Erziehungstipps Kinder, seid doch nett!

Erfolgreich, glücklich, fürsorglich - so wünschen Eltern sich ihre Kinder. Doch eine Studie aus den USA zeigt, dass eine Generation leistungshungriger Egoisten heranzuwachsen droht. Psychologen geben Tipps für eine bessere Erziehung.

Kinder: Wie wird ein Mensch erfolgreich und fürsorglich?
Corbis

Kinder: Wie wird ein Mensch erfolgreich und fürsorglich?

Von Nora Schultz


Mehr als 10.000 Schüler hatten die Wissenschaftler in den USA befragt. Sie wollten wissen, was den 12- bis 18-Jährigen am wichtigsten sei: für andere da zu sein, gute Leistungen zu erbringen oder sich glücklich zu fühlen? Das Ergebnis findet Studienleiter Richard Weissbourd von der Harvard University in Cambridge "ernüchternd": Nur 20 Prozent der Schüler fanden es am wichtigsten, sich um ihre Mitmenschen zu kümmern. Für die Hälfte zählte dagegen vor allem Leistung, für weitere 30 Prozent das eigene Wohlbefinden.

Weissbourd sorgt sich, "dass die Waagschale der Werte unserer Jugendlichen zu stark ins Ungleichgewicht geraten ist". Für eine Ursache hält er keineswegs die Vernachlässigung der Kinder, die oft angeprangert wird, sondern das Gegenteil: sogenannte Helikopter-Eltern, die ihre Kinder überbehüten, alle eigenen Bedürfnisse denen des Nachwuchses unterordnen und dessen Erfolg und persönliches Glück über alles andere stellen.

Dabei ergeben Studien regelmäßig, dass Charakterstärke, Ehrlichkeit und Freundlichkeit für Eltern ganz oben auf die Liste der Eigenschaften stehen, die sie ihren Kindern mitgeben wollen. Doch beim Nachwuchs kommt offenbar eine andere Botschaft an. 80 Prozent der in Weissbourds Studie befragten Teenager glauben, dass Leistung und persönliches Glück den Eltern wichtiger sind als freundliches Verhalten gegenüber anderen.

"Wenn Eltern ihren Kindern sagen, dass es nur darauf ankommt, ein guter Mensch zu sein, dann aber während des gesamten Abendessens über das neue Auto der Nachbarn oder die Stipendien der Schulkameraden sprechen, merken Kinder natürlich, welche Botschaft wirklich zählt", sagt die Psychologin Madeline Levine, die nicht an der neuen Untersuchung beteiligt war. "Die meisten Eltern wollen zwar freundliche und verantwortungsbewusste Kinder, haben aber Angst, dass ihrem Nachwuchs Nachteile drohen, wenn Leistungsbereitschaft nicht ständig in den Vordergrund gestellt wird."

Was also tun? Weissbourds Team vom "Making Caring Common"-Projekt der Harvard University gibt Eltern vier Tipps für die Erziehung:

1. Fürsorge praktizieren

"Hilfsbereitschaft, Dankbarkeit auszudrücken und auf andere Menschen zuzugehen, kann man genauso üben wie Hausaufgaben oder ein Instrument", sagt Weissbourd.

Das können Eltern tun:

  • Verantwortung übertragen, z.B. für tägliche Hilfe im Haushalt oder Hausaufgabenhilfe für Mitschüler,
  • Engagement fordern und fördern, etwa in gemeinnützigen Projekten,
  • Raum für Dankbarkeit schaffen, beispielsweise als Ritual beim Tischgespräch oder zu besonderen Anlässen.

Das sagen andere:

"Um jungen Leute zu einfühlsamen und verantwortungsbewussten Bürgern zu erziehen, ist nichts wichtiger, als ihnen regelmäßige Gelegenheiten zu geben, Fürsorge und Hilfsbereitschaft selbst zu praktizieren", sagt Roger Weissberg von der University of Chicago.

2. Neue Perspektiven üben

Fürsorglichkeit steht und fällt mit der Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Auch das will geübt werden, erklärt Weissbourd. Sein Team empfiehlt, sowohl das "Heranzoomen" an die Gefühle und Bedürfnisse der Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu trainieren, als auch das "Herauszoomen", also den Blick auf Menschen, die man im Alltag oft übersieht.

Das können Eltern tun:

  • auf Höflichkeit im Umgang mit Fremden bestehen,
  • ihre Kinder dazu ermuntern, neuen Nachbarn oder Klassenkameraden das Einleben zu erleichtern,
  • über die Gefühle und Bedürfnisse Dritter sprechen, etwa anhand von Zeitungsartikeln, Büchern oder Filmen.

Das sagen andere:

"Eltern müssen sehr aufpassen, was sie an ihre Kinder kommunizieren, wenn es um Werte geht", sagt Jean Twenge, Autorin des Buchs "Generation Me". "Wer deutlichmachen will, dass Freundlichkeit und Fürsorge gegenüber anderen wichtig sind, muss den Blick regelmäßig vom eigenen Nabel weglenken."

3. Werte konsequent vorleben

"Eltern müssen das, was sie predigen, natürlich auch selbst praktizieren", sagt Weissbourd.

Das können Eltern tun:

  • den eigenen Kindern zuhören,
  • fair bleiben,
  • sich für die Kinder nachvollziehbar für Andere engagieren.

Das sagen andere:

"Eltern sollten in der Zeit mit ihren Kindern bewusst Themen und Aktivitäten den Vorzug geben, die Empathie und Fürsorge für andere stärken", sagt Psychologin Levine . "Redet nicht über Noten oder materielle Wünsche; das hören die Kinder sowieso schon den ganzen Tag."

4. Kindern dabei helfen, mit negativen Gefühlen klarzukommen

"Sich schlecht zu fühlen, ist okay, aber Kinder müssen lernen, mit diesen Gefühlen so umzugehen, dass sie dabei andere nicht verletzen", sagt Weissbourd.

Das können Eltern tun:

  • mit Kindern Techniken üben, die man in einer emotionalen Krise einsetzen kann - zum Beispiel fünf tiefe Atemzüge, bevor man in einer aufgewühlten Situation antwortet,
  • ethische Fragen in Familiengesprächen thematisieren.

Das sagen andere:

"Eltern sollten vor allem selbst sensibel mit den Gefühlen ihrer Kinder umgehen", meint Alfie Kohn, Autor des Buchs "Der Mythos des verwöhnten Kindes". "Kindern, die sich darauf verlassen können, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse respektiert werden, fällt es leichter, dies auch anderen gegenüber zu tun."

Die Arbeit an der Nettigkeit lohnt sich - davon sind die Experten überzeugt. "Kinder, denen Fürsorge für andere wichtig ist, wachsen zu empathischen Erwachsenen heran", sagt Jean Twenge. Das fördere übrigens auch den von vielen Eltern angestrebten beruflichen Erfolg ihrer Kinder: "Sie sind glücklicher, und ihr Einfühlungsvermögen öffnet ihnen im Beruf viele Türen."



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fatherted98 08.08.2014
1. Leistungshungrig?
....also Leistungshungrig habe ich noch keine Generation erlebt....auch nicht die jetzt heranwachsende....wo sind die denn alle?
unky 08.08.2014
2. Passt doch
Zitat von sysopCorbisErfolgreich, glücklich, fürsorglich - so wünschen Eltern sich ihre Kinder. Doch eine Studie aus den USA zeigt, dass eine Generation leistungshungriger Egoisten heranzuwachsen droht. Psychologen geben Tipps für eine bessere Erziehung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erziehung-psychologen-sagen-wie-kinder-erfolgreich-und-nett-werden-a-984950.html
Das sind doch genau die Menschen, die der entfesselte Finanzkapitalismus braucht. Mitgefühl gegenüber den Menschen gibt es doch seitens der Herrschenden auch keines mehr - täglich zu beobachten bei sog. Top-Managern, Politikern, Ämtern und Behörden.
anonymousx 08.08.2014
3. Das System
Zitat von sysopCorbisErfolgreich, glücklich, fürsorglich - so wünschen Eltern sich ihre Kinder. Doch eine Studie aus den USA zeigt, dass eine Generation leistungshungriger Egoisten heranzuwachsen droht. Psychologen geben Tipps für eine bessere Erziehung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/erziehung-psychologen-sagen-wie-kinder-erfolgreich-und-nett-werden-a-984950.html
Hier wird doch einfach der Einfluss unserer westlichen Wertegemeinschaft vernachlässigt und alles nur auf die Eltern bezogen. Wichtig ist aber auch welchen EInfluss die Umwelt und die Gesellschaft auf die Menschen haben. Wenn es ständig nur um Quartalszahlen und Rendite geht, bei den NAchrichten die wirtschaftlichen Folgen der Ebola-Epidemie thematisiert werden und am Ende jeder NAchrichten auch noch mal die Aktienkursentwicklung mit Hinblick auf die Wichtigkeit von zufriedenen und nicht verunsicherten Investoren groß und breit dargestellt wird, ja worum geht es denn hier? Ums Geld. Den Menschen wird doch schon im Kindesalter eingebläut Ellbogen zu haben, sich selbst zu verwirklichen ist das Wichtigste und und und... Was dieses System aus den Menschen macht wird erst allen klar, wenn es zu spät ist. Mit mehr Selbstbezug und weniger "Nächstenliebe" (nicht im christlichen Sinne) wird auch die HEmmschwelle geringer bei der Zustimmung zu Themen wie Überwachung, Ausgrenzung von vermeintlich kriminellen Gesellschaftsschichten und Nationalitäten und zur Bereitschaft zum Krieg. Irgendwann sind wir mal wieder da, wo wir schon waren.
holyowly 08.08.2014
4. Bitte....
bitte geben sie diese Empfehlungen doch den Betreuerinnen und Betreuern der staatlichen Verwahranstalten. Viel Zeit mit ihren Kindern verbringen Eltern ja heute nicht mehr. Den Erziehungsauftrag reiche man als durch.
jasenoster 08.08.2014
5. Toll
Klingt ja alles recht nett. Für mich äusserst Weltfremd... Das funktioniert nur, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern und Kindern und umgekehrt auch so einigermassen klappt. Jaja eben klingt toll
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