Erinnerungen Wie das Gehirn Geschichte fälscht

Erlebnisse von Bombenkrieg und Vertreibung sitzen tief. Aber nicht alles, was rückblickenden Zeitzeugen vor Augen steht, hat auch so stattgefunden. Autobiografische Erinnerungen sind oft eine Mischung aus tatsächlich Erlebtem und Fiktion.

Von Harald Welzer


Dresden am 25. Februar 1945: Keinerlei Beleg für Menschenjagden
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Dresden am 25. Februar 1945: Keinerlei Beleg für Menschenjagden

Während des Vortrags von Helmut Schnatz kam es zum Eklat. Unter den Zuhörern bei der Veranstaltung vor einigen Jahren waren viele ältere Dresdner, die den verheerenden Angriff auf ihre Stadt am 13. und 14. Februar 1945 miterlebt hatten. Erregt berichteten sie, dass nach den Bombardierungen britische Tiefflieger gezielt Jagd auf die Flüchtenden gemacht hätten, als diese auf den Elbwiesen oder im Großen Garten Schutz vor den Flammen suchten.

Historiker Schnatz erklärte geduldig, die Fakten sprächen gegen diese Erinnerung: Die Bombardements entfachten einen solchen Feuersturm, dass es den Piloten unmöglich war, niedrig genug über die Stadt zu fliegen, um gezielt einzelne Menschen angreifen zu können. Ebenso habe eine Auswertung britischer Flugeinsatzpläne und Logbücher keinerlei Beleg für solche Menschenjagden geliefert.

Auch wenn er es vorsichtig ausdrückte: Der Forscher hielt die Tiefflieger für einen Mythos, der sich in der Erinnerung vieler Dresdner bis heute fortsetzt.

Die Zuhörer waren empört. Hatten sie nicht mit eigenen Augen die "silbrig schimmernden Mustangjäger" - ein tatsächlich im Luftkrieg eingesetztes Flugzeug - und die verzweifelt fliehenden Menschen gesehen? Auch in einer ZDF-Sendung zum 60. Jahrestag der Bombardierung Dresdens zeigten sich Zeitzeugen äußerst bestürzt über diese "Lügen" der Historiker.

Dass Erinnerungen eine diffizile Sache sein können, zeigte sich auch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1980. Kandidat Ronald Reagan berichtete bei öffentlichen Veranstaltungen wiederholt und mit Tränen in den Augen von seiner persönlichen Geschichte als Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg: Sein Bomberpilot habe die Besatzung zum Abspringen aufgefordert, nachdem die Maschine getroffen worden war. Ein junger Schütze war aber so schwer verwundet worden, dass er die Maschine nicht verlassen konnte. Da sagte der heldenhafte Captain: "Macht nichts, Sohn. Dann bringen wir die Kiste eben gemeinsam runter."

Ich habe es doch selbst erlebt! Doch Reagan erinnerte sich hier keineswegs an eigene Erlebnisse, sondern an eine Szene aus dem Film "Wing and a Prayer" von 1944.

Dennoch war er völlig davon überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Und genauso geht es den Augenzeugen der Dresdner Bombardements: Obwohl die Erinnerungen falsch sind, zeichnen sie sich durch eine hohe emotionale Bedeutsamkeit aus. Sie sind den Personen so wichtig, dass sie sich diese und die damit verbundenen Gefühle nicht mehr nehmen lassen wollen. Es ging schließlich um Ereignisse, die lebensgeschichtlich so einschneidend waren, dass sie diese niemals vergessen könnten.

Paradoxerweise sorgt genau dieser Vorsatz wahrscheinlich dafür, dass das tatsächlich Erlebte vielfältig umgeformt wird. Denn jeder Abruf einer Erinnerung, etwa im Zuge eines Berichts, hat auch ihre erneute Einspeicherung zur Folge. Dabei wird der Kontext der jeweiligen Abrufsituation mit abgelegt - wodurch die ursprüngliche Erinnerung um neue Nuancen angereichert, korrigiert, auf bestimmte Aspekte zentriert oder sogar überschrieben werden kann.

Ronald Reagan: Der US-Präsident baute Filmszene in eigene Kriegserinnerungen ein
AP

Ronald Reagan: Der US-Präsident baute Filmszene in eigene Kriegserinnerungen ein

Es gilt also: Wer mit anderen Beteiligten über gemeinsam erlebte Ereignisse spricht, dessen persönliche Rückblende wird dabei mitunter stark beeinflusst. Bei so einschneidenden Erlebnissen, wie sie ein Krieg mit sich bringt, beobachten Sozialforscher regelmäßig das Phänomen, dass diese Erinnerungen standardisiert werden: auf das Format, in dem auch andere sich erinnern. Einwohner einer bombardierten Stadt werden zu Erinnerungsgemeinschaften, die Berichte so lange austauschen und dabei ausgestalten, bis jeder über einen ähnlichen Fundus von Geschichten verfügt.

In den Gehirnen der erzählenden Soldaten und Bombenopfer laufen dabei Mechanismen ab, die Neurobiologen und Psychologen erst allmählich zu verstehen beginnen. Gedächtnisforscher wissen inzwischen, dass Informationen, einzelne Episoden, ja ganze Geschehensabläufe in bereits vorhandene Gedächtnisinhalte integriert werden können. "False Memories" können sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speisen, die jenseits des selbst Erlebten liegen: Erzählungen anderer Personen, Romane, Dokumentar- und Spielfilme oder auch Erträumtes und Fantasiertes. Dieses Phänomen heißt "Quellenamnesie", weil das Ereignis als solches korrekt erinnert wird, aber die Quelle verwechselt, aus der die Erinnerung stammt.

Können diese Augen trügen?

Das Irritierende an solch importierten Reminiszenzen ist, dass sie schier lebendig "vor den Augen stehen, als sei es gestern gewesen" - wie etwa den Dresdner Zeugen der Bombennächte vom Februar 1945. Die visuelle Repräsentation vergangener Ereignisse hat subjektiv die größte Überzeugungskraft. Es scheint so, als erinnerte man sich an etwas, das tatsächlich geschehen ist, und zwar so und nicht anders.

Aber das Geschehene muss eben nicht zuerst auf die Netzhaut geprallt sein, um dann im Gedächtnis gespeichert zu werden. Denn die neuronalen Verarbeitungssysteme für visuelle Wahrnehmungen und für Vorgestelltes und Fantasiertes scheinen sich zu überlappen: Der Psychologe Stephen M. Kosslyn von der Harvard University konnte 1995 zeigen, dass der primäre visuelle Cortex auf ganz ähnliche Weise aktiviert wird, wenn Probanden Objekte sehen, wie wenn sie sich diese nur vorstellen. Ähnliche Ergebnisse liegen auch für andere Sinnesmodalitäten vor, zum Beispiel für das Hören. Dies kann eine Erklärung sein, warum auch ein imaginäres Sirenengeheul "in den Ohren klingen" kann, wenn es plastisch erinnert wird.

Ereignisse lassen sich umso leichter in die eigene Geschichte importieren, je besser sie sich in das allgemeine Hintergrundgefühl einfügen. Das direkte Erleben von Krieg und Gewalt hinterlässt emotionale Spuren - und diese können tief sitzen, wie der New Yorker Emotionsforscher Joseph LeDoux herausfand: Es entstehen feste synaptische Verbindungen zwischen den Nervenzellen im Mandelkern, der Schaltzentrale für Emotionen, die eine schnelle Gefühlsreaktion auslösen. Bestimmte Reize, die dem damaligen Erleben ähneln, führen so zur Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn und rufen dadurch die körperlichen Alarmsignale hervor, die mit der tiefen Erinnerungsspur verbunden sind. Man beginnt zu zittern, zu schwitzen, sich zu ängstigen, nach Schutz zu suchen.

Das Bewusstsein kann dieser emotionalen Erinnerungsspur nun ganz andere Ereignisse zuordnen - die man zwar selbst nicht erlebt hat, die aber hervorragend zu den entsprechenden Gefühlen passen.

Deshalb sind traumatische Erinnerungen nicht "wahrer" oder "authentischer" als andere. Die mit ihnen verbundenen Gefühle enthalten - und erhalten - aber die emotionale Spur des damaligen Geschehens. Alles andere kann sich als pures Artefakt herausstellen.

Der Haken daran ist, dass die Zeitzeugen nicht selbst herausbekommen können, ob etwas eine wahre oder eine falsche Erinnerung ist. Denn beides fühlt sich für die Person, die sich erinnert, völlig gleich an.



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