und nach Erfindungen.

Erfindungen wie den Reisdrescher, den Dharnidhar Mahato selbst gebaut hat und jetzt präsentiert. "Es gibt schon einen Drescher zu kaufen, der mit den Füßen angetrieben wird", erklärt Mahato. "Aber der kostet 3000 Rupien." Sein Eigenbau kostet 500 Rupien (umgerechnet etwa zehn Euro) und kann doppelt so viel Reis verarbeiten wie der kommerzielle Drescher. "Wenn das kein Durchbruch ist", bemerkt Gupta, "viele von euch müssen den Reis ja noch von Hand dreschen, wie vor 3000 Jahren." Die Männer, Frauen und Kinder klatschen. Der Erfinder schaut verlegen und doch stolz in die Runde, als ihm Gupta eine Ehrenurkunde überreicht.

Dass sich ein hohes Tier aus der Stadt für sie interessiert, haben die Leute von Balakdih noch nie erlebt. Nun hebt der Professor an zu einem Loblied auf die Kreativität, das in einer Frage an die Schüler gipfelt: "Wer von euch möchte Erfinder werden?" Zögerlich heben einige die Arme, unter den aufmunternden Rufen Guptas werden es mehr. "Dann schlaft diese Nacht nicht, sondern denkt nach!"

Mittlerweile ist es zehn Uhr abends, und Gupta muss weiter. Mit seinen zwei Dutzend Begleitern bricht er auf, bis zum Nachtlager im nächsten Dorf sind es noch fünf Kilometer. Allein heute hat der Tross schon 30 Kilometer zurückgelegt, im Schatten von zwei Bannerträgern, die tagsüber durch ein quäkendes Megafon skandieren: "Wir suchen eure Erfindungen!", und: "Achtet euer traditionelles Wissen!"

Jetzt schweigt das Megafon. Anil Gupta führt den Pilgerzug durch die Nacht, gekleidet im knielangen Hemd aus handgesponnener Baumwolle, wie es schon Mahatma Gandhi trug. Ein Prophetenbart umhüllt das Kinn, seine nackten Füße stecken in Ledersandalen, ein dünner Schal schützt etwas vor der Kälte. Gupta erzählt von seiner Erweckung, die ihn vor zwanzig Jahren zum Guru der Selbsthilfe machte. "Ich hatte jahrelang die Anbautechniken der Bauern studiert, darauf gründeten meine Aufsätze, meine Karriere an der Uni, mein Einkommen. Doch was hatte ich den Menschen dafür zurückgegeben? Nichts. Kein Geld, keine Anerkennung, keine Erwähnung in den Publikationen. Das raubte mir den Schlaf."

"Die Menschen sind zwar arm, aber an Wissen sind sie reich"

Längst hatten ihn seine Studien davon überzeugt, dass in den armen Menschen auf dem Land viel mehr Wissen und Potential steckten, als die meisten Entwicklungsberater und Beamten glaubten. "Man nimmt die Landbevölkerung nur wahr als Hände und Beine, die arbeiten können, und als Mäuler, die gefüttert werden müssen", sagt Gupta. "Das ist falsch. Die Menschen sind zwar arm, aber an Wissen sind sie reich. Darauf müssen wir uns konzentrieren."

Anil Gupta begann, die Erfindungen der Armen und das traditionelle Wissen ihrer Dorfgemeinschaften zu sammeln, damit alle voneinander profitieren können. Wie eine Honigbiene die Pollen der Blumen erntet, so wollte er Wissen horten und ohne Profit weitergeben. Honey Bee Network nannte er das Projekt. Man könnte auch sagen, Gupta hat eine wandelnde Wikipedia für Indiens Bauern erfunden. Das Magazin Business Week Asia wählte ihn für seine Idee zu einer der 50 einflussreichsten Persönlichkeiten Asiens.

Und Neil Gershenfeld vom Massachusetts Institute of Technology in Boston, der mit Gupta schon im Feld unterwegs war, sagt: "Seine Arbeit hilft, die wichtigste Ressource der Welt zu nutzen: die Menschen und ihre Ideen."

Wie kommt man an das Wissen von Menschen, die keine Zeitung lesen können, die kein Telefon haben und die ihr Dorf nie verlassen? Anil Guptas Antwort darauf heißt: "Shod Yatra", Erkundungsreise. Seit zehn Jahren wandert er mit seinen Helfern zwei Mal im Jahr zehn Tage lang 200, 300 Kilometer durchs ländliche Indien, um die Erfindungen der Armen aufzuspüren und ihren Erfahrungsschatz aufzuzeichnen. Welche Samen säen sie aus? Wie heilen sie ihre Kranken, wie ihre Tiere? Die Informationen speist er in die Onlinedatenbank des Honey Bee Network.

Da die wenigsten Menschen auf dem Land einen Internetzugang haben, hat Gupta den Laptop mit der Datenbank dabei. Sieht er unterwegs, dass die Menschen mit Problemen kämpfen, die anderswo bereits gelöst wurden, zeigt er ihnen auf dem Computer zum Beispiel die selbst gebaute Wasserpumpe eines Bauern oder erklärt den Trick, wie man aus Kuhdung Strom gewinnt.

Die Wasserpumpe oder auch die eben entdeckte Dreschmaschine sind typisch für die Erfindungen, die Gupta auf seinen Shod Yatras aufgespürt hat. Die Menschen entwickeln, was sie brauchen. Eine Schülerin in Süd-Indien hat eine Waschmaschine konstruiert, die sie über Pedale antreiben kann. Ein Mann aus dem bergigen Assam hat sein Fahrrad so mit Federn, Stangen und Zahnrädern aufgerüstet, dass es die Hüpfbewegung des Sattels auf den löchrigen Wegen in zusätzliche Antriebskraft umwandelt - Innovation ganz nach dem Geschmack des Professors: Durch Kreativität wird aus einem Hindernis ein Vorteil.

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Fotostrecke
Anil Gupta: Auf der Suche nach Erkenntnis
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Anil Gupta: Auf der Suche nach Erkenntnis


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