Psychologie (Richtiger) Elternstreit ist gut fürs Kind

"Nicht vor den Kindern!" sagen Eltern, wenn es fies wird zwischen ihnen. Vielleicht zu Unrecht, zeigen neue Studien: Vor Kindern zu streiten, kann gut sein - wenn man es richtig macht.

Richtiger Elternstreit: nicht angenehm, aber auch nicht schädlich
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Richtiger Elternstreit: nicht angenehm, aber auch nicht schädlich

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Mutter schreit, Vater brüllt und im schlimmsten aller Fälle gehen Dinge zu Bruch oder werden Menschen verletzt: Es gibt kaum etwas, was ein Kind mehr traumatisieren kann als Streit und Gewalt im intimen Verbund der Familie.

Viele von uns wissen das, haben es selbst erfahren. Kein Wunder, dass der Satz "Nicht vor den Kindern!" vielleicht schon seit der Steinzeit kulturübergreifend geteilt wird. Eltern, denen das Wohl ihres Nachwuchses am Herzen liegt, versuchen, diesen davor zu schützen, die negativen Aspekte einer zwischenmenschlichen Beziehung zu früh mitzubekommen.

Das Problem ist nur: Streit ist normal, und ihn nicht auszuleben ist das nicht.

Und das, behaupten aktuelle Studien, bekommen auch die Kinder mit. Wie so oft beim Thema Erziehung geht es hier um Echtheit: Die "dicke Luft" spürt das Kind schon, wenn sich der Streit unterschwellig aufbaut. Das Kind die Austragung und Lösung des sich anbahnenden Konflikts nicht miterleben zu lassen, kann bedeuten, dass es weder den Streit richtig deutet, noch lernt, wie man mit so einem Konflikt umgeht. Im schlimmsten Fall glaubt das hinausgeschickte Kind, Grund für den Streit zu sein oder dass die Stabilität der Familie bedroht sei.

Im Zweifelsfall, behaupten nun die Psychologinnen Helena Rose Karnilowicz, Sara F. Waters und Wendy Berry Mendes in einer im Journal "Emotion" veröffentlichten Studie, schadet das alles den Kindern mehr, als einen richtigen Streit der Eltern zu erleben. Mehr noch: Ein richtiger Elternstreit, behaupten die Autorinnen, sei sogar gut für die Kinder.

Worauf es ankomme, sei vor allem eine angemessene Streitkultur. Denn natürlich wirke ein Übermaß an verbaler oder sogar physischer Gewalt traumatisierend. Da Kinder vor allem am Modell lernten, präge so ein Umgang miteinander auch das Verhalten des Kindes. Negative Emotionen seien quasi ansteckend - auch wenn man versuche, sie zu verbergen.

Unechtes Verhalten stresst Kinder

Ob der natürliche, in jeder Beziehung irgendwann unvermeidliche elterliche Streit dem Kind schade oder mittelfristig sogar nutze, hänge vor allem davon ab, wie die Eltern streiten - und ob und wie sie das dem Kind erklären. Im Zweifelsfall wirkten gereizte, aber "echt" agierende Eltern positiver auf ein Kind als Eltern, die versuchen, ihre negativen Emotionen zu verbergen.

Und das wiesen die Forscherinnen sogar im Experiment nach: Sie setzten 109 Eltern intensivem Stress aus und konfrontierten sie im direkten Anschluss mit der Aufgabe, unter Anleitung ihrer Kinder, die selbst nicht eingreifen durften, ein bestimmtes Objekt aus Lego zu bauen - eine Aufgabe, die alle Beteiligten zu enger Kooperation zwingt. Eine Gruppe der Eltern bekam dazu keine weiteren Instruktionen. Die andere wurde aufgefordert, ihre Emotionen so weit wie möglich vor dem Kind zu verbergen. Alle Beteiligten wurden beobachtet und ihre mit Stress assoziierten Körperfunktionen überwacht.

Das Resultat: Die "echt", im Zweifelsfall also auch ungeduldig oder gereizt agierenden Eltern kooperierten enger und effektiver mit ihren Kindern als die Kontrollgruppe, die versuchte, "beherrscht" zu agieren, also ihre negativen Emotionen nicht zu zeigen. Mehr als das: Der Stress und Unmut der "unecht" agierenden Eltern übertrug sich auf deren Kinder - sie spürten, das etwas "nicht richtig" war.

Mit einer geschlechtsspezifischen Ausnahme: Die Kinder reagierten stärker darauf, wenn ihre Mütter ihre Gefühle unterdrückten, als wenn dies ihre Väter taten. Waters und Kolleginnen gehen davon aus, dass sich darin kultur- und geschlechtsspezifische Verhaltensmuster und -erwartungen spiegeln. Dass Männer ihre Gefühle unterdrücken, wird von den Kindern offenbar als "normaler" verbucht, als wenn dies Frauen tun.

Für Sara Waters und ihre Kolleginnen sind all das logische Ergebnisse mit Implikationen für das tägliche Miteinander von Eltern und Kindern. In angemessener Dosis störten negative Emotionen das Verhältnis von Eltern und Kindern nicht und seien für den Nachwuchs unschädlich - sie tragen dazu bei, eine Situation als "echt" zu erleben. Das bedeute für Erziehende aber auch, dass sie selbst lernen müssen, richtig zu streiten: der Konflikt und seine Lösung brauchen Regeln und Grenzen.

Wie streitet man richtig?

Negative Emotionen, argumentiert Psychologin Sara Waters in einer Presseerklärung zur Veröffentlichung der Studie, müsse man eben "auf gesunde Weise" zu äußern lernen. Wer kultiviert streite, könne seine Kinder dabei auch Zeuge sein lassen: das Kind lerne so, wie sich Streit aufbaut, wie man mit Streit umgeht und im Idealfall den Konflikt am Ende löst.

Dazu braucht es im Beziehungsstreit - wie bei jedem anderen Kampfsport - Regeln.
Hier ein paar Vorschläge für Streit in ansonsten intakten Beziehungen:

  • Streite über die Sache, bekämpfe nicht den anderen.
  • Werde nicht zu laut.
  • Keine Beleidigungen und persönliche Angriffe.
  • Fluchen und emotionales Feedback ist okay, wenn es sich auf die Sache, nicht auf die Streitenden bezieht ("Dieser Mist macht mich so wütend!").
  • Halte Abstand: jede Körperlichkeit ist im Streit tabu.
  • Streite mit Respekt, höre auch zu.
  • Antworte auf Argumente und Vorwürfe.

Ist all das emotional nicht machbar, sollte man die Situation durch eine zeitlich-räumliche Unterbrechung deeskalieren: "Das scheint jetzt keinen Zweck zu haben, wir reden weiter, wenn wir alle etwas abgekühlt sind". Wenn das Kind schon Zeuge des Konflikts war, sollte man es auch an dessen Lösung teilhaben lassen (also zumindest erklären, zu welcher Lösung es gekommen ist).

Man sollte dem Kind vermitteln, dass Menschen eben ab und an miteinander streiten und dass Streit die Beziehungen in der Familie nicht infrage stellt. Schafft man es nicht, zu so einer Streitkultur zu finden oder beginnt Streit die generelle Stimmung in der Familie zu prägen, sollte man sich Hilfe suchen.

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