Erziehung Lasst eure Kinder frei!

Die Hälfte der deutschen Kinder ist noch nie auf einen Baum geklettert, und der "Economist" fordert kürzere Sommerferien. Da gibt es einen Zusammenhang.

Kletterndes Mädchen
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Kletterndes Mädchen

Eine Kolumne von


"Sie kommen an einem schwülen Augustabend von der Arbeit nach Hause. Ihr ungewaschener Teenager-Sohn sitzt auf dem Sofa und spielt Fortnite, so wie die vorangegangenen acht Stunden auch. Ihre Tochter scrollt durch Instagram und reagiert auf ihre Ankunft nur mit einem mürrischen Knurren. Nicht zum ersten Mal fragen Sie sich: Warum sind die Sommerferien so unerträglich lang?"

Aus dem "Economist" vom 11. August 2018

Im Rückblick betrachtet, waren meine Eltern verantwortungslose Leute, jedenfalls, wenn man den heutigen Zeitgeist als Maßstab anlegt. Warum? Weil sie meine Geschwister und mich allein zur Schule und nach Hause gehen ließen.

Ich habe an meinen Schulweg als Kind sehr positive Erinnerungen. Auf dem Rückweg blieben ein Freund und ich immer vor dem Schaufenster des lokalen "Quelle"-Shops stehen und bewunderten die Digitaluhren im Schaufenster. Bei einem Tante-Emma-Laden kauften wir im Sommer in Zeitungspapier eingewickeltes Stangeneis in Plastikhülle, zehn Stück für eine Mark, und vernichteten sie, bis wir zu Hause ankamen. Wir balancierten auf Vorgartenmäuerchen und pfiffen um die Wette. Angst hatten wir nie.

Unsere Welt wird immer ungefährlicher

Das alles durften wir, obwohl die Welt für Kinder damals viel gefährlicher war als heute. In den Siebzigern gab es noch 16 bis 18 Sexualmorde an Kindern pro Jahr, heute sind es zwei bis vier. 1980, als ich zu Fuß zur Schule und nach Hause ging, starben 1159 Kinder unter 15 im Straßenverkehr. 2016 waren es 66.

Ich kenne Eltern, die es unverantwortlich finden, ein Grundschulkind in seinem eigenen Wohnviertel eine beliebige Wegstrecke unbeaufsichtigt zurücklegen zu lassen. Vor der lokalen Grundschule gibt es jeden Tag einen Stau, weil Eltern ihre Kinder die 800 Meter von zu Hause bis zum Unterricht fahren, statt sie zu Fuß gehen zu lassen. Im gleichen Maß, in dem die Risiken für Kinder in der Realität abnehmen, wachsen offenbar die Ängste von Eltern.

Das hat, wie so oft, mit der Verfügbarkeitsheuristik zu tun: Weil über Entführungen und Kindsmorde heute so exzessiv berichtet wird, fällt es den Leuten leicht, sich an Gewalttaten gegen Kinder zu erinnern. Und was leicht aus dem Gedächtnis abgerufen werden kann, wird als wahrscheinlicher wahrgenommen.

Ermordete Kinder sind so effektiv emotional

Nicht allein journalistische Berichterstattung ist der Grund für die gefühlten Risiken. Meine Vermutung ist, dass es zwischen fiktionalen und realen Kindsmorden und -entführungen kaum Unterschiede gibt, was die Wirkung der Verfügbarkeitsheuristik angeht.

Wenn Sie sich gelegentlich Filme oder Fernsehserien ansehen, insbesondere Krimis, dann haben Sie in den vergangenen Jahren vermutlich zahlreiche schauerliche Geschichten über entführte und ermordete Kinder durchlebt. Da hat sich meiner Wahrnehmung nach etwas verschoben: Früher wurden die entführten Kinder im Kino am Ende meist gerettet. Heute ist ein ermordetes Kind als maximal emotionalisierender Ausgangspunkt einer TV-Serie ein gängiges Stilmittel.

Viele dieser auf Elternhorror zielenden Produktionen sind handwerklich hervorragend. "Broadchurch" zum Beispiel, eine Serie, in der das Leid der Familie eines ermordeten Jungen so plastisch und überzeugend dargestellt wird, dass Zuschauer, die selbst Eltern sind, es kaum ertragen. Oder "The Killing", das nach dem gleichen Muster funktioniert. Ich bin sicher, Ihnen fallen spontan noch mehr Beispiele ein.

Es kann das eigene Kind doch jederzeit treffen

In Spielfilmlänge ist Hollywood da bis heute oft gnädiger, aber an dem Narrativ, dass es das eigene Kind jederzeit treffen kann, arbeitet auch die klassische Filmbranche tatkräftig mit. Der Schauspieler Liam Neeson zum Beispiel hat mittlerweile drei Filme mit dem Titel "Taken" gedreht, in zweien davon wird seine Tochter entführt. Til Schweiger hat als "Tatort" eine Art Remake davon produziert. Mittlerweile gibt es auch eine "Taken"-Fernsehserie. Das Geschäft läuft.

Ich glaube, dass die Unterhaltungsbranche hier von einer ähnlichen Motivation angetrieben wird wie der Journalismus, und ähnliche Mechanismen bedient wie soziale Medien, die Inhalte algorithmisch sortieren: Maximale emotionale Wucht verspricht maximale Aufmerksamkeit. Und was könnte emotionalisierender sein als ein entführtes oder gar ermordetes Kind?

Diese Angstmachmaschine trägt offenbar dazu bei, dass Eltern heute bereit sind, ihren Kindern Freiheit und Unabhängigkeit zu nehmen, um vermeintliche Sicherheit herzustellen. Im "Economist" waren gerade ein Artikel und ein Meinungsstück mit der These zu lesen, man solle die Sommerferien kürzen, weil die Kinder in all der freien Zeit sich doch ohnehin nur langweilen und zudem noch ein Drittel dessen vergessen würden, was sie im vorangegangenen Schuljahr gelernt haben. Das obige Zitat stammt aus diesem Text.

Wer beim Ballett ist, wird nicht ermordet

Zum einen finde ich die darin vertretene Ökonomisierung von Kindheit und Jugend sehr unerfreulich. Zum anderen behaupte ich: Wenn Jugendliche nichts mit sich anzufangen wissen, dann hat das nicht zuletzt damit zu tun, dass man ihnen ihre gesamte Kindheit über verwehrt hat, sich frei zu bewegen. Sich selbst eine Beschäftigung zu suchen, allein Freunde zu besuchen und so weiter.

Der durchreglementierte Alltag der Kinder von heute hat ja auch mit diesen Ängsten zu tun: Wer beim Töpferkurs oder beim Ballett ist, wird wenigstens nicht entführt. Nichts gegen Ballettunterricht oder Töpferkurse - aber könnten die Kleinen da nicht vielleicht mit dem Fahrrad hinfahren?

Kinder, die sich an der frischen Luft aufhalten, sind zufriedener, fitter, können sich besser konzentrieren, sind weniger anfällig für Allergien und so weiter. Trotzdem sind sehr viele deutsche Kinder in ihrem Leben noch nie allein auf einen Baum geklettert - 2015 war es knapp die Hälfte. Bei manchen liegt das sicher daran, dass sie in Großstädten wohnen und es für sie schwierig ist, echte Natur auf eigene Faust zu erreichen. Bei anderen hat es wohl eher mit den Ängsten der Eltern zu tun.

Ich kann die moderne Angst ums Kind emotional gut verstehen. Es gibt kaum einen schrecklicheren Gedanken als den, dass dem eigenen Kind etwas passieren könnte. Es erfordert eine bewusste Anstrengung, diese Angst zu überwinden. Der durchschnittliche Bewegungsradius von Kindern hat sich seit den Sechzigern von mehreren Kilometern auf etwa 500 Meter reduziert, während die Risiken, denen sie tatsächlich ausgesetzt sind, immer weiter abgenommen haben.

Es wird Zeit, die Kinder wieder freizulassen.

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insgesamt 171 Beiträge
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eliaskg 19.08.2018
1. Danke.
Wo darf ich unterschreiben? Bin selbst Papa von 2 Kita-Kindern. Und gebe zu, dass es einfacher ist zu behüten und zu vermeiden als loszulassen. Beim klettern auf Bäume (in unserem Garten) gibt's allerdings eine Regel: angezogen, T-Shirt, Hose, mindestens Sandalen. :-)
awes 19.08.2018
2. Kindheitserinnerungen
.... die allerschönsten sind die, in denen ich mit meinen Freunden durch unser Viertel und die Natur gestreift bin. In den Sommerferien lautete die einzige Regel meiner Eltern, wenn die Straßenlaternen angehen, kommst du nach Hause. Heute bin ich 52 J und in der Natur zu sein ist neben Freunden meine wichtigste Ressource. Ich war als Frau alleine 3 Wochen wandern in Ungarn. Diese Unerschrockenheit verdanke ich meinen Eltern.
thefishtf 19.08.2018
3. Ursache
Ich bin ganz der Meinung des Autors, dass sich die heutige Vorsicht nicht lohnt. Aber wie ist der Rückgang an Unfällen zu erklären, wenn nicht durch Vorsicht? Fette SUVs schützen eher die Insassen, als das Kind auf dem Schulweg. Ich hoffe auch, dass andere Faktoren eine wichtigere Rolle spielen, aber welche das genau sind wäre mal interessant zu beleuchten.
joe_ann 19.08.2018
4. Trifft den Nagel auf den Kopf
Sehr guter Artikel. Viele befreundete Eltern umschwirren ihre Kinder wie eine Wespe ein Honig-Brötchen im Spätsommer. Wir sagen so oft ''lasst sie doch einfach mal machen''. Oft erreicht man damit auch das Gegenteil- ein Kleinkind von Freunden ist wahrscheinlich noch nie hingefallen, zumindest so,dass es geschmerzt hätte, weil immer Mama oder Papa als Sicherheitsnetz fungiert. Und ich habe noch nie ein Kind derart respektlos auf Treppen zu stürzen sehen.
soerenschein 19.08.2018
5. Angst vor sozialem Druck
Der soziale Druck, der auf Eltern liegt, ist riesig. Kinder sind keine Maschinen und nicht jedes Verhalten ist zu 100% kontrollierbar, also greift man erzieherisch ein, sobald eine Verhaltensweise nicht angemessen ist (z. B. Ermahnen im Restaurant usw.) Ich habe zwei Erfahrungen gemacht: benimmt sich das eigene Kind daneben und man erhebt ein wenig die Stimme und greift ein, so mischen sich andere Leute gerne ein, weil sie das Eingreifen als zu streng empfinden. Ist man in den Augen anderer Menschen zu nachsichtig und lässt das Kind einfach mal Kind sein, bekommt man ebenfalls den sozialen Druck seiner Mitmenschen zu spüren. Ebenso verhält es sich mit der Freiheit, die man Kindern gewährt oder eben nicht. Egal, was man macht, als Elternteil ist man in der Deutschen Gesellschaft der Schuldige. Das führt zur Vermeidung sozialer Situationen und zur verstärkten Kontrolle der eigenen Kinder. Übt weniger Druck auf uns Eltern aus und wir können endlich wieder loslassen!
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