Erwin Rommel Auf der Jagd nach dem Schatz des "Wüstenfuchses"

Gold und Silber liegen vor Korsika auf dem Meeresgrund - so das Gerücht. Angeblich alles Kriegsbeute aus Nordafrika, aus dem Krieg Erwin Rommels, dem "Wüstenfuchs" Hitlers. Wer der Legende auf den Grund geht, findet sich unversehens im dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte wieder: dem Holocaust.

Von Jean-Christoph Caron


Spätsommer 1943. In einem abgelegenen Kloster auf Korsika schuften deutsche Soldaten. Tonnen von Gold, Silber und Juwelen verpacken sie in Munitionskisten, Kriegsbeute aus Afrika. Dann werden die Kisten wasserdicht versiegelt und auf einen Frachter geladen, Kurs Deutschland. Dort aber kommt der "Rommel-Schatz" niemals an. Er wurde versenkt. Eine Variante der Geschichte lautet: Weil einige Soldaten ihn dann in ruhigeren Zeiten für sich bergen wollten. Eine andere: Weil Jagdbomber angriffen, bot ein gezieltes Versenken mehr Sicherheit für die Kisten. Übereinstimmend sind die Varianten der bei Schatzsuchern beliebten Legende nur in einem: Rommels Schatz stammt aus Nordafrika.

Erwin Rommel: Woher stammte sein Schatz - und wo ist er jetzt?
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Erwin Rommel: Woher stammte sein Schatz - und wo ist er jetzt?

Nun ist es aber mit einer Kriegsbeute so eine Sache – man erhält sie nicht ohne Raubzüge und Plünderungen. Das aber passt kaum ins Bild des deutschen Afrikakrieges (1941–1943). General Erwin Rommel (1891–1944) gilt vielen noch heute als untadeliger Befehlshaber. Ein Image, an dem schon die NS-Propaganda arbeitete, die den "Wüstenfuchs" zum bravourösen Militärstrategen auf einem exotischen Kriegsschauplatz stilisierte.

Doch das Ringen um die Herrschaft in Nordafrika war eines sicher nicht: ein "sauberer" Krieg, ein Kampf in menschenleerer Wüste, ohne Opfer unter der Zivilbevölkerung. So starben bei mehr als dreitausend Bombardements tausende libyscher Zivilisten, zumeist in den bevölkerungsreichen Küstenstädten, betont der Historiker Ahmed Gallal von der Universität in Bengasi. Die schwersten Luftangriffe gingen auf Rommels Befehl von April bis Juni 1942 auf das zur Festung ausgebaute Tobruk nieder, das seinen Vormarsch nach Ägypten und Palästina blockierte. Doch auch abseits der Städte lauerte der Tod. Da insbesondere die weiten Ebenen Ostlibyens kaum zu kontrollieren waren, legten beide Kriegsparteien Minen aus, Gallal zufolge mehr als zwei Millionen. "Das war das größte Minenfeld weltweit. Ganze Landstriche im Umland von Tobruk sind allein durch Öle und Sprengstoffreste bis heute vergiftet."

War das deutsche Afrikakorps aber auch an Plünderungen beteiligt? Gerüchte, die im Internet kursieren, scheinen die Wehrmacht zu entlasten. Demnach bezöge sich die Legende vom Schatz auf jene rund 211 Tonnen Feingold, die belgische, luxemburgische und französische Banken im Juni 1940 von Paris nach Französisch-Westafrika (dem heutigen Senegal) gesandt hatten, um sie vor den anrückenden Deutschen in Sicherheit zu bringen. 1997 schon wurden aber Mikrofilme von Akten der deutschen Reichsbank wiederentdeckt, die zeigen: Binnen Monatsfrist nach dem Einzug in Paris hatte Hitler dem Vichy-Regime den Rücktransport des Edelmetalls befohlen; ab September 1940 ging das Gold in insgesamt 4944 Kisten für mehr als anderthalb Jahre auf eine abenteuerliche Reise von Dakar nach Berlin, wo es am 26. Mai 1942 eintraf.

Woher könnte Rommels Schatz sonst stammen? Es gibt weitere Erklärungsversuche. Nordafrika war in der Antike ein blühender Landstrich gewesen. Hermann Göring fand Geschmack an den Kunstschätzen Libyens, als er 1939 der Hauptstadt Tripolis und bei dieser Gelegenheit auch Leptis Magna einen Besuch abstattete, einst eine der reichsten Metropolen des Römischen Reichs. Im Libyen der Kriegszeit herrschte das mit Deutschland verbündete Italien, und wenige Monate nach der Visite erhielt der Reichsluftfahrtminister eine lebensgroße römische Venusskulptur als Geschenk.

Die Raubgüter aus Afrika sollten das "Führermuseum" füllen

Doch mit solch wertvollen Gaben sollte bald Schluss sein. Im September 1940 attackierte Italien von Libyen aus das unter britischer Verwaltung stehende Ägypten. Vernichtend geschlagen, mussten sich die Faschisten zurückziehen und suchten die Unterstützung Deutschlands. Und der "Führer" ließ den Duce nicht hängen: Erwin Rommel erhielt 1941 den Oberbefehl über die deutschen Truppen. Er hatte sich bereits in zahlreichen Schlachten ausgezeichnet, vor allem durch seinen Mut, Angriffe persönlich zu leiten – "Wo Rommel ist, ist vorn", lautete ein geflügeltes Wort.

Rommels Krieg in Nordafrika

Rommels Krieg in Nordafrika

Bald nach Kriegseintritt des Afrikakorps stritten sich Italien und die NS-Führung um die zu erwartende Beute. Hitler stellte die Bedingung, sie solle dem zukommen, der sie gemacht habe. Er hatte offenbar auch schon konkrete Pläne für die Verwendung. Der britische Journalist Peter Haining fand kürzlich heraus, dass NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop im Juni 1941 ein SS-Kommando nach Libyen schickte, um Juden dort Gemälde, Kunstobjekte, Silber- und Goldmünzen zu rauben. Die blühende Gemeinde mit etwa 38.000 Mitgliedern unterhielt allein in Tripolis 44 Synagogen.

Haining entdeckte Dokumente, die belegen: Die Raubgüter aus Afrika sollten das "Führermuseum" füllen, das Hitler im österreichischen Linz, der Stadt seiner Jugend, errichten wollte. Ein überraschender Befund, dachten Historiker doch bislang, Raubzüge für Hitlers Museum hätten sich auf Europa beschränkt. Dennoch führt auch dieses Vorhaben nicht zum Rommel-Schatz: Ein leitender Mitarbeiter des "Sonderauftrags Linz" notierte, Ribbentrops SS-Beute habe Berlin erreicht.

Indizien für weitere deutsche Verbrechen in Libyen präsentierte bereits 1995 Maurice Roumani, Professor für Geschichte an der Ben Gurion University in Israel. Als die faschistischen Streitkräfte im Januar 1942 die libysche Hafenstadt Bengasi von den Briten zurückeroberten, plünderten deutsche Soldaten gemeinsam mit arabischen Kollaborateuren das örtliche Judenviertel, so Zeitzeugen. Dabei dürften die Eindringlinge allerdings nur mäßigen Erfolg gehabt haben, denn Ahmed Gallal hört oft folgende Geschichte: "Die Juden im Nordosten Libyens haben Gold und Silber auf ihren Friedhöfen vergraben, sei es mit den Toten oder in leeren Särgen." Nach dem Sieg der Alliierten sollen die Überlebenden ihre Reichtümer wieder aus den Gräbern zurückgeholt haben. Viele hatten allerdings nicht mehr dieses Glück: Anfang 1942 begannen die Italiener, knapp fünftausend libysche Juden in Internierungs- und Arbeitslager umzusiedeln. Allein in einem Lager unweit von Tripolis starben über 560 Menschen binnen weniger als drei Monaten an Entkräftung, Hunger und Epidemien.



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