Erwin Rommel Auf der Jagd nach dem Schatz des "Wüstenfuchses"

Von Jean-Christoph Caron

3. Teil: Klaus Keppler ist Rommels Schatz dicht auf den Fersen


Ist also der Rommel- in Wirklichkeit ein Rauff-Schatz? Dokumente des US-Geheimdienstes aus der unmittelbaren Nachkriegszeit liefern Hinweise, dass das von tunesischen Juden geraubte Gold in der Tat nie in Deutschland ankam, tatsächlich aber nach Korsika gelangte. Bislang hieß es zumeist, Rauff sei kurz vor der Kapitulation nach Italien geflogen und Anfang September zum Kommandeur der SS-Sicherheitspolizei über "Oberitalien-West" nach Mailand berufen worden. Was geschah in den vier Monaten dazwischen? Im November 2006 wurde ein Geheimdokument aus dem Archiv der CIA für die Öffentlichkeit freigegeben, das belegt: Rauff leitete von Juli bis zum 8. September 1943 einen Trupp der SS-Sicherheitspolizei auf Korsika, darunter dreißig seiner Männer aus Afrika. Ein Zeuge berichtete dem amerikanischen Geheimdienst nach dem Krieg jedoch, der Obersturmbannführer sei in Zivil und mit einem gefälschten französischen Pass eingereist. Ein offizieller Kommandoantritt sieht anders aus – Rauff kam in geheimer Mission.

Nach dem Krieg vermutete der Abt des Kapuzinerklosters St. Antoine, dass die SS den Goldschatz zeitweise in seinem Kloster versteckt habe, denn die Mönche hatten nach Abzug der Nazis einige leere Kisten entdeckt. St. Antoine liegt oberhalb der korsischen Hafenstadt Bastia und hätte zahlreiche Versteckmöglichkeiten geboten. Ein weiteres Indiz, aber noch kein schlagender Beweis.

Anfang September 1943 verstärkten die Alliierten ihre Fliegerangriffe auf die Insel, am 20. des Monats begannen die deutschen Truppen mit der Evakuierung. In der Hafenstadt La Spezia, die Korsika auf dem italienischen Festland gegenüberliegt, fiel einem britischen Sonderkommando beim Sturm auf das deutsche Hauptquartier ein Dokument in die Hände, dessen Bedeutung erst Peter Haining erkannte: Es berichtet von sechs Metallkisten voller Gold und Silber, die verloren gingen und nun vor der korsischen Küste liegen.

Kirners Karte war falsch

Die Schatzlegende hat also einen wahren Kern. In die Welt setzte sie der mittlerweile verstorbene SS-Mann Walter Kirner, der sich zeitweise den Decknamen Peter Fleig gab. Am 3. Juni 1948 nahmen ihn französische Grenz-Gendarmen bei der Einreise in die Militärzone Korsikas fest. Er gab sich als tschechischer Geschäftsmann aus. Als die Polizisten seine SS-Blutgruppentätowierung entdeckten, gab er zu Protokoll, um den 10. September 1943 für die SS Gold aus Afrika in sechs Metallkisten verschweißt und vor der Insel versenkt zu haben.

Kirner präsentierte eine Art Karte, die auf vergilbtem Millimeterpapier den Küstenverlauf mit Zahlenangaben zeigte. Französische Regierungsstellen finanzierten noch im gleichen Jahr eine Tauchexpedition, bei der ihr Informant als Taucher zwangsverpflichtet wurde. Doch die Suche blieb ergebnislos. Ein deutscher Journalist wies Anfang der 1960er Jahre nach, dass Kirner im Spätsommer 1943 gar nicht auf Korsika gewesen sein konnte – er hatte verletzt in einem Lazarett in der Sowjetunion gelegen. Kirner hatte offenbar gelogen, waren seine Karten also falsch? Doch warum nahm er dann nach dem Krieg Tauchunterricht? Möglicherweise hatte der SS-Mann die Unterlagen von einem anderen erhalten, als einfacher Straßenarbeiter vermochte er die Skizzen und Zahlenangaben darauf aber nicht zu deuten.

Jahrzehntelang um immer neue Geldgeber bemüht, streute Kirner Gerüchte: "Schmuck, Edelsteine, religiöse Objekte und Gold – etwa vier Tonnen schwer." Immerhin decken sich die Angaben über die Art der Schätze mit denen jüdischer Dokumente. Die Halbwahrheiten machten seit den 1950er Jahren Schlagzeilen. Im März 1956 brachte eine deutsch-italienische Produktion sogar einen Spielfilm über den Rommel-Schatz in die Kinos.

Doch trotz aller Anstrengungen liegen die Kisten wohl noch heute vor Korsikas Küste auf dem Meeresgrund. Deutschlands wohl erfolgreichster Profi-Schatzsucher Klaus Keppler ist sicher: "Wenn jemand dort mehrere schwere Schatzkisten bergen würde, dann wäre das kaum zu verheimlichen." Damit meint er nicht nur wachsame korsische Zöllner. Der amerikanische Millionär Edwin Link und der irische Lord Kilbracken gerieten auf ihrer Expedition 1963 wohl ins Visier der damals berüchtigten korsischen Mafia. Sie sandte einen Drohbrief: "Der Schatz gehört uns! Halten Sie sich von Korsika fern!"

Klaus Keppler schreckt das nicht. Seit mehr als dreißig Jahren forscht er nach dem Rauff-Schatz, zuletzt, aber nicht zum letzten Mal, im Februar 2007. Der Schatztaucher sammelte bereits Erfahrung im südchinesischen Meer. Dort barg er Porzellan, Silber und Gold aus einer vor Jahrhunderten versunkenen Dschunke. Er entdeckte auch ein Schiffswrack des legendären Piraten Henry Morgan vor Haiti. Dazu investierte Keppler in moderne Technik, etwa ein Side-Scan-Sonar, das den Meeresboden mit Ultraschallimpulsen nach ungewöhnlichen Strukturen abtastet, sowie ein Cäsium-Magnetometer, mit dem sich Metallobjekte selbst unter einer dicken Sandschicht finden lassen.

Die Schatzsuche geht weiter

Vor allem aber erwarb er ein Familienfoto aus dem Nachlass Walter Kirners. Es war in ein Album eingeklebt, sodass jahrzehntelang niemand die Skizze auf der Rückseite bemerkt hatte: ein dreieckiges Areal mit Peilzahlen. Keppler ist überzeugt, die originale Schatzkarte in den Händen zu halten – während Kirners Skizze auf Millimeterpapier nur eine fehlerhafte Kopie war. Nach seinen Berechnungen verweist die Zeichnung entweder auf ein Gebiet südlich der Hafenstadt Bastia an der Mündung des Flusses Golo oder auf eines weiter nördlich am Cap Corse. Tatsächlich entdeckte sein Team bei der diesjährigen Kampagne nicht nur Wracks amerikanischer Jagdbomber und eines deutschen Torpedobootes, düstere Zeugnisse der heftigen Luftangriffe auf die deutschen Stellungen Korsikas. Das Magnetometer meldete auch mehrere größere Metallobjekte im Meeresboden. Doch bevor die Taucher dem nachgehen konnten, zwangen stürmische Winde das Schiff in den sicheren Hafen. Auch in den Folgetagen blieb die See meist rau, Keppler musste das Unternehmen abbrechen. Für dieses Jahr.

Erwin Rommel setzte seinem Leben im Oktober 1944 mit einer Giftkapsel ein Ende, denn ansonsten hätte er sich wegen einer angeblichen Beteiligung am Stauffenberg-Attentat vor dem Volksgerichtshof verantworten müssen. Ein letztes Mal bediente sich die Nazi-Propaganda seiner Person und verklärte den Suizid zum tragischen Tod des Helden bei einem Tieffliegerangriff.

Mehr Glück hatte Walther Rauff. Im Mai 1945 in Mailand verhaftet, gelang ihm doch wenig später die Flucht nach Chile. Dort starb er 1984, ohne jemals zur Verantwortung gezogen worden zu sein. Rauff war williger Teil eines Unternehmens, dessen Ziele und Unmenschlichkeit noch immer nicht im vollen Ausmaß begriffen werden – die Vernichtung der jüdischen Gemeinden, nicht allein in Deutschland oder Europa, sondern auch auf fernen Kriegsschauplätzen. Dass jetzt Ansprüche ehemaliger Zwangsarbeiter aus Nordafrika auf den Wiedergutmachungsfond der Bundesregierung akzeptiert wurden – nicht zuletzt gestützt auf die jüngsten Forschungsergebnisse von Journalisten und Historikern – hat angesichts der wenigen noch lebenden Betroffenen eher eine symbolische Bedeutung: Erstmals offiziell anzuerkennen, dass Deutsche auch in Afrika Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen.

Der Historiker Jean-Christoph Caron ist Autor und Redakteur zahlreicher Fernsehdokumentationen, unter anderem auch eines ZDF-Berichts zu "Rommels Schatz".



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