Erzwungene Geständnisse Wie man einen Mörder erschafft

In Verhören gestehen Verdächtige mitunter Verbrechen, die sie gar nicht begangen haben. Die Rechtspsychologin Julia Shaw erklärt, warum Menschen falsche Geständnisse ablegen.

Polizeiabsperrung an einem Tatort
DPA

Polizeiabsperrung an einem Tatort


In meiner ersten Kolumne ging es um Forscher, die unschuldigen Probanden im Labor einreden, sie hätten Verbrechen begangen, die nie stattgefunden haben. In diesem Text möchte ich Ihnen erklären, warum unschuldige Menschen auch außerhalb eines Versuchslabors furchtbare Taten gestehen können.

Nehmen wir als Beispiel einen populären amerikanischen Fall, der in den englischsprachigen Medien immer noch heiß diskutiert wird: der Fall von Brendan Dassey aus der Netflix-Dokumentarserie "Making a Murderer".

Neun Jahre saß der vermutlich unschuldige Dassey im Gefängnis, bis er am 12. August 2016 freigesprochen wurde. Laut Richter William Daffin waren die Ermittlungen hochproblematisch verlaufen. Die Polizisten behaupteten während ihrer Verhöre gegenüber Dassey mehrfach, dass Sie bereits wussten, was am 31. Oktober geschehen war und versicherten ihm, er solle sich keine Sorgen machen, nur auf seine Ehrlichkeit komme es an, diese würde ihm helfen und ihn sogar befreien.

Zur Person
  • Boris Breuer
    Julia Shaw, 1987 in Köln geboren und in Kanada aufgewachsen, lehrt und forscht an der London South Bank University auf dem Gebiet der falschen Erinnerungen. Die Rechtspsychologin berät Polizei, Bundeswehr und Rechtsanwälte bezüglich ihrer Befragungsmethoden. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt sie regelmäßig über unser trügerisches Gedächtnis.

Die falschen Versprechungen der Ermittler, Dasseys Alter von nur 16 Jahren, seine nachweisbaren intellektuellen Defizite und das Fehlen eines unterstützenden Erwachsenen während der Verhöre machten seine Aussagen - so die Entscheidung des Gerichts -, zu einem Geständnis wider Willen. Aber wie war es dazu gekommen?

Der Fall

Anfang November 2005 meldeten Freunde und Familie die Fotografin Teresa Halbach als vermisst. Sie lebte zuletzt im US-Bundesstaat Wisconsin. Die letzten Spuren der Fotografin führten zu dem Grundstück von Steven Avery. Steven Avery besaß einen Schrottplatz mit Tausenden Autos, darunter befand sich auch der Wagen von Teresa Halbach. So wurde Steven Avery zum Hauptverdächtigen.

Ein junger Mann wurde mehrfach ausgefragt über den vermuteten Mord. Es war der 16 Jahre alte Neffe von Steven Avery: Brendan Dassey. Seine Aussage wurde zu einem der wichtigsten Beweise in diesem Fall. Nach mehrfacher Befragung behauptete Brendan Dassey nämlich, dass er seinem Onkel geholfen habe, Teresa Halbach zu vergewaltigen und zu töten. Seine Aussage war extrem detailliert. Er erzählte genau, wo und wie die Fotografin brutal getötet wurde und wie die beiden ihren Körper zerstückelt und in einem großen Feuer entsorgt hätten.

Ein falsches Geständnis

Nachdem er den Mord gestanden hatte, widerrief Brendan Dassey sein Geständnis. Als seine Mutter Barb ihn fragte, warum er den Mord gestanden hätte, wenn er doch unschuldig sei, sagte er Folgendes (Gespräch gekürzt und übersetzt, das Original hier):

Brendan: Nun, es ist die Wahrheit, wenn ich dir sage, dass es nicht wahr ist.

Barb: Aber warum hast du es dann gesagt?

Brendan: Sie (die Polizei) sagten, dass sie bereits wussten, was geschehen war. Dass sie wollten... nur wollten, dass es aus meinem Mund kommt.

Barb: Aber, was ich nicht verstehen kann, ist, warum du diese ganze Scheiße erzählt hast, wenn sie gar nicht stimmt? Und wie du darauf gekommen bist?

Brendan: Geraten.

Barb: Was meinst du mit "geraten"?

Brendan: Ich hab geraten.

Barb: Bei so etwas rät man nicht, Brendan.

Brendan war ein 16-jähriger Junge mit eingeschränkter intellektueller und sozialer Kompetenz. Er war minderbegabt in der Schule und hatte Probleme, dem sozialen Druck und den suggestiven Fragen der Polizei standzuhalten. Obwohl Brendan sein Geständnis zurückzog, wurden er und sein Onkel 2007 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Brendan wird wohl in ein paar Wochen freikommen, so hat es am 12. August 2016 ein Richter in Wisconsin verfügt, aber sein Onkel bleibt hinter Gittern.

Unschuld in Gefahr

Es gibt zwar Risikofaktoren, die die Wahrscheinlichkeit von Falschaussagen und falschen Geständnissen erhöhen - etwa wenn die Befragten minderbegabt oder noch im jugendlichen Alter sind - dennoch kann eine solche Situation jedem passieren.

Laut dem Innocence Project beinhalten 25 Prozent aller Fehlurteile unwahre Geständnisse oder Falschaussagen. Die meisten sollen sogar von Erwachsenen mit einem normalen IQ stammen. Fehlurteile passieren also schneller, als wir gerne glauben würden.

Es gibt drei Hauptgründe, warum Menschen Verbrechen gestehen, die sie nicht begangen haben:

  • Leichte Manipulierbarkeit: Leute wie Brendan Dassey passen ihre Aussage den Ermittlungen an. Solche Menschen sagen dem Vernehmungsbeamten, was er scheinbar hören möchte. Das kann passieren, weil der Befragte mit der Situation überfordert ist oder weil er sich so schnell wie möglich aus der Situation herausziehen möchte. Diese Art von Falschaussagen, die unter Polizeidruck während einer Vernehmung entstehen, nennt man erzwungene falsche Geständnisse (coerced-compliant false confessions).
  • Freiwillige falsche Geständnisse (voluntary false confessions): Manchmal gestehen Menschen Verbrechen, weil sie Aufmerksamkeit wollen oder den eigentlichen Täter schützen möchten. Ab und zu gestehen Täter auch kleinere Delikte, um die Konsequenzen von größeren Taten zu vermeiden - ein effektiver Weg, um ein Alibi vorzutäuschen.
  • Angeklagte verwechseln Vorstellungen mit Erinnerungen: In solchen Situationen kommt es zu sogenannten internalisierten falschen Geständnissen (coerced-internalized confessions). Durch problematische Verhörmethoden, vor allem durch mehrfache Befragungen mit Suggestivfragen und suggerierten Details, kann es passieren, dass ein Verdächtiger sich nicht mehr sicher ist, was wirklich passiert ist. Um dieses Phänomen ging es in meiner letzten Kolumne "Trügerische Erinnerungen: Der vermeintliche Verbrecher".

Experten behaupten, dass ein falsches Geständnis oft zu einer Serie von Fehleinschätzungen führt, die auch andere Aussagen und Beweisstücke beeinträchtigt. Zudem kann die Polizei in eine Art Tunnelblick geraten und so - wie im Fall Brendan Dassey -, Beweise ignorieren, die den Verdächtigen entlasten könnten.

Wenn Sie selbst einmal in die Situation kommen, Ihre Unschuld beweisen zu müssen, sollten Sie sich vor falschen Erinnerungen hüten und genau auf die Befragungsmethoden achten. Vermeiden Sie "Was-wäre-wenn"-Szenarien und seien Sie sehr vorsichtig bei der Wiedergabe von Details, über die Sie von Anfang an nicht ganz sicher sind. Sie könnten zu einer Falle werden für Sie oder für andere.

Korrektur: Brendan Dassey ist derzeit noch nicht auf freiem Fuß, wie es ursprünglich in diesem Text hieß. Ein Richter hatte am 12. August 2016 zwar seine Freilassung verfügt, allerdings binnen 90 Tagen.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
lachina 06.09.2016
1. Es jedem recht machen....
es sind auch oft Charaktere, die es jedem Recht machen wollen und die Erwartungen anderer erfüllen. Dann schlüpfen sie in die zugeteilte Rolle. Also eher unsichere Personen oder sehr sensitive, die erspüren, was der andere von ihnen will. und dabei wenig konfliktfähig sind. Wenn man ein Geständnis ablegt, gibt es erstmal ein positives feed- back der Ermittler.
paulvernica 06.09.2016
2. nix neues - hatten wir schon
Das Problem gab es Anfang bis Mitte der 90er Jahre massenhaft in Deutschland, als feministische Organisationen kleinen Kindern suggerierten sie wären von dem oder jenem missbraucht worden. Dies führte dazu dass reihenweise Kinder den Eltern entzogen wurden. Parallel suggerierte man der Gesellschaft, man muss Kindern glauben. So einfach lassen sich Menschen manipulieren.
nano-thermit 06.09.2016
3. Guantanamo?
Waren in Guantanamo alle Geständnisse ohne Folter? Wohl eher nicht...!
Stefan_G 06.09.2016
4. Die wahrscheinlich wichtigste Begründung ...
... für falsche Geständnisse wird nicht beim Namen genannt. Man überzeugt den Verdächtigen davon, dass die Beweismittel auch ohne Geständnis für eine Verurteilung reichen. Dann stellt man ihm Strafmilderung bei einem Geständnis in Aussicht, denn es ist ja völlig klar, dass ein Angeklagter, der beständig abstreitet, weder einsichtig noch reuig ist und deshalb eine besonders harte Strafe (ohne Bewährung) verdient hat.
quark2@mailinator.com 06.09.2016
5.
Wirklich frustrierend ist aber, daß einem bei einem Geständnis eine niedrigere Strafe in Aussicht gestellt wird, bzw. daß ohne Geständnis deutliche Verschärfungen erfolgen - z.B. gerade bei Sexualstraftaten eine negative Prognose mangels Einsicht erfolgt, die einem Unschuldigen das Leben noch viel unerträglicher macht. Ich frage mich, wie diese Praxis mit dem Rechtsstaat überhaupt vereinbar ist. Dürfte ein Hauptgrund für vorsätzlich falsche Geständnisse sein.
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