Erwin Rommel Auf der Jagd nach dem Schatz des "Wüstenfuchses"

Von Jean-Christoph Caron

2. Teil: "Juden in Frankreich 600 bis 700.000 abschaffen."


Wenn aber der legendäre Goldschatz nicht von den jüdischen Libyern stammt, könnte er der arabischen Bevölkerung gestohlen worden sein? Fest steht nur, dass sie ihrer Lebensgrundlage beraubt wurde. Dazu der Zeitzeuge Aisa Bu Graiem, im Krieg Vorarbeiter und Koch in einem deutschen Luftwaffenerholungsheim: "Viele Tiere wurden den Bauern genommen. Als sich einige bei General Rommel beschwerten, antwortete dieser höflich, die deutschen Soldaten hätten nicht genug zu essen. Aber nach dem Krieg würden die Libyer entschädigt."

Es existiert nur ein einziges Dokument, das den General in Zusammenhang mit Wertgegenständen aus Nordafrika bringt: ein Eintrag im Kalender von Albert Böttcher, Rommels Schreiber. Er habe am 13. Juli 1942 für seinen General Pakete per Flugzeug nach Deutschland überbracht. Doch diese enthielten lediglich Geburtstagsgeschenke für Rommels Frau Lucie. Peter Haining, der den Kalendereintrag entdeckte, fand in Archiven auch den Antwortbrief, in dem sich die Gattin wenige Tage später "für die allerliebsten arabischen Armbänder, Ohrgehänge und Schmuckstücke" bedankte.

Vermutlich war Rommel guter Stimmung gewesen, als er das Präsent zusammenstellte, denn es war ihm wenige Wochen zuvor im zweiten Anlauf gelungen, Tobruk einzunehmen und auch beim ersten Vorstoß auf El-Alamain hatte er die Briten das Fürchten gelehrt. Doch Ende August musste der General die deutsch-italienische Großoffensive dort abbrechen, denn der Treibstoffnachschub durch die Wüste brach zusammen. Am 23. Oktober ging General Bernard L. Montgomery (1887–1976) zum Gegenangriff über; bald durchbrachen Briten die deutschen Stellungen. Zehntausende gerieten in Gefangenschaft. Gegen den Willen Hitlers befahl Rommel den Rückzug nach Tunesien. In einem erst vor wenigen Jahren aufgefundenen Taschenkalender notierte SS-Chef Heinrich Himmler am 10. Dezember 1942 ungeachtet der Niederlage in El-Alamain: "Juden in Frankreich 600 bis 700.000 abschaffen." In diese hohen Zahlen hatte er auch die Juden in Frankreichs Afrikakolonien Algerien, Marokko und Tunesien eingerechnet.

Der Kalendereintrag wirft möglicherweise auch ein neues Licht auf die Ankunft eines hundert Mann starken SS-Kommandos unter der Leitung von Obersturmbannführer Walther Rauff (1906– 1984) in Tunis im November desselben Jahres. Rauff war einer jener NS-Schergen, die den Holocaust auch als technische Herausforderung sahen. Er hatte Lkws als Vergasungswagen für die SS-Mordkommandos in Osteuropa umrüsten lassen. Und auch seine Männer schienen "handverlesen" – und von ihrer "Mission" überzeugt zu sein. "Rauffs Trupp war sehr jung, die meisten waren schon auffällig früh NS-Organisationen beigetreten. Das waren alles hartgesottene Nazis", befand der Historiker Klaus-Michael Mallmann von der Universität Stuttgart.

Wehrmachtssoldaten plünderten durch das jüdische Viertel von Tunis

Advent 1942. In der Avenue de Paris, einer der Prachtstraßen von Tunis, requiriert der SS-Kommandeur eine jüdische Villa als Hauptquartier. Dort errichtet er sein Schreckensregime. Als die Gemeindeführer nicht innerhalb von drei Tagen 3000 Zwangsarbeiter stellen, droht er ihnen mit gezogener Pistole: "Ich bin mit den Juden in Polen und Russland fertig geworden, ich werde euch hier zeigen, wie das geht!"

Noch am selben Tag, dem 9. Dezember, lässt er die Große Synagoge stürmen und die Gläubigen verhaften. Etwa 5000 Menschen, darunter Kinder, Alte und Kranke, werden auf zwanzig Internierungs- und Arbeitslager aufgeteilt. Die aber unterstehen der Wehrmacht, nicht der SS. Es sind einfache deutsche Soldaten, die den jüdischen Gefangenen die harte und gefährliche Zwangsarbeit an den Frontlinien zuweisen. Wenn die Häftlinge Befehle verweigern, sollten ihre Anführer als Geiseln genommen werden, ordnet General Walther Nehring (1892–1983) an, Befehlshaber der Wehrmacht in Tunesien.

Das Pariser Dokumentationszentrum für jüdische Zeitgeschichte hält weitere Berichte über die Verbrechen Deutscher in Nordafrika bereit: Lagerwärter pressen inhaftierten Juden Geld und Juwelen ab, Wehrmachtssoldaten ziehen nachts plündernd durch das jüdische Viertel von Tunis. Im Januar 1943 haben diese Übergriffe solche Ausmaße angenommen, dass die jüdische Gemeinde ausgerechnet Rauff um Schutz anfleht. Und tatsächlich werden – zumindest für eine kurze Zeit – deutsche Patrouillen zur Sicherung für die jüdischen Quartiere abgestellt.

Wie verzweifelt müssen die Menschen gewesen sein, um denjenigen um Hilfe zu bitten, der Juden in die Lager schickt und unter Androhung von Erschießungen Geld erpresst – bis Kriegsende waren es insgesamt knapp neunzig Millionen Francs. Generaloberst Hans-Jürgen von Arnim (1889–1962), Nehrings Nachfolger in Tunesien, deckt die Erpressungen, indem er auf Plakaten verkünden lässt: "Der Krieg war gewollt und vorbereitet vom internationalen Judentum." Die jüdischen Tunesier hätten also für die Schäden der alliierten Bombenangriffe aufzukommen.

Ein SS-Kommanda erbeutet mehr als hundert Kilogramm Gold

Anfang 1943 deutet sich die deutsche Niederlage in Tunesien bereits an. Am 13. Februar erscheint ein SS-Kommando mit zwei Militärlastern auf der Insel Djerba, die mit einer über 2500 Jahre alten jüdischen Gemeinde als das "Jerusalem Afrikas" gilt. Der damals 21-jährige Rabbiner Bouguid Mamou erinnert sich: "Die Deutschen kamen am Sabbat, während unseres Gebets. Sie forderten fünfzig Kilo Gold, sonst würden sie alles zerstören." Zeitdokumente aus dem genannten Pariser Archiv führen aus, dass die SS den Juden nur zwei Stunden gibt und mit der Erschießung der Gemeindeführer sowie der Bombardierung der Siedlungen droht. Der Großrabbiner handelt rasch: "Jeder Jude, der nur etwas Gold am Leibe trug, musste es abgeben: Halsketten, Ringe, Armbänder – einfach alles." Auch vor der Ghriba-Synagoge, dem ältesten jüdischen Gotteshaus Nordafrikas, machen die Nazis nicht Halt. Sie rauben goldene Gedenkplaketten, persönliche Stiftungen im Gedenken an Verstorbene. Doch laut Augenzeugenberichten aus dem Pariser Archiv kommen nur 43 Kilogramm zusammen. Die SS verlängert ihr Ultimatum daher bis zum folgenden Tag, doch sie kehrt nicht zurück. 48 Stunden später besetzen die Alliierten die Insel.

Auch in die jüdischen Viertel von Sfax, Gabès, Sousse und Tunis schickt Rauff seine Männer. Die örtlichen Wehrmachtskommandanten erleichtern ihnen die Raubzüge durch Ausgangssperren. Auf diese Weise erbeutet das Kommando mehr als hundert Kilogramm Gold von Privatleuten, Goldschmieden, Juwelieren und Bankiers. Allein der Materialwert entspräche heute etwa 1,7 Millionen Euro. Ist das vielleicht der Rommel-Schatz?

Nach allem, was Historiker heute wissen, trug der General keine direkte Mitverantwortung am Goldraub der SS in Tunesien. Klaus-Michael Mallmann recherchierte Akten im Militärarchiv Freiburg und beim Auswärtigen Amt. Er fand keinen Beleg für einen Befehl Rommels, der Rauffs Kommando in irgendeiner Weise unterstützt hätte. "Wahrscheinlich haben sich die beiden nie getroffen." Als General Nehring und Walther Rauff Anfang Dezember 1942 die Arbeitslager in Tunis organisierten, befand sich der "Wüstenfuchs" immer noch auf dem Rückzug von El-Alamein. Die kläglichen Reste seines Afrikakorps mussten immerhin mehr als 3200 Kilometer zurücklegen. Erst im Januar 1943 erreichte Rommel die Grenze und verschanzte sich einen Monat später hinter der so genannten Mareth-Linie, einen mit Bunkeranlagen gespickten Verteidigungsgürtel im Süden des Landes. Anfang März beorderte Hitler seinen General zurück, damit dessen Siegerimage nicht unter der absehbaren Niederlage Schaden nähme. Gerade noch rechtzeitig: Am 13. Mai 1943 ergab sich das deutsche Afrikakorps.



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